Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 08.05.2015


Freizeit

Die Leichtigkeit des Seins

E-Bikes sind auf dem Vormarsch. Immer mehr Österreicher lassen sich beim Radeln von einem Elektromotor unterstützen. Das wirft auch Fragen über die Sicherheit dieser Räder auf. .

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© Andreas Rottensteiner / TT



Von Markus Schramek

Innsbruck –Pfui!“, rufen Puristen unter den Radfahrern. Für sie ist das neumoderne Gerät des Nebenmannes eine Mogelpackung, technisches Doping. Immer mehr Zweiradpiloten husten aber auf solche Einwände. Sie genießen die Leichtigkeit, die das E-Bike ermöglicht. Fahrräder, die beim Treten von einem Elektromotor unterstützt werden, liegen im Trend.

Der Handel darf sich freuen. Schon 200.000 dieser Vehikel sind in Österreich im Umlauf. Schüchtern, mit 8000 verkauften E-Fahrrädern, hat es nach Zahlen der Wirtschaftskammer im Jahr 2008 begonnen. Schon 50.000 waren es im Vorjahr. Dies, obwohl Räder guter Qualität preislich erst bei 2000 Euro (nach oben weit offen) beginnen.

Fachgeschäfte wie Radsport Neuner in Innsbruck erzielen bereits das Gros ihres Umsatzes mit E-Bikes und zwar quer durch alle Altersschichten. „Auch jüngere Radler genießen es, ohne viel Training Mountainbikerouten zu bewältigen“, erzählt Firmenchefin Claudia Neuner. Und Christoph Zais, einer der beiden Leiter von BKD, ebenfalls in Innsbruck, prophezeit den neuen Fahrzeugen eine große Zukunft: „In zehn Jahren werden E-Bikes die am meisten verkauften Fahrräder sein.“

Die wachsende Beliebtheit der motorbestückten „Drahtesel“ (eher eine Beleidigung für diese High-Tech-Geräte) hat eine Sicherheitsdebatte ausgelöst. E-Bikes ermöglichen eine höhere Geschwindigkeit für längere Zeit. Wie gefährlich sind sie daher?

Ein wenig Übung ist für Anfänger sicher nötig. Denn der Motor bringt die Radler rasch in Fahrt. Auf Flachstrecken sind 25 km/h schnell erreicht. Dann ist aber auch schon Schluss mit dem „Anschupfen“. Laut Gesetz dürfen die Motoren der E-Bikes nur bis zu diesem Tempo unterstützend mitwirken. Wenn es schneller als 25 km/h sein soll, muss der Radler auf seine Muskelkraft setzen.

Der deutsche Automobilclub ACE schreibt den E-Bikes dennoch ein hohes Gefährdungspotenzial zu: Das Risiko, damit tödlich zu verunfallen, sei viermal höher als mit herkömmlichen Rädern. 3700 Unfälle mit verletzten E-Bikern hat es bei den Nachbarn im Vorjahr gegeben.

Doch dem Einwurf des ACE wird heftig widersprochen. Die Technische Universität Chemnitz und die Unfallforscher der Versicherer (UDV) haben über vier Wochen das Fahrverhalten von 90 Radfahrern im Alter von 16 bis 83 Jahren untersucht. Ein Teil der Testpiloten war mit konventionellen Rädern unterwegs, der andere mit elektrisch unterstützten. Das Ergebnis: Sämtliche Radler waren gleich oft in heikle Situationen im Straßenverkehr verwickelt. E-Biker radeln also nicht gefährlicher, sondern gleich gefährlich. Und sie sind auch kaum schneller unterwegs als die Piloten normaler Räder. Es geht ihnen also weniger um die höhere Geschwindigkeit als um den größeren Komfort, den ein E-Bike bietet. Motto: gleich schnell sein bei weniger Anstrengung.

Und in Österreich? Hier sind im Vorjahr 45 Radfahrer tödlich verunglückt; vier davon (neun Prozent) waren E-Radler. Der Verkehrsclub Österreich (VCÖ) sieht in diesen Zahlen eine Bestätigung der Studie aus Chemnitz. „Ein höheres Unfallrisiko für E-Fahrradfahrer gibt es nicht“, betont VCÖ-Sprecher Christian Gratzer. Deutlich größer ist hingegen die zurückgelegte Distanz. Das hat eine Untersuchung aus Vorarlberg gezeigt. Mit einem E-Fahrrad werden pro Jahr rund 875 Kilometer zurückgelegt; mit einem herkömmlichen Rad sind es nur 630 Kilometer.

Das Fahren macht offenbar viel Spaß. Elektroräder der neuen Generation haben das altväterische Design vergangener Tage abgelegt. Sie sehen heute sportiv und flott aus wie klassische Mountain- oder Citybikes. Namhafte Produzenten bauen die Rahmen, die verwendeten Motoren und Akkus (aufzuladen an jeder Steckdose) werden immer leistungsfähiger.

Mühelos klettert man mit einem solchen Fahrzeug auch Bergstraßen hinauf. 15 km/h zeigt der Tacho des E-Bikes bei einer Testfahrt auf steilem, schottrigen Untergrund. Mountainbiker ohne Motor haben das Nachsehen. An ihnen huschen E-Biker vorbei. Eigene Muskelkraft setzen diese ein, so viel sie wollen. Die Motoren unterstützen das Treten in mehreren Stufen: von leicht bis hin zum kräftigen Anschieben.

Natürlich kann der Motor auch auf „Aus“ gestellt werden. Mit reiner Muskelkraft können aber nur Kraftprotze ein E-Bike nach oben bewegen – kein Wunder, bei einem Radgewicht jenseits der 20 Kilo. Da kommt dann selbst ein E-Radler ins Schwitzen.

E-Bikes liegen voll im Trend.
E-Bikes liegen voll im Trend.
- TT/Rottensteiner