Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 24.09.2017


Exklusiv

Mehr Österreich soll auf den Teller

Die neue Marke „Kulinarisches Erbe“ soll die österreichische Küche im Ausland bekannt machen. Doch was bringt ein Siegel mehr?

© William TadrosDie Spitzenköche Jürgen Csencsits, Stefan Lastin, Heinz Reitbauer und Thomas Ritzer (v. l. n. r.) verwöhnten im „Kulinarisches Erbe“-Stand die Gäste mit neun verschiedenen kulinarischen Versuchungen aus Österreich.



Von Theresa Mair

Berlin – Die Gäste standen Schlange. Alle wollten Wiener Kalbsbeuschel, pannonische Fischsuppe oder Tiroler Rehbock mit Steinpilzen kosten. Nicht wenige stellten sich im Garten von Schloss Bellevue, dem Sitz des deutschen Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier, mehrmals in die Reihe der Wartenden, um sich bei unlustigem Wetter mit den österreichischen Gaumenkitzlern den Tag versüßen zu lassen.

Landwirtschaftsminister Andrä Rupprechter (ÖVP) wurde beim „Bürgerfest“ – zu dem der Bundespräsident unlängst 5000 Gäste geladen hatte – auch nicht müde zu wiederholen, dass er die „großartigsten“ Köche Österreichs mit nach Berlin genommen hat, darunter auch Thomas Ritzer vom „Stanglwirt“ in Going. 2700 Teller typisch österreichischer Gerichte gaben die Spitzenköche innerhalb von dreieinhalb Stunden aus, wie Klaus Buttenhauser erzählt. Als Obmann des Vereins Koch.Campus organisierte er den Einsatz. Buttenhauser fordert schon lange, dass die heimische Gastronomie mehr Außenwirkung erzielen müsse. In Berlin bot sich die Gelegenheit dazu, den Deutschen ihr beliebtestes Urlaubsland auch kulinarisch nahezubringen. Rupprechter nutzte seinen Auftritt, um die neue Dachmarke „Kulinarisches Erbe“ aus der Taufe zu heben. Diese soll für die Wiener Küche, die der k. u. k. Monarchie entsprungen ist, sowie die Küchentradition der Regionen stehen.

„Es gibt eine Fülle an hervorragenden Lebensmitteln, die heimische Landwirte und Hersteller produzieren. Die kulinarische Vielfalt ist Teil unseres kulturellen Reichtums. Mit der neuen Dachmarke machen wir unser kulinarisches Erbe national und international besser sichtbar“, erklärte der Minister.

Wann allerdings die ersten Produkte und Gastronomiebetriebe mit dem Markenzeichen versehen werden, steht noch nicht fest. Prinzipiell sei es für Landwirtschaft, Gastronomie, Handel und auch das Handwerk wie Bäcker oder Metzger gedacht. Die Kriterien würden derzeit ausgearbeitet, wie Wolfgang Wisek erklärt. Er ist im Ministerbüro für die Koordination des neuen „Kompetenzzentrums Kulinarik“ zuständig.

Im November wolle man damit beginnen, ein „kulinarisches Weißbuch“ für die Regionen zu erstellen. „Wir schauen uns die Besonderheiten der einzelnen Regionen an und bauen darauf eine Strategie, wie die Marke angewandt werden soll“, so Wisek. Klar sei, dass das „Erbe“ nicht nur für die Asche, sondern auch für das Feuer stehe, das man weitertragen wolle. Sprich: Es soll Platz sein für Innovation und die Weiterentwicklung der Küchentradition, wie sie etwa die „Alpine Cuisine“ darstellt.

Mit dem „Weißbuch“-Prozess, der bis zu Jahresanfang abgeschlossen sein soll, verfolge man auch das Ziel, mit bereits bestehenden Initiativen wie z. B. „Tiroler Wirtshaus“ einen gemeinsamen Nenner zu finden. „Es ist eine partnerschaftliche Mark­e“, sagt Wisek, die neben einer größeren Wertschöpfung für die Regionen „Übersichtlichkeit in den Siegel-Dschungel bringen soll“. Man werde „hinterfragen, ob alle Siegel weitergeführt werden müssen und wie alle profitieren“.

Buttenhauser blickt der Marke bereits optimistisch entgegen. Das Land sei kulinarisch weit entwickelt, die Küche eigenständig und unvergleichlich. Es brauche aber eine übergeordnete Marke, damit das Land nicht wie ein Siegel-Fleckerlteppich nach außen wirkt. „Ich halte die Dachmarke für einen wichtigen Schritt, um Österreich als kulinarische Destination zu vermarkten“, sagt er. „Für die Deutschen ist das eine Sehnsuchtsküche, die man dort nicht mehr findet.“ Beim Bürgerfest in Berlin war an keinem der anderen Essens­stände der Andrang so groß wie beim „Kulinarisches Erbe“- Stand.

Stolz präsentierte Minister Rupprechter (l.) dem deutschen Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier (M.) und dessen Frau Elke Büdenbender Österreichs „Kulinarisches Erbe“ beim Bürgerfest in Berlin.
- William Tadros