Letztes Update am Do, 04.04.2013 13:22

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Freizeit

Wetterextreme heizen den Klimawandel an

160 Forscher diskutieren seit gestern in Seefeld, ob und wie Hitzewellen oder Dauerregen das Ökosystem nachhaltig verändern.



Seefeld – Im Stubaital spielt das Wetter verrückt, mit Absicht. Auf einem Hang über Neustift lassen es Wissenschafter vom Innsbrucker Institut für Ökologie in Zelten ungewöhnlich lange besonders trocken werden. Sie simulieren Dürren und anschließend­e Regenereignisse, um die Auswirkungen auf den Alm­boden zu erforschen. Bei einer Klimakonferenz in Seefeld mit 160 Wissenschaftern aus 20 Ländern, die ähnliche Versuche und Forschungsreihen durchführen, werden seit gestern bis Freitag die Erkenntniss­e zusammengetragen. „Wir versprechen uns eine Weiterentwicklung von Forschungsansätzen“, sagt Organisator Michael Bahn vom Institut für Ökologie. Noch vor dem Ende der Konferenz erhärtet sich ein Verdacht, den die Innsbrucker Wissenschafter auch im Stubaital geschöpft haben: Extreme Wetterereigniss­e können den Klimawandel beschleunigen. „Eine Hitzewelle wie 2003 in Europa, also ein einziges Wetterextrem, kann so viel Kohlendioxid frei­setzen, wie bei normalen Wetterbedingungen in vier Jahren aufgenommen wird“, erklärt Bahn. Die Kohlenstoffbilanz, wie viel CO2 die Pflanzen und der Boden aufnehmen bzw. wiede­r abgeben, wird stark beeinflusst – mit Folgen für den Klima­wandel.

„Wetterextreme haben möglicherweise einen deutlicheren Effekt als bisher angenommen. Sie können den Klima­wandel beschleunigen“, so der Ökologe. Zu spüren würden das vor allem die Wälder bekommen. Dürre oder Starkregen, zu viel oder zu wenig Wasser, die Forschung legt nahe, dass Bäume so etwas auf lange Sicht nicht verkraften. Entweder die Arten verändern sich oder sie sterben ganz ab. Es gebe laut Bahn eine direkte Rückkoppelung mit den Wetterextremen, die ein Waldsterben auslösen würden. Und eine indirekte Rückkoppelung, wie zum Beispiel ein vermehrtes Auftreten von Borkenkäfern und einen Anstieg der Waldbrandgefahr.

Zurück auf die Wiese ins Stubaital. „Grasland ist eher in der Lage, Extreme zu verkraften“, sagt Bahn, der mit seinem Team mitten in der Auswertung der Daten steckt. Die Wiesen wurden wiederholt Dürre-Ereignissen ausgesetzt. „Das Ökosystem hat ein­e Art Gedächtnis ent­wickelt. Es reagiert sensibler auf solche Ereignisse und merkt sich das – es ändert sich die Fähigkeit der Pflanzen, damit umzugehen, und es verschieben sich auch die Pflanzenarten“, spricht der Ökologe den so genannten „Erinnerungseffekt“ an, der in Zukunft weiter zu erforschen sei.

Auch bei Grasland gibt es eine direkte Rückkoppelung auf Wetterextreme, wie die Veränderung der Arten und eine indirekte Rückkoppelung. „Der Boden reagiert auf wiederholte extreme Dürre, und das kann dazu führen, dass er das Wasser nicht mehr so gut halten kann“, sagt Bahn. Und das könnte eine in Tirol ohnehin akute Gefahr erhöhen. Jene der instabilen Hänge. (chris)

TT-ePaper gratis testen

Jetzt kostenlos TT-ePaper lesen, das Test-Abo endet nach 4 Wochen automatisch

Schritt 1 / 3

In nur 30 Sekunden gelangen Sie zum kostenlosen Test-Abo.




Kommentieren