Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 21.04.2018


Gute Küche

Jamie Olivers schwerer Kampf ums gute Essen

Der britische Koch Jamie Oliver verfolgt seit 20 Jahren seine Mission: gesunde Ernährung für alle, vor allem für Kinder. Weltweit tragen Dutzende Restaurants seinen Namen und stehen für seine Botschaft.

© Jamie’s Italian Vienna Downtown/Jamie Oliver mit seiner Crew in Wien. Das italienische Restaurant hat seit vergangenem Herbst offen.



Von Carmen Baumgartner-Pötz

Wien – Die optimistischen Fans harren geduldig hinter dem roten Absperrband aus. Einige haben abgegriffene Kochbücher mit, für die sie sich die Adelung durch persönliche Signierung erhoffen. Kellner gehen mit Platten voller Crostinis (Prosciutto und Gorgonza, langsam geröstete Tomaten) und interessant anmutenden Getränken (Gurke-Erdbeere-Orange-Bitter) durch. „Bitte noch um etwas Geduld“, heißt es von den Presseladys. Ein Event wie dieses folgt einem straffen Zeitplan: Zuerst muss der Star durch die Hände der Stylistin, dann durchs Briefing und für die Fotos posieren, dann erst geht es so richtig los.

Vor rund 20 Jahren startete er seine Karriere als „The Naked Chef“: So hieß Jamie Olivers erste TV-Kochsendung, die Bezug nahm auf seinen Spitznamen und sein Erfolgsrezept: einfache Gerichte und Rezepte, basierend auf guten Produkten. In jeder Studenten-WG stand damals mindestens ein Jamie-Kochbuch (das war vor der Rezeptsuche im Internet) und Zigtausende Menschen weltweit kochten seine Gerichte nach: zupften Kräuter und Mozzarella, leerten großzügig Olivenöl über fast alles und lernten Schritt für Schritt, richtiges Essen zuzubereiten. Nudeln, Fisch, Kuchen – easy peasy!

Und eigentlich ist das immer noch Jamie Olivers Mission, die er vor allem in Großbritannien hartnäckig und mit zahlreichen Projekten verfolgt: „Fight for food“, nennt es der 42-Jährige in der kurzen Frage-und-Antwort-Runde vor den geladenen Medienvertretern. Die Leute – egal ob Jugendliche oder Pensionisten – sollen weg vom Convencience-Kram und sich wieder mit ihrem Essen beschäftigten. Ordentliche Zutaten verwenden, Bio-Produkte einkaufen, keinen Ramsch essen und vor allem selber kochen.

Gestern stattete Oliver seinem Restaurant „Jamie’s Italian Vienna“ einen Promo-Besuch ab, Qualitätskontrolle vom Chef persönlich quasi. Denn mittlerweile ist Jamie Oliver längst eine Marke mit zugehörigem Imperium geworden – alleine von den „Jamie’s Italian Restaurants“ gibt es weltweit über 50, die Niederlassung in Wien ist das erste im deutschsprachigen Raum. Besitzer ist der ungarische Gastronom Roy Zsidai, der bereits 2016 „Jamie’s Italian“ in Budapest eröffnet hat, Küchenchef in Wien wiederum ist ein Slowake.

So richtig super läuft das Geschäft in der Bundeshauptstadt allerdings noch nicht. Seit vergangenem Herbst wird im 1. Bezirk – schräg gegenüber von Rindfleischkönig Mario Plachutta – aufgekocht. Der Anfangshype hat schnell nachgelassen, zwei von fünf Sternen auf Tripadvisor sprechen für sich und auch die zahlreichen Profi-Restaurantkritiker waren sich in ihren Besprechungen ziemlich einig: In Wien kann man vielerorts besser italienisch essen gehen – und das auch noch deutlich günstiger. Irgendwie fehle dem Lokal die Seele, was vielleicht auch am Franchisekonzept liege, so die Mutmaßung. Dabei brennt Jamie Oliver immer noch für gutes Essen. Das spürt man, wenn er mit ausladender Gestik und viel Poesie die Gerichte beschreibt, die es gleich zu kosten gibt: Arancini etwa, die aus der sizilianischen Küche bekannten Reisbällchen. Den leicht englischen Touch geben in diesem Fall gebratene Erbsen und Minze. Über das „fantastic Mangalitza pork“, das für die Fleischbällchen im Pasta-Gang verwendet wurde, könnte sich Oliver stundenlang auslassen, auch über die alte venezianische Reissorte, die zum gebratenen Lachs serviert wird. Viele Lacher von den Meet-and-greet-Fans und der Presse erntet er, als er ausführlich von seinen frühen Träumen erzählt: „Damals bin ich nackt durch einen Kräutergarten gelaufen – ich sage euch, wenn es einmal keine Kräuter mehr gibt, dann lasse ich das Kochen.“

Ehrlich ist der britische Superstar auch noch: Auf die Frage, was er am Vorabend in Wien gegessen habe, antwortet er: „Es war ein langer Tag, also hatte ich nur einen Whiskey. Zugegebenermaßen kein ausgewogenes Gericht.“ Um dann gleich wieder zum Medienprofi zu werden: „Auch wenn es ein Klischee ist: Ich liebe euer Schnitzel.“




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