Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Di, 19.12.2017


Weihnachten

Zu Weihnachten spielte es Fasching

Am 24. Dezember mit Krapfen fasten und am Christtag schlemmen. Das war lange Alltag in Tirol. Über die Besonderheiten des Weihnachtsessens.

© iStockDer Zelten ist seit jeher ein wichtiger Bestandteil des Tiroler Weihnachtsessens.



Von Deborah Darnhofer

Innsbruck – Rund, goldigbraun, fettig und aus Germteig: Der Krapfen, den heutzutage wohl viele mehr mit Fasching als mit Weihnachten verbinden, war in früheren Jahren das Weihnachtsessen in Tirol, zumindest am 24. Dezember und auf Bauernhöfen.

„Der 24. war Teil des Advents und damit Teil der Fastenzeit. Es gab kein Fleisch und in der Früh gar nichts zu essen, mittags wurde dann mit schmalzbackenen Krapfen gevöllert“, erklärt Karl Berger, Direktor des Tiroler Volkskunstmuseums, die kulinarischen Traditionen zu Weihnachten. Damals „duftete“ es nach Schmalz und Rauch statt Zimt und Vanille.

Ein "Bratl" kam früher erst am 25. 12. auf den Tisch.
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Die Krapfen, von denen eine Person mehrere vertilgte, werden auch „Weihnachtsnudeln“ genannt und an manchen Orten noch heute gebacken (z. B. im Alpbach- und Zillertal). Der erste Eindruck täuscht jedoch: Statt des reich gedeckten Tisches standen am Heiligen Abend vergangener Jahrhunderte Beten, Stall und Hof mit Weihrauch räuchern und der Kirchenbesuch im Vordergrund, zumindest bis zum Ende der heiligen Messe.

„Direkt nach der Mette kam es zum großen Schmausen“, weiß Berger. „Es gab eine Marend mit Würsten, Speck und Fleisch.“ Suppe, Knödel und Kraut durften dabei nicht fehlen. Ein überlieferter Volksspruch berichtet von den damaligen drei Gefahren am Heiligen Abend: „Am Morgen verhungern, am Mittag derschnellen und nachts derfallen.“ Damit wurde betont, „dass man in der Früh gar nichts, zu Mittag zu viel gegessen habe und am Abend beim Weg zur oder von der Mette ausrutschen bzw. abstürzen könnte“, erklärt Berger.

In der Nacht zum 25. Dezember war die Fastenzeit beendet, mit dem Schlemmen ging es weiter. „Wie noch in den USA und in Großbritannien üblich, gab es in Tirol am Christtag auch einen Braten“, erzählt die Völser Ethnologin Andrea Aschauer.

Heute Alltag, kam frisches Fleisch bei den Bauersleuten früher nur an hohen kirchlichen Feiertagen auf den Tisch. Auf entlegenen Höfen wurde oft nur einmal im Jahr, meist vor Weihnachten, geschlachtet. „Im Winter hatte man mehr Zeit für die Fleischverarbeitung und die Haltbarkeit war größer. Zu dieser Zeit konnte man auch Teile des Schweins frisch verwenden“, führt Aschauer aus. So ließ man sich am 25. Dezember einen Schweinsbraten schmecken. Das meiste Fleisch wurde allerdings geräuchert oder zu Würsten verarbeitet, um das ganze Jahr über mit ein wenig davon versorgt zu sein.

Die Nudelsuppe mit Würstel wird am 24. Dezember gerne serviert.
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Der Brauch hält sich in gewissem Maße noch heute. Aschauer (53) erinnert sich an ihre Kindheit, in der es zu Weihnachten die heute so gern servierte Nudelsuppe mit Würstln gab. „Die waren mit frischem Brät und durften das Messläuten nicht hören, mussten also möglichst schnell gegessen werden.“ Die Nudelsuppe taucht den Ethnologen zufolge im 20. Jahrhundert auf, hat also keine lange Tradition.

Anders sieht es mit dem Zelten aus, der in Tirol weit verbreitet war, wie der Volksspruch belegt (siehe unten). „Zelten oder Kletzenbrot gab es nur zu Weihnachten. Der Backtag war meist der Thomastag (21. 12., Wintersonnenwende)“, weiß Aschauer. „Es war für die Bauern eine Luxusspeise.“ Wer es sich leisten konnte, der gab neben gedörrten Birnenstücken (Kletzen) Südfrüchte (Feigen, Orangen), Nüsse und Gewürze (Anis, Kümmel, Zimt) in den Teig und verriet damit seinen Wohlstand.

Zweifellos allesamt Zutaten für weihnachtliche Kekse. Die gab es früher hingegen nicht, sie tauchen erst zur Mitte des 19. Jahrhunderts auf, wie übrigens auch der Christbaum.