Letztes Update am Di, 15.10.2019 12:43

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


E-Motorrad

110 Pferdestärken ohne Auspuff, Lärm und böse Blicke

Der Neo-Tiroler Armin Hoyer (51) wollte beweisen, dass Motorrad-Fahrer nicht mit stinkenden Abgasen und krachenden Motoren durch die Alpen kurven müssen. Mission geglückt. Fünf Tage war er mit dem Elektro-Motorrad unterwegs, nur einmal kam er beim Blick auf den Tacho ins Schwitzen.

Auf der Durchreise: Armin Hoyer macht am Innsbrucker Marktplatz mit dem E-Motorrad eine Zwischenstation.

© Michael KristenAuf der Durchreise: Armin Hoyer macht am Innsbrucker Marktplatz mit dem E-Motorrad eine Zwischenstation.



Text: Matthias Christler

Das Geräusch wird lauter. Jeder kennt es, wenige mögen es, aber an diesem sonnigen Nachmittag am Innsbrucker Marktplatz ist es unüberhörbar: Es wird getuschelt. Immer wieder einmal, manchmal leiser, dann lauter, einmal in Deutsch, aber auch in Englisch: „That’s an electric bike“, sagt ein Tourist im besten Britisch-Englisch zu seiner Begleiterin und es schwingt wahre Begeisterung in seinem Tuscheln mit. Er ist vor dem Elektro-Motorrad stehen geblieben, als würde ein Silberpfeil, die bekannten Mercedes-Formel-1-Autos, einen Abstecher nach Innsbruck gemacht haben. Neben dem schnittigen Gefährt steht aber nicht der britische Weltmeis­ter Lewis Hamilton, sondern der Neo-Tiroler Armin Hoyer. Der 51-Jährige übersiedelt derzeit von Wien nach St. Jakob in Haus. Zuvor wollte der Motorrad-Blogger (arminonbike.com) fünf Tage lang die schönsten Straßen und Pässe in den lärmgeplagten Alpen auf eine nicht alltägliche Weise erleben: ohne Abgase und ohne lautes Knattern.

Da machen die Buben Augen

Am Innsbrucker Marktplatz steht er also an einem sonnigen Septembernachmittag für ein paar Fotoaufnahmen neben der geliehenen „Zero SRF“, einem E-Motorrad der neuesten Generation. 110 PS treiben die zwei Räder an. Der interessierte Brite wurde von seiner Begleitung bereits weitergezerrt, dafür stehen jetzt zwei Buben am Hinterrad. Es sieht so aus, als würden sie den Auspuff suchen. Rechts nichts, links auch nicht. Wenn die Fragezeichen in den Augen zu groß werden, gibt Hoyer gerne Auskunft: „Egal, wo ich anhalte, die Leute kommen her und schauen. Meistens erst vorsichtig, aber extrem interessiert“, berichtet Hoyer von seinen Pausen, in denen er Aufklärungsarbeit leistet und immer die gleichen Fragen beantwortet: Was ist das? Ein E-Motorrad. Wie schnell fährt es? So 200 km/h. Wie klingt das Fah­ren? Nicht so ein Knattern, eher wie ein Düsen. Wie weit kommt man damit? Ca. 200 Kilometer, wenn nicht gerade mal 1000 Höhenmeter auch noch überwunden werden müssen. „Da war ich etwas zu blauäugig“, erzählt Hoyer über eine kritische Reichweiten-Situation in Südtirol.

Aber das Improvisieren und Ausprobieren gehört zu dieser Tour dazu. Er sehe sich schon ein wenig als „E-Pionier“, als einer, der versucht, ob man auch ohne Ladeprobleme in fünf Tagen durch drei Länder mit sechs Alpenpässen 900 Kilometer weit kommen kann. Hoyer hat auf zwei Rädern schon viel erlebt. Mit 16 besorgte er sich eine Vespa mit 4 PS, er fuhr zwischenzeitlich auch Mountainbikerennen und gab vor vier Jahren so richtig Gas, als er sich eine Ducati Monster mit 107 PS gegönnt hat. Die macht ihrem Namen alle Ehre, er fährt sie auf der Straße und auf Rennstrecken. Das Krachen, wenn er am Gashebel dreht, dieses Geräusch, das lieben Motorradfahrer. Und das hassen Menschen, die direkt an viel befahrenen Straßen wohnen.

Fünf Tage, drei Länder, sechs Alpenpässe über 2000 Meter und 919 km. Tag 1: von Traunstein nach Innsbruck. 2. Tag: Sölden. 3. Tag: übers Timmelsjoch bis nach St. Ulrich in Gröden. 4. Tag: über Cortina bis Heiligenblut. 5. Tag: zurück nach Traunstein.
Fünf Tage, drei Länder, sechs Alpenpässe über 2000 Meter und 919 km. Tag 1: von Traunstein nach Innsbruck. 2. Tag: Sölden. 3. Tag: übers Timmelsjoch bis nach St. Ulrich in Gröden. 4. Tag: über Cortina bis Heiligenblut. 5. Tag: zurück nach Traunstein.
- TT-Grafik

Verständnisvoller Freak

Kurz vor dem Ende seiner Alpentour übernachtet Hoyer in Heiligenblut, auch an der Straße. Der Motorrad-Freak kann die Menschen verstehen, die seiner „Spezies“ – die der Krach machenden Biker – immer böse Blicke zuwerfen.

