Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 05.08.2018


Genuss

Ein Weindorf ohne Wein

Die ersten Vollerwerbswinzer in Tirol sind Alexandra und Georg Flür mit ihrem Weingut Flür in Tarrenz. Ihre Chancen sehen sie in höchster Qualität in Weinberg und Keller, in der Direktvermarktung und mit „Weinerlebnis“ in ihren Verkostungsräumen.

© Thomas Böhm Photographie Imst



Von Thomas Böhm

In Tirol vom Weinbau leben? „Das ist leider nicht möglich", lautete bisher die bedauernde Antwort von Winzern. Die kleinen Klimainseln, die in Nordtirol für den Weinbau sehr gut geeignet sind, erlauben zwar beachtliche Qualität, aber keinen Weinbau im großen Stil wie in anderen Weinregionen. Doch Tirol wird derzeit durch den Klimawandel auch begünstigt: etwa bei frischen, fruchtigen Weißweinen, für die es z. B. in Südtirols teils schon zu warm geworden ist.

Mit Qualitätsweinen aus Tarrenz haben Alexandra und Georg Flür den Schritt in den Vollerwerb gewagt. Als Familienbetrieb mit Hilfe von Eltern und Nachwuchs hatten sie die elterliche Landwirtschaft am Kappenzipfel in den letzten Jahren konsequent auf Weinbau spezialisiert. Ihr erster Wein wurde 2004 gekeltert (mit der „Imster Traube" von der Hauslaube). 2008 haben sie mit 1500 Reben in der Lage Griessegg (mit wohlwollender Hilfe des Grundbesitzers) kräftig aufgestockt, 2009 kauften sie die Lage Apazhof hoch über dem Gurgltal. Mit den bisherigen Investitionen in den Weinbau, so Georg, „hätte man ein Haus bauen können ?".

Mit derzeit 4200 Weinstöcken auf einem Hektar Rebfläche produzieren sie jährlich bis zu 4000 Flaschen Wein. Ihre sieben Weinsorten keltern die Flürs aus den Reben Chardonnay, Silvaner, Müller-Thurgau, Solaris (weiß), weiters aus Zweigelt und Rösler (für den roten „Torrento") sowie — ihr ganzer Stolz — dem Pinot Noir, „der Diva unter den Reben". Leider ist das Angebot sehr viel kleiner als die Nachfrage für regionale Tiroler Weine: „Im Juni war unser Keller heuer schon ausgetrunken — wir hätten das Doppelte verkaufen können", bedauern die Flürs. Ein Ausbau der Rebfläche ist geplant.

Die Lage Apazhof über dem Gurgltal in der Abendsonne.
- Thomas Böhm

70 Prozent des Absatzes läuft beim Weingut Flür über den Verkauf ab Hof. Der Rest werde „an die gehobene Gastronomie, derzeit vorwiegend im Tiroler Unterland", verkauft. Doch Georg stellt fest: „Auch im Oberland steigt langsam das Bewusstsein, dass es mit den hochqualitativen Tiroler Weinen ein schönes regionales Angebot gibt, vor allem mit unseren frischen fruchtigen Weißweinen!" Über Auszeichnungen — wie Falstaff, Vinobile etc. — freuen sich Alexandra und Georg. Doch die wichtigste Auszeichnung sei, „dass unser Wein den Leuten schmeckt!".

„Wein machen und Wein verkaufen sind zwei paar Schuhe", stellt Alexandra klar. Sie ist das charmante, informierte und kommunikative Gesicht des Betriebes nach außen. Sie lebt das Marketing. Georg ist eher der Tüftler für höchste Qualität in den vier Weinbergen und im mit Top-Technik ausgestatteten Keller. Mit höchster Qualität argumentieren die beiden auch ihr durchaus hochpreisiges Angebot: zwischen 12,50 und 24 Euro pro Flasche. In Tirol habe man „mit diesem Preisniveau kein Problem".

Im Verkostungsraum im alten Stadel haben bis zu 50 Leute Platz.
- Thomas Böhm
Moderne Kellertechnik bringt die Qualität der Trauben in die Flaschen.
- Thomas Böhm
Die Jahresproduktion liegt je nach Saison bei ca. 4000 Flaschen.
- Thomas Böhm

Ihr Angebot „Wein­erlebnis" trägt zum Gedeihen des jungen Weinbaubetriebes bei: In liebevoll gestalteten Räumen — Kapazität von acht bis 50 Personen, mit Panoramablick übers Gurgltal am Apazhof oder urig-gemütlich im ehemaligen Stadel — bieten sie Verkostungen an, auf Wunsch mit Jause. Charmant, unterhaltsam und informativ erzählt Alexandra vom Leben als Nordtiroler Weinbauern samt Freud' und Leid. Um dann als Höhepunkt — „Und hier ist der Winzer persönlich!" — auch Gatte Georg vorzustellen. Mit sieben eigenen Weinsorten können die Flürs durch so eine Verkostung führen.

Ausgebildet für die Arbeit an der Rebe und im Keller hat sich Georg u. a. durch Kontakt zu engagierten Weinbauern in Nordtirol und im nahen Vinschgau sowie durch Kurse im Forschungszentrum Laimburg (Südtirol). Er ist Gründungsmitglied des Tiroler Weinbauverbandes. Alexandra hat eine Sommelier-Ausbildung absolviert. „Seit wir 1500 Reben im Jahr 2008 gesetzt haben, war uns das Ziel klar: Wir wollen von unserem Weinbau leben!"

Empfang am Hof im Kappenzipfel.
- Thomas Böhm



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