Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Di, 17.07.2018


Exklusiv

Wie Käfigeier übers Hintertürchen auf dem Teller landen

Die Käfighaltung von Legehennen ist in Österreich verboten. Käfigeier will hierzulande auch niemand mehr essen. Und doch landen viele davon über Umwege auf unseren Tellern.

© Getty Images/iStockphotoArtgerecht sieht anders aus. Zum Glück leben in Österreich bereits zwölf Prozent der Legehennen in Bio-Freilandhaltung.



Von Kathrin Siller

Innsbruck – Bilder von eingepferchten, zerfledderten Legehennen, die sich gegenseitig blutig picken, gehören in Österreich seit 2005 der Vergangenheit an. Damals beschloss die Regierung ein Verbot der Legebatterien. Mit Ende 2019 werden auch die so genannten „ausgestalteten Käfige“, in denen hierzulande immer noch über 60.000 Legehennen hausen, Geschichte sein.

So weit, so erfreulich. Doch übers Hintertürchen landen Käfigeier aus aller Herren Länder auf unseren Tellern. Obwohl laut der Umweltorganisation Greenpeace über 80 Prozent der Österreicher Eier aus Käfighaltung ablehnen, essen wir im Schnitt bis zu einem Käfigei pro Woche.

Über Flüssigeier, Eipulver in der Gastronomie oder in Fertigprodukten schafft es die Tierleidware in unsere Mägen. Derzeit wird laut der Landwirtschaftskammer Österreich täglich eine Million frische Eier in der Schale importiert – Eipulver- und Flüssig­ei-Importe nicht miteingerechnet. Billige Auslandsware hat für Verarbeiter nämlich durchaus ihren Reiz.

Michael Wurzer von der Zentralen Arbeitsgemeinschaft der Österreichischen Geflügelwirtschaft rechnet vor: „Für einen Kilo Flüssig­ei-Rohware aus Käfighaltung außerhalb der EU zahlt ein Hersteller circa 60 Cent. Für österreichische Rohware mit dem AMA-Gütesiegel das Doppelte.“

Zahlen und Fakten

86,5 Prozent der Österreicher sind sich Herkunftsangaben bei Verarbeitungsprodukten sehr bzw. eher wichtig. Nur 1,1 Prozent finden es gar nicht wichtig.

82,5 Prozent finden Informationen über die Haltungsform der Legehennen sehr bzw. eher wichtig, 2,3 findet diese Info gar nicht wichtig.

69,6 Prozent der Österreicher ist es sehr bzw. eher wichtig zu wissen, woher die Eier bzw. die Eier in Eiergerichten, die sie außerhalb essen, kommen.

Immer noch müssen Lebensmittelproduzenten nicht zwingend angeben, woher die von ihnen verarbeiteten Eier kommen. Stammen sie aus Freiland- oder Bodenhaltung, steht das ja häufig auf der Verpackung. Allerdings: „Wird es nicht explizit gekennzeichnet, ist meistens das billigste Ei drinnen“, erklärt Wurzer. Im vergangenen März hat Greenpeace bei einem Marktcheck Fertigprodukte unter die Lupe genommen. Und nur zwei Produktgruppen – Aufstriche und Teigwaren – waren käfigeifrei. Laut Greenpeace-Pressesprecherin Reka Tercza habe der Handel positiv auf den Test reagiert. Gerade in puncto Eigenmarken seien die heimischen Supermärkte auf dem richtigen Weg, so etwa Rewe, wo Käfigeier bei verarbeiteten Eigenmarkenprodukten sogar verboten sind.

MPreis hat den Marktcheck zum Anlass genommen, alle Lieferanten anzuschreiben, um auf die Dringlichkeit des Themas hinzuweisen. Pressesprecherin Maria Stern sagt: „Beim Greenpeace-Marktcheck belegten wir den 6. Platz, was uns den klaren Auftrag gab, hier einiges zu ändern. Derzeit sind in nur noch sehr wenigen Produkten Käfigeier enthalten, und mit diesen Produzenten stehen wir in Verhandlungen.“

Johann Suntinger, Geschäftsführer der Zuckerbäckerei Jomo, liefert z. B. an MPreis. Zehn Millionen Gugelhupfe produziert Jomo pro Jahr und braucht dafür sechs Tonnen pasteurisiertes Vollei pro Tag. Angaben über die Herkunft der Eier finden sich auf den Verpackungen nicht. Auf Nachfrage versichert Suntinger: „Wir verwenden ausschließlich Flüssigei aus Bodenhaltung, das von österreichischen Firmen verarbeitet wird.“ Woher die Hühnerprodukte genau kommen, wisse er aber nicht.

Warum kein Hinweis auf die Bodenhaltung auf der Verpackung stünde, begründet er so: „Wenn wir das ausloben würden, müssten wir auch angeben, wieviel Prozent der Gesamtmasse auf das Ei entfällt und dann hätte der Mitbewerber einen Vorteil.“ Allerdings plane er für Ende des Jahres neue Verpackungen mit der Information „aus Bodenhaltung“.

Der Soßenhersteller Felix ist in der Kennzeichnung schon weiter. Marketingleiter Michael Gulliver Wagner betont, dass für alle Mayonnaisen nur österreichische Eier aus Freilandhaltung verarbeitet würden, für sämtliche andere Soßen Eier aus Bodenhaltung. Für den Kunden ist Letzteres allerdings nicht auf den ersten Blick ersichtlich. Auch der Haller Nudelproduzent Recheis nimmt die Kennzeichnung ernst. Es sind dort Boden- und Freilandeier aus Österreich, im Biosortiment Bioware.

Auf heimischen Ursprung legen die meisten Kunden großen Wert. Denn neben fragwürdigen Haltungsbedingungen ist bei ausländischen Produkten auch die Fütterung nicht immer lupenrein. Florian Faber von der Arge Gentechnikfrei: „Österreichische Hühner werden gentechnikfrei gefüttert, in anderen Ländern gibt es kein Kennzeichnungssystem und es ist davon auszugehen, dass die Hühner auch gentechnisch verändertes Futter bekommen.“

David Richter vom Verein gegen Tierfabriken freut es, dass sich in Österreich viel zum Guten verändert habe. Und doch gäbe es Luft nach oben. Der Tierschützer ist es gewohnt, auch positiv Klingendes zu hinterfragen. „Bodenhaltung etwa bedeutet nicht automatisch, dass jedes Tier auf dem Boden steht. Auch dort leben viele Hennen auf verschiedenen Etagen. Bodenhaltung ist nicht gleich Bodenhaltung.“ Richter rät deshalb, nachzufragen. Das würde Hersteller und Händler unter Druck setzen, etwas zu ändern.