Letztes Update am Mi, 06.04.2016 16:22

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Genuss

Wenn die Milch zum Kühlschrank spricht: Zukunft der Verpackung

„Intelligente Verpackungen“ werden den Konsum von Lebensmitteln verändern. Derzeit sind schon viele Möglichkeiten da – doch der Konsument in Österreich ist offenbar noch nicht bereit.

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© Keystone(Symbolfoto)



Innsbruck – Das Display am Kühlschrank blinkt. „In vier Tagen läuft ihre Milch ab. Sie sollten Sie noch verbrauchen. Wollen Sie neue bestellen?“: So oder so ähnlich könnte es schon in wenigen Jahren in Österreichs Haushalten zugehen. Michael Krainz, Verpackungsentwickler und Experte beim Werkstoffprüfer OFI, ist sich sicher, dass der intelligente Kühlschrank spätestens 2020 Einzug in die heimischen Küchen hält. Und mit ihm könnten sich dann intelligente oder aktive Verpackungen durchsetzen. Dabei handelt es sich um Materialien, die etwa einen Chip eingebaut haben, über den sie Informationen zum Füllgut messen können.

Ist das Stück Fleisch noch essbar, oder sind schon zu viele Mikroben angesammelt? Kann ich den Orangensaft noch trinken, oder ist er schon ungenießbar? Diese Fragen könnten künftig geklärt werden und würden das Mindesthaltbarkeitsdatum überflüssig machen, das oft aus Sicherheitsgründen so kurz angesetzt ist, dass der Konsument tadellose Ware im Müll entsorgt. Zusätzlich wäre die Möglichkeit für eine Kommunikation zwischen Kühlschrank und abgepacktem Lebensmittel geschaffen.

Forschung ist schon weit

„Von der Umsetzbarkeit ist schon vieles möglich. Aber es ist natürlich immer eine Frage von Kosten und Nutzen“, erklärt Krainz im Gespräch mit TT.com.

Intelligente Verpackungen sind zuletzt im Zusammenhang mit der Lebensmittelverschwendung in den Mittelpunkt des öffentlichen Interesses gelangt. Deutschland steckt in die Entwicklung Millionen, das Ministerium in Österreich zögert noch und will vorerst auf Bewusstseinsbildung setzen. „In Amerika oder in Schweden und Norwegen werden intelligente Verpackungen schon beim Fleisch eingesetzt. Da geht es auch um Diebstahlsicherung, denn die eingebauten Chips können ja auch solche Sachen erkennen“, beschreibt Krainz. In Österreich aber seien die Konsumenten sehr konservativ – mit ein Grund, weshalb sich intelligente Verpackungen noch nicht am Markt durchsetzen konnten.

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Ein anderer Grund sind die Zusatzkosten die dem Handel und letztlich dem Konsumenten durch den Einsatz entstehen würden. Auch wenn es sich laut dem Experten nur um fünf oder zehn Cent pro Packung handeln dürfte – es ist derzeit offenbar noch eine enorme Hemmschwelle.

„Der Konsument will oft nicht wahr haben, dass es sich bei Verpackung nicht nur um Müll handelt, sondern um etwas mit Zusatznutzen. Es schützt ja die Lebensmittel vor verschiedensten Einflüssen, weshalb es wichtig ist, gut zu verpacken“, so Krainz. Zusätzlich könnte sehr viel Lebensmittelmüll vermieden werden.

Die kritische Haltung von Konsumenten bei aktiven Verpackungen (etwa Sauerstoffabsorbern mit Eisenspänen) die den Produkten in die Verpackung beigelegt würden, um die Haltbarkeit zu verlängern und das frische Aussehen der Lebensmittel zu wahren, kann Krainz teilweise nachvollziehen: „Die Konsumenten bei uns wollen das teilweise nicht sehen und schon gar nicht wollen sie, dass es Produktkontakt gibt“, so der Experte. „In Japan ist das Standard. Bei Backwaren werden solche Sauerstoffabsorber dazugelegt, damit die Ware länger hält und die Qualität erhalten bleibt.“

Verschwendung schwer zu lösen

Trotz der Möglichkeit, intelligente Verpackungen einzusetzten, bleibt das Thema Lebensmittelverschwendung schwer zu lösen. Es gibt auch noch keine Daten darüber, wie der Verbraucher den Einsatz solcher neuen Techniken einschätzt. Braucht er einen Chip, der ihm verrät ob das Joghurt schon abgelaufen ist? Ist es sinnvoll, intelligente Verpackungen auch bei Obst und Gemüse zu verwenden, wenn sie ohnehin meist binnen weniger Tage verzehrt werden?

Sind Konsumenten bereit, für eine Verpackung zu zahlen, die ihnen sagt, dass das Schnitzel nur noch vier Tage haltbar ist? All das sind Fragen, die die Entwickler noch nicht geklärt haben. „Es wäre aber schon jetzt sinnvoll, wenn sich Konsumenten einfach auf ihre Sinne zurückbesinnen und daran erkennen, ob ihre Lebensmittel noch zu essen ist. Sie sollten schauen wie es riecht, schmeckt, sich anfühlt – und nicht, was das Mindesthaltbarkeitsdatum sagt.“ (rena)

Aktive Verpackungen: Dabei handelt es sich um Verpackungen, die mit dem Lebensmittel in eine Wechselwirkung treten. So werden zum Beispiel Bananenkisten Ethylenabsorber zugefügt, die dafür sorgen, das Reifungshormon Ethylen einzubremsen. Dadurch bleiben die Bananen länger frisch. Sauerstoffabsorber werden zum Beispiel in Brotpackungen eingebaut. Sie verhindern, dass sich zu viel Sauerstoff ansammelt, der ja wieder das Wachstum von Mikroben begünstigt. Die Verderblichkeit wird dadurch verzögert.

Intelligente Verpackungen:

Sie bieten einen Zusatznutzen. Hierbei ist etwa ein Chip (RFID) in die Verpackung eingearbeitet, der erkennt, wie stark die Mikroben sich auf dem Lebensmittel vermehrt haben. Oder er weist aufgrund bestimmter Algorhythmen nach, dass die Kühlkette unterbrochen worden ist. Auch der Einsatz von so genannter Nahfeldkommunikation (NFC - near field communication) ist möglich. Dadurch kann die Verpackung mit mobilen Endgeräten (etwa dem Handy) kommunizieren. So wäre es auch möglich, mit einem vollgepackten Einkaufswagen aus dem Geschäft zu fahren, ohne dass jedes Lebensmittel einzeln gescannt werden muss.