Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 12.02.2015


Freizeit

Skitourenbindung: Weniger ist jetzt mehr

Rahmen oder Pin – hier scheiden sich in Sachen Bindung bei den Skitourengehern die Geister. Welches Sicherungssystem in der Zukunft eine Rolle spielt, hat die ISPO gezeigt.

© dynafitMarker beschreitet mit der „Kingpin“ (r.) neue Wege. Der Vater der Pin-Idee ist der Häringer Fritz Barthel (l.).Fotos: Dynafit, Angerer



Von Harald Angerer

München, Bad Häring – Eine Jugendsünde, die ihn immer noch begleitet – so bezeichnet Fritz Barthel mit einem Augenzwinkern einen der größten Meilensteine in der Geschichte der Skiindustrie der vergangenen Jahrzehnte. Der Bad Häringer hat vor 30 Jahren die so genannte Low-Tech-Bindung erfunden und damit die Skitourengeher drei Jahrzehnte lang in einen Glaubenskonflikt gebracht.

Die so genannte Low-Tech war nämlich die erste Pin-Skitourenbindung, welche ohne Rahmen funktionierte und damit um ein Vielfaches leichter als die Konkurrenzprodukte ist. Doch erst jetzt, nach dem Auslaufen des Hauptpatents, zeigt sich, welche Bedeutung die Erfindung hatte. In der vergangenen Woche fand die ISPO – die größte Sportartikelmesse der Welt – in München statt. Und dort gab es keinen einzigen Stand von Skibindungsproduzenten, auf welchem nicht eine Pin-Bindung als Neuheit für den Winter 2015/16 präsentiert wurde.

„Ich habe meinen Prototypen damals allen angeboten, egal ob Fritschi, Marker oder Silvretta. Ich war sogar bei Salomon in Frankreich. Damals bin ich abgeblitzt. Heute kann ich das verstehen. Aus wirtschaftlicher Sicht durften die nämlich gar kein Interesse an meiner Bindung haben“, schildert Barthel.

Anfang der 1980er-Jahre wurden an die zehn Millionen Paar Alpinskier und dazugehörige Bindungen verkauft, bei Tourenbindungen waren es gerade mal ein paar Tausend. Seine Idee zu der Low-Tech-Bindung sei auf Faulheit zurückführen. Barthel war im Winter mit einem Freund auf deMont Blanc gestiegen. „Dabei wäre ich fast eingegangen und da habe ich mir geschworen, nie wieder mit so schwerem Material zu gehen.“ Für den damals 22-Jährigen lag die Lösung auf der Hand: Da der Schuh steifer als ein Bindungsrahmen war, wollte er Letzteren weglassen. „Ein Kilo ist im Vergleich zum Körpergewicht zwar wenig, aber wenn man ihn jedes Mal etwas anheben muss, ist es viel“, sagt der Häringer. Und so entstand die Pin-Bindung. Durch die Zusammenarbeit mit Dynafit bekam die Bindung dann mehr Bekanntheit.

„Doch das, was jetzt gerade passiert, ist schon sehr viel Aufmerksamkeit“, gibt sich Barthel bescheiden. Dennoch, ohne Pin ging auf der ISPO nichts mehr. Selbst die großen Bindungsgegenspieler wie Fritschi und Marker setzten darauf. „Die Zeiten haben sich geändert“, heißt es am Marker-Stand dazu kurz und bündig.

„Ich sehe ein Ende der Rahmenbindungen in den kommenden fünf Jahren“, ist sich hingegen Michael Költringer, Marketing-Manager der Firma Dynafit, sicher. Für ihn gibt es zwei klare Trends. Zum einen spiele das Gewicht eine große Rolle, zum anderen sei die Sicherheit ein wichtiges Thema. TÜV-geprüfte-Auslösungen (garantiert, dass die Bindung beim Sturz zum idealen Zeitpunkt geöffnet wird) waren bisher ein Manko der Pin-Bindungen. Das habe sich nun geändert.

Allein Dynafit präsentierte drei Modelle mit zertifizierter Auslösung. Damit verbunden ist auch der Freeride-Trend. Die Bindungen mit zertifizierter Auslösung finden vor allem in diesem Bereich ihre Anwendung oder bei den Breitensport-Tourengehern, die viel auf Pisten unterwegs sind. Einen neuen Weg gefunden hat jedoch Marker, das sieht auch der Pin-Urvater Barthel so: „Marker hat einen sehr interessanten Weg eingeschlagen, hier sehe ich viel Potential.“ Die deutschen Bindungsspezialisten präsentierten auf der ISPO die „Kingpin“.

Der Vorderteil ist wie üblich mit den zwei Pins versehen, der Hinterbacken gleicht jenem einer Rahmenbindung. Das verbinde Leichtigkeit und Sicherheit, ist man bei Marker überzeugt. Somit ist auch die letzte Bastion der Rahmenbindungen gefallen. „Meine Fantasie ist nicht ausreichend, um noch einmal eine Veränderung zu Gunsten der Rahmenbindungen zu sehen“, gibt sich Barthel diplomatisch.

Aber auch sonst ist viel Bewegung im Tourensegment. Die Hersteller verzeichnen nach wie vor zweistellige Zuwachsraten. Grund genug auch für Salomon, nun in das Gebiet einzusteigen. Auf der ISPO präsentierten sich die Franzosen gleich als Komplettanbieter vom Ski über Bindung, Fell bis hin zu Helm und Rucksack. Der Fokus liegt dem Unternehmen entsprechend auch auf dem Bereich der abfahrtsorientierten Skitourengeher und Freerider. Sogar die Schwesterfirma Atomic (gehört ebenfalls zum Amer Konzern) rundet ihr Tourenangebot mit einem neuen, leichten Tourenschuh ab.

Ganz neue Wege beschreitet der kleine österreichische Hersteller Hagan. Als Erster bietet er nun ein Tourenset für Kinder an. „Der Tourensport ist schon immer unser Kerngebiet gewesen, wir wollen nun auch sportlichen Familien ein Angebot bieten“, sagt Markus Moser von der Firma Hagan. Den Kinderski gibt es in den Längen 125 cm, 135 cm und 145 cm und eine passende Bindung ab der Z-Zahl 2 und einem passenden Fell. Das Interesse der Händler am Stand für das Jugendset sei gegeben. Damit steigt die nächste Generation der Skitourengeher in die Spuren ein.