Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Di, 21.08.2018


Exklusiv

Gleicher Geschmack, keine Schmerzen: Neue Milch für geplagte Mägen

Zwei Landwirte aus Oberösterreich mischen den Milchmarkt auf. Ihre A2-Milch soll verträglicher sein als herkömmliche.

© dpa/Roland Weihrauch(Symbolfoto)



Von Deborah Darnhofer

Innsbruck – Sie sieht aus wie normale Milch, schmeckt auch so – und doch soll sie ganz anders sein, für empfindliche Mägen nämlich verträglicher. Gerhard und Roswitha Reingruber sowie Maria und Fritz Wallner aus Oberösterreich produzieren seit November letzten Jahres eine andere Art Milch.

Die Landwirtfamilien aus dem Krems- und Almtal vertreiben so genannte „A2-Milch“. Diese sei bekömmlicher als herkömmliche Milchvarianten, werden die vier nicht müde zu betonen. Wissenschaftlich ist das aber derzeit keinesfalls bewiesen. Aussagekräftige und renommierte Studien zu ihrer Milch fehlen. Reingruber reagiert gekonnt: „Wir setzen auf die Praxiserfahrung unserer Kunden. Die berichten, dass sie keine Milch getrunken haben, weil sie sie nicht vertrugen, und jetzt funktioniert es wieder.“

Mit ihrer „A2-Milch“ und Bekömmlichkeit treffen die Oberösterreicher offenbar einen Nerv. Viele Konsumenten glauben mittlerweile, auf Milch allergisch zu reagieren. Dabei gilt aber zu beachten, dass einer echten Laktose­intoleranz der in jeder (nicht laktosefreien) Milch enthaltene Milchzucker zugrunde liegt. Wallner verweist auf Studien, wonach nur jeder Fünfte, der sich für laktose­intolerant hält, es auch wirklich ist. Bei den anderen Geplagten könnte das Milcheiweiß Beschwerden wie Durchfall, Blähungen und Bauchschmerzen verursachen.

Eine spezielle Variante des im Milcheiweiß enthaltenen Beta-Kaseins, das A2, sei besser verträglich, sagen Reingruber und Wallner. Anders als urtümliche Kuhrassen, Schafe und Ziegen produzieren heute aber nicht alle Kühe das spezielle Beta-Kasein A2. Die Oberösterreicher haben ihr Fleckvieh deshalb DNA-Tests unterzogen. Nur jene Kühe, die reine A2-Milch geben, wurden im Stall behalten. Rund 7000 Liter produzieren ihre zusammengezählten 91 Kühe jede Woche.

Schnell hat sich ein veritabler Geschäftserfolg eingestellt. Die Produkte gibt es in Tirol nicht zu kaufen. Aber in über 800 ostösterreichischen Supermärkten der großen Ketten sind die Oberösterreicher bereits vertreten. Dort wird der Liter „A2-Milch“ mit einem leicht erhöhten Fettgehalt von 4,2 Prozent um 1,99 Euro verkauft. „Insgesamt bleiben uns davon 55 Cent pro Liter“, erklärt Reingruber bereitwillig. Das ist ziemlich viel im Vergleich zu den anderen, handelsüblichen Milchpackerln, von denen den Bauern aktuell rund 37 Cent bleiben würden. Für Befürworter ist es eine gewinnbringende Innovation, sich auf die A2-Milch zu spezialisieren. Interessenten aus anderen Teilen des Landes, auch aus Tirol, hätten sich bei den beiden Landwirten schon gemeldet.

Gerhard und Roswitha Reingruber, Maria und Fritz Wallner (v. l.) stellen die A2-Milch her.
-

Für Ewald Grünzweil, Obmann der österreichweiten Interessengemeinschaft Milch, ist das Produkt eine „einzelbetriebliche Lösung“ und ein „Nischenprodukt“: „Man muss abwarten, was damit passiert“, meint der Milchexperte nüchtern.

Ihm wäre lieber, alle Bauern würden „zusammenhalten“, „nicht noch mehr Milch produzieren“ und so am Preis statt an neuen Produkten arbeiten, sagt Grünzweil. Andere Kritiker sprechen von einer „reinen Marketing-Geschichte“. Der österreichische Rinderzuchtverband sieht durch die A2-Selektion gar die genetische Vielfalt der Kühe in Gefahr. Nichtsdestotrotz gibt es erste Züchter, die im Raum Österreich/Süddeutschland A2-Rinder anbieten.

Die Oberösterreicher reagieren auf Kritik jedenfalls gelassen. Sie haben über den Tellerrand geschaut – und zwar nach Neuseeland und Australien. Dort ist die A2-Milch schon seit einigen Jahren etabliert und ein Millionengeschäft. Das börsennotierte Unternehmen „A2 Milk Company“ habe seinen Wert in den letzten zwei Jahren verfünffacht, weiß Wallner. „Der Anteil am dortigen Milchmarkt beträgt zehn Prozent und die Milch ist ständig ausverkauft. Wenn wir so weit kommen, wäre das super.“ Noch müssen die Milchbauern aber viel Pionier- und Aufklärungsarbeit leisten. Sie sehen ihre Milch als Ergänzung zu gängigen Sorten.