Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 01.11.2019


Spiel und Spaß

Spielemesse Essen: “Man muss mit den Spielern mitfiebern“

Die weltweit größte Spielemesse in Essen lockte vergangenes Wochenende 200.000 Menschen an. 1200 Aussteller waren vor Ort, um ihre Neuheiten zu präsentieren. Vier Tage Spiel, Spaß und Stress – vor allem für die fast heldenhaften „Spiele-Erklärer“.

Spiele-Promoter Markus ist ganz in seinem Element. Er erklärt mit voller Leidenschaft den Messebesuchern das Spiel des Jahres „Just One“.

© holzerSpiele-Promoter Markus ist ganz in seinem Element. Er erklärt mit voller Leidenschaft den Messebesuchern das Spiel des Jahres „Just One“.



Von René Holzer

Essen – Ein Sitzkreis aus jungen und alten Menschen hat sich vor dem Stand des Repos-Verlags gebildet. In der Hand halten sie einen Stift, vor ihnen steht eine Tafel. Alle warten auf Anweisungen. In ihrer Mitte kniet ein junger Mann. Er trägt einen Sombrero, auf seiner Stirn sind Schweißperlen zu erkennen. Er atmet tief durch und blickt verzweifelt in die Runde. „Es ist Sonntag“, krächzt er in sein Mikrofon.

Tag vier der Spielemesse in Essen in Deutschland am vergangenen Wochenende. Markus steht schon den vierten Tag auf dieser Bühne und versucht, den Messebesuchern das aktuelle Spiel des Jahres näherzubringen. Seine Stimme hatte er deshalb bereits am Vortag eingebüßt, nachdem er die Regeln zu „Just One“ schon unzählige Male erklärt hatte. Und auch, weil er dies mit Leidenschaft und Hingabe tut. „Ich bin eine Rampensau“, meint er und trinkt Pfefferminztee mit Honig, um seine Stimme in den kurzen Pausen wieder auf Hörlautstärke zu bringen. Nach gut einer Stunde wird Markus von einem Kollegen abgelöst, zieht sich für zehn Minuten zurück und legt die Füße hoch. Oder er versorgt Leidensgenossen mit Getränken und guten Worten.

Der studierte Betriebswirt ist nebenberuflich seit 14 Jahren auf der Messe tätig und führt als „Head Promoter“ ein mittlerweile 33-köpfiges Team von Spiele-Erklärern an. „Als Promoter muss man sich auch selbst verkaufen, um die Leute für das Spiel zu begeistern. Und ich hab da Bock drauf. Man muss mitfiebern mit den Spielern. Dafür brennen. Das reißt dann auch das Team mit“, quasselt er auch in seiner wertvollen Pause unermüdlich weiter. „Natürlich gibt es auch Nörgler. Oft werden die Leute von ihren Partnern auf die Messe geschleift oder sie verstehen das Spiel einfach nicht. Dann empfehle ich ihnen, einfach besser ein anderes Spiel auszuprobieren.“

Kaum ist die Runde zu Ende gegangen und die Mitspieler haben sich wieder vom Messe-Rummel aufsaugen lassen, sitzen sieben neue Ratefüchse auf den Stühlen. Bei „Just One“ geht es darum, einem Mitspieler durch Hinweise einen Begriff zu erklären. Dabei wählen die Spieler die Hinweise im Geheimen. Gleiche Hinweise werden ausgeschlossen und der Ratende bekommt nur die, die übrig sind.

Markus hat kaum Zeit durchzuschnaufen, Erklärung und Entertainment beginnen von vorn. Seine Sprüche wiederholen sich zum Teil, seine Erschöpfung ist merkbar. Doch immer noch strahlt er gute Laune aus. „Man erlebt auch immer wieder tolle Geschichten. Kinder, die verblüffende Hinweise geben, Enkel, die ihre Großeltern auf die Bühne schubsen, und viel gemeinsames Lachen, wenn kuriose Begriffe genannt werden.“

Geschichten erzählt auch der Trend. Geschichten sind der Trend. Diesen Boom haben in den letzten Jahren die unzähligen „Escape Room“-Spiele ausgelöst. Mittlerweile setzen viele Verlage darauf, die realen Fluchtspiele für den Wohnzimmergebrauch umsetzbar zu machen. „Die Mechaniken treten in den Hintergrund, die Story in den Vordergrund“, erklärt Ronja Lauterbach, zuständig für das Marketing bei Pegasus-Spiele. „Die Menschen wollen zuhause an einem Abend eine tolle Geschichte erleben und in eine andere Welt eintauchen. Es geht auch um einen Wow-Faktor. Die Spieler und Spielerinnen wollen Spiele, die sie so noch nicht gesehen haben.“

So soll es sich auch bei der UNDO-Serie von Pegasus verhalten: Der Ausgang der Geschichte steht geschrieben, kann aber verändert werden. Mit Hilfe der Spielkarten werden Indizien entdeckt und neue Theorien können aufgestellt werden, um das tragische Ende zu verhindern. In „Kuala“ wird gemeinsam über den Fortgang einer Geschichte entschieden. Jeder Spieler kann mit seinen individuellen Informationen und Eigenschaften den Lauf der Geschichte lenken.

