Letztes Update am Mi, 31.01.2018 08:58

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Essen

Kaktus: Von der Fensterbank auf den Teller

Ein Kaktus zum Essen? Was für uns Europäer nach einem ziemlich schmerzhaften Unterfangen klingt, ist in Mexiko schon lange Tradition.

© iStock



Von Julia Baumgartl

Zum Anbeißen sehen die stacheligen Pflänzchen ja zugegebenermaßen nicht aus. Und trotzdem empfehlen die Vereinten Nationen (UNO) den Kaktus als bewährtes Nahrungsmittel und Notreserve in Zeiten des Klimawandels. Gemeint ist der Feigenkaktus, der auch Opuntia oder Nopal genannt wird. Denn speziell in Dürrephasen erweise sich diese widerstandsfähige und reichhaltige Kakteenart als geeignet für einen großflächigen Anbau.

Ulrich Haage ist Geschäftsführer der ältesten Kakteenzucht der Welt in Erfurt.
- Kakteen Haage

Aber nicht nur die UNO ist auf den Geschmack gekommen: Unter Foodbloggern in den USA gelten die grünen Pikser schon längst als das neue Superfood. So soll der Verzehr des Feigenkaktus nicht nur vor Herzkrankheiten schützen, sondern auch den Blutzuckerspiegel senken und beim Abnehmen helfen.

In Mittelamerika steht der Nopal mit seinen fleischigen Blättern und stacheligen Früchten schon seit vielen Jahrhunderten auf dem Speiseplan — allerdings eher als Arme-Leute-Essen und unglamouröse Beilage. Und auch in Europa nimmt der Trend langsam Fahrt auf. Einer, der dafür jedenfalls mitverantwortlich ist, ist Ulrich Haage, Geschäftsführer der ältesten Kakteenzucht der Welt und Veranstalter des jährlichen Kakteenessens in Erfurt.

Im Gewächshaus der Gärtnerei findet jedes Jahr das Kakteenessen mit 500 Gästen statt.
- Kakteen Haage

Die Idee, aus Kakteen salonfähige Menüs zu zaubern und die ungewöhnlichen Kreationen unter die Leute zu bringen, kam dem Hobby-Koch nach einem Zusammentreffen mit dem deutschen Wissenschafter Werner Hoffman. Der Tropenbiologe hatte zu Beginn der 80er-Jahre den Gedanken, Opuntien als Nahrungsmittel zu nützen, mit viel Energie verfolgt. Gemeinsam veranstalteten die beiden vor über 20 Jahren das erste Kakteenessen, was zur Tradition wurde und jedes Jahr 500 neugierige Gäste anzieht.

Dass der Feigenkaktus jetzt in Notzeiten sozusagen zum Grundnahrungsmittel werden soll, sieht Ulrich Haage aber eher mit einem Augenzwinkern: „Ich hoffe nicht, dass es jemals so weit kommt, dass wir Kakteen in unseren Gärten anbauen müssen." Ernährungstechnisch habe die Opuntia zwar durchaus das Potenzial dazu, jedoch schaden der Pflanze sowohl zu hohe als auch Temperaturen unter dem Gefrierpunkt.

Produkte wie Kaktussenf und verarbeitete Nopalitoblätter kann man auf der Homepage des Unternehmens erwerben.
- Kakteen Haage

Mit seinem Kakteenessen möchte der leidenschaftliche Gärtner seinen Gästen einfach ein spezielles Event bieten und die Leute animieren, etwas Neues auszuprobieren. Die angeblich gesundheitsfördernden Aspekte sind für ihn dabei eher Nebensache. Dass die Opuntia eine antidiabetische Wirkung habe, wurde laut dem Experten erstmals vermutet, als die mexikanischen Gesundheitsbehörden ein ganzes Areal ohne einen einzigen Diabetesfall unter den Einwohnern entdeckten. Dies sei auf den regelmäßigen Verzehr von Feigenkaktus zurückgeführt worden, wobei es auch zahlreiche Gegengutachten gebe und es daher mit Vorsicht zu genießen sei.

Das Besondere an der Opuntia als Zutat ist für Ulrich Haage vor allem ihre Vielfältigkeit: „Von der Vorspeise über Beilagen zur Hauptspeise und süße Desserts lässt sich mit dem Kaktus wirklich alles machen." Den mutigen Verkostern werden bei dem 5-gängigen Dinner jedenfalls die unterschiedlichsten Kreationen wie Nopalito-Suppen oder Kaktus-Dips geboten.

Nach dem Geschmack gefragt antwortet der Kakteenfan ganz pragmatisch: „Das muss man einfach ausprobieren." Er selbst hat über die Jahre schon alle möglichen Antworten auf diese Frage gehört: „Es kommt natürlich immer auch auf die Art der Zubereitung an. Für manche schmeckt der Kaktus eben nach Aubergine, für andere wieder nach grünen Bohnen oder Salatgurke."

Kaktussuppe für 6 Personen:

1 Glas eingelegte Nopalitoblätter, 300 ml Brühe, 180 ml Sahne, 250 ml Kaktussaft, 50 g Créme Fraîche

Nopalito gut abtropfen lassen und mit Brühe mixen. Durch ein Sieb passieren, Kaktussaft, Créme Fraîche und Sahne mit einem Pürierstab zusammenmixen. Die pikante Suppe kann mit Apfelsaft feinfruchtig abgemildert werden.




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