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„Was da in Heiligenblut schon in aller Früh am Balkon meines Hotels vorbeigerauscht ist, war schon sehr laut und viel.“ In solchen Orten würden oft nette Leute heraußen auf Bankerln sitzen und „dann kommen da reihenweise wirklich laute Maschinen vorbei, da denke ich mir, für die Bevölkerung müssen E-Fahrzeuge, was Lärm und stinkende Abgase betrifft, wirklich ein Segen sein“.

Viele Argumente sprechen für E-Motorräder. An das Fehlen des lauten Krachs, des Knatterns der Motoren, das die Zweirad-Freunde so lieben, können sich vielleicht einige sogar gewöhnen. Der Knackpunkt ist ein anderer. Die E-Ladestationen. Zweimal machte Hoyer seiner Rolle als Pionier dabei alle Ehre. In Innsbruck wurde es etwas chaotisch, in Südtirol wirklich knapp.

Von irgendwo kommt Hilfe her

Zuerst Innsbruck: Auf der Suche nach einer freien Ladestation macht Hoyer eine App auf seinem Handy auf. Angezeigt wird ihm die nächste am Sparkassenplatz, nach kurzer Verwirrung ist klar, dass die­se nicht mehr am, sondern unter dem Sparkassenplatz zu finden ist. Er fährt in die Tiefgarage und dann steht er kurz mit Fragezeichen in den Augen vor dem Anschluss. Er müsste jetzt eine IKB-Karte haben oder eine neue App herunterladen, sich registrieren und dann könnte er Strom tanken. Auf so einer Tour durch drei Länder kann es also leicht passieren, dass man mehrere Apps von verschiedenen Anbietern benötigt. Warum einfach wie an der Benzin-Tankstelle, wenn es auch kompliziert geht?

Das werden auch oft die Mitarbeiter von „Austrian Mobile Power“, einer Plattform zur Förderung von Elektromobilität in Österreich, gefragt. Geschäftsführer Heimo Aichmaier sagt dazu: „Es hat verschiedene Wellen gegeben beim Aufbau der Ladestationen und deshalb gibt es viele verschiedene Umsetzungsvarianten mit unterschiedlichen Software-Lösungen.“ Vor zwei Jahren habe seine Organisation Tests gemacht und danach die Betreiber auf umständliche Tank- und Bezahlformen hingewiesen. „Wir stehen heute schon viel besser da als früher.“

Aber wenn es, so wie bei der Schnellladestation unter dem Sparkassenplatz, doch einige ratlose Momente länger dauert, kommt von irgendwo ein anderer Elektro-Gleichgesinnter her. Der Tesla-Fahrer spricht mit Hoyer, dann zückt er seine IKB-Karte und das Motorrad wird auf fremde Kosten aufgeladen. „Man merkt schon, dass die Community sich hilft“, ist Hoyer erleichtert. Für die restliche Reise nutzt er meistens ein anderes Kabel, das er an jede normale Steckdose anstöpseln kann. Das dauert zwar einige Stunden länger, aber ist dann doch genauso einfach wie Benzin-Tanken an der Tankstelle.

Und wie war das nochmal in Südtirol? Auf der Etappe von Bozen nach St. Ulrich in Gröden ging Hoyer fast der Saft aus: „Ich dachte, es geht sich schon aus, aber habe die 1000 Höhenmeter, die dazwischen liegen, nicht beachtet. Bei nur noch drei Prozent und vier Kilometern Restreichweite habe ich schon ein bisschen gezittert“, gesteht er jetzt nach der Reise bei einem Gespräch ein. Sein Fazit ist, dass eine E-Motorrad-Tour durch die Alpen möglich ist und auch Spaß macht.

Der Dschungel aus Ladestation-Systemen und Apps, die anzeigen, wo Ladestationen sind, hat einen „Pionier“ wie ihn nicht aufgehalten. Und in Zukunft soll man zumindest in Österreich auf einen Blick die Ladestationen sehen können. Wie bei spritpreisrechner.at arbeitet die E-Control im Auftrag des Bundesministeriums für Digitalisierung an einem Verzeichnis und einer Karte mit allen öffentlich zugänglichen Ladestationen. Das sei im Aufbau und schon in einer Testphase, sagt Heimo Aichmaier von „Austrian Mobile Power“.

Der schönste Moment

Für Hoyer sind das kleine Hindernisse, die er gerne umkurvt, für ein höheres Ziel. „Mein schönster Moment auf der Reise war am Tiefenbachferner“, erzählt er. „Es war schon spät am Nachmittag, die Sonne war kurz vor dem Untergehen und ich hatte den Gletscher im Blick. So fuhr ich ganz alleine die Straße hinauf, links und rechts leicht angezuckert, es war ganz still, bis auf das leichte Düsen meines Motors.“ An dieses Geräusch kann er sich gewöhnen.