Markus lenkt nach wie vor unermüdlich eine Spielegruppe nach der anderen. Er ist nur einer von Hunderten von Spielerklärern, die den Menschen auf dieser oder anderen Messen das oftmals so ungeliebte Regellesen ersparen und sie sofort in das Spiel eintauchen lassen.

Dabei versucht die Industrie den Einstieg in ein neues Brettspiel immer angenehmer zu machen. Neben „How-to-play“-Videos, die alle Feinheiten einer Spielregel erklären und immer professioneller werden, gibt es bereits so genannte Erklär-Apps. Nach Download der betreffenden Spieledatei kann so in einfachen Schritten das Spiel aufgebaut, gelernt und gespielt werden, immer mit Hilfe eines automatisch stoppenden digitalen Erklärers. Die grafische Aufbereitung unterstützt den Einstieg enorm und hilft auch den faulsten und ungeduldigsten Regellesern, in das Spiel einzutauchen.

Einen Erklärer wie Markus kann dies jedoch nicht ersetzen. Dieser bemüht sich vom ersten bis zum letzten Tag, die Leute mitzureißen und sie mit Geschichten über die Messe zu unterhalten. Sie haben sichtlich Spaß dabei. Er selbst ist innerlich angezählt. „Es ist hart. Ich bin am Limit. Jedes Jahr freut man sich wieder auf die Spielemesse. Von Tag zu Tag wünscht man sich dann mehr, dass es wieder vorbei ist. Und dann sitze ich nach dem Ende der Messe auf der Fahrt nach Hause im Auto und denke mir: Schade, dass es wieder vorbei ist.“

Der Andrang zur größten Spielemesse der Welt war enorm. Man konnte die Spiele von 1200 Herstellern testen.
Der Andrang zur größten Spielemesse der Welt war enorm. Man konnte die Spiele von 1200 Herstellern testen.
- merz

Tipps von der Spielemesse

Obscurio (2—10 Spieler, ab 10, 40 Minuten+, Libellud). Gefangen in der Bibliothek eines Hexenmeisters versuchen die Zauberer wieder zu entkommen. Doch einer unter den Mitzauberern führt Böses im Schilde und versucht die Flucht zu verhindern. In jeder Runde gibt ein Spieler mittels Bildkarten den Mitspielern Hinweise auf das richtige Ausgangstor. Der Verräter versucht ähnliche Bildkarten ins Spiel zu bringen, um die anderen in die Irre zu führen. Ebenso machen gefinkelte Fallen das Fluchtvorhaben deutlich schwieriger. Doch auch der Verräter muss aufpassen, dass er nicht entlarvt wird.

Deep Blue (2—5 Spieler, ab 8, 45 Minuten+, Days of Wonder). Im „Push-Your-Luck"-Spiel Deep Blue gehen die Spieler auf Schatzsuche in den Tiefen der Meere. Man bewegt sein Schiff auf ein Wrackplättchen und startet den Tauchgang. Andere Spieler können sich an dem Tauchgang beteiligen, um ebenso Schätze einzustreichen. Doch Vorsicht ist geboten, da die Gier nach Reichtum die Spieler leichtsinnig werden lässt. Geht nämlich der Sauerstoffvorrat zur Neige oder gerät man in die Krallen eines Seeungeheuers, schlüpfen einem auch die wertvollen Güter durch die Finger.

Kuala (1—4 Spieler, ab 7, 45—60 Minuten, Pegasus). In einem Spielecomic trifft der Leser selbst Entscheidungen über den Fortgang der Geschichte. In „Kuala" können nun bis zu vier Spieler gleichzeitig eine Geschichte erleben und ihren Ausgang mitbestimmen. Jeder Spieler bekommt dazu ein Buch, das sich in Nuancen von den Büchern der Mitspieler unterscheidet. Die vier verschiedenen Charaktere zeichnen sich durch spezielle Fähigkeiten aus. Und diese Fähigkeiten gewähren den einzelnen Spielern Zugriff auf Orte, an die die anderen nicht gelangen können.

Last Bastion (1—4 Spieler, ab 14, 45 Minuten+, Repos-Verlag). Zum Zehn-Jahres- Jubiläum des kooperativen Kultspiels „Ghost Stories" überarbeitete der Repos-Verlag gemeinsam mit dem Autor Antoine Bauza das Spielprinzip, änderte das Thema und spendierte einen neuen Anstrich. Das Spielziel bleibt erhalten: die „Last Bastion" vor dem Ansturm der Horden des Bösen verteidigen und den Overlord besiegen. Jeder Spieler verfügt über eine individuelle Spezialfähigkeit. Mehrere Schwierigkeitsgrade stellen dauerhaft neue Herausforderungen bereit.

Kitchen Rush (2—4 Spieler, ab 8 Jahren, 20 bis 60 Minuten, Pegasus). Ein Restaurant zu führen ist schwer. Vor allem, wenn man nur vier Minuten zur Verfügung hat. In dieser Zeit müssen Bestellungen aufgenommen, Mahlzeiten zubereitet und serviert werden. Als Arbeiter werden Sanduhren eingesetzt, die immer erst verwendet werden dürfen, wenn der Sand durchgelaufen ist. Die Spieler müssen zusammenarbeiten. Eine Partie ist flott gespielt. Der Aufbau der Spielregeln ermöglicht einen schnellen Einstieg.