Letztes Update am Fr, 07.09.2018 19:34

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Tirol

Maria Drewes: Sie kämpft für Knödel, Kultur und Frauen

Maria Drewes kennt in Tirol wohl jeder als Kochbuchautorin. Über eine Viertelmillion Bücher hat sie verkauft. Ihr Erstlingswerk „Tiroler Küche“ gibt es seit nunmehr 45 Jahren. Dabei sind der 84-Jährigen nicht nur Knödel ein Herzensanliegen.

© Thomas BöhmMaria Drewes kocht noch jeden Tag für sich selbst.



Einen wunderbar saftigen Marillenkuchen mit Früchten aus dem eigenen Garten und ein wenig Marzipan hat Maria Drewes zum Interview kredenzt. Tischkultur ist ihr wichtig, auch wenn sie mit 84 Jahren für sich alleine nicht mehr täglich groß aufkocht. Doch nicht nur über Essen lässt sich mit der Autorin und Kochbuchsammlerin reden.

Haben Sie kochen lernen müssen oder es selbst gewollt?

Maria Drewes: Die Großmutter hat immer zu mir gesagt: „Madele, kimm’ her! I zoag da des!“ Die Erfahrung und das Erleben von Kochen ist für mich ein großes Geschenk. Ich habe von meiner Großmutter gelernt, wie man bei der Brennsuppe das Mehl ohne Fett „lind“ rös­ten muss oder wie Paunzen und Kiachl zu formen sind. Das merkt man sich ein Leben lang.

Können Sie damit leben, dass Sie in der Öffentlichkeit hauptsächlich als die Tiroler Köchin gelten?

Drewes: Es hat alles seine Zeit. Und Köchinnen gibt es bessere als mich. Ich hatte einfach die Chance, die „Tiroler Küche“ machen zu dürfen. Das Buch wird heute noch gebraucht, da bin ich sehr dankbar. Wichtig ist, dass die Tiroler Küche weiterlebt.

Sind Sie stolz auf den Erfolg Ihres Buches „Tiroler Küche“?

Drewes: Freude habe ich schon. Es ist schließlich darum gegangen, die alten Gerichte festzuhalten, sodass sie nicht verloren gehen. Wo gibt es ein Nachschlagewerk, das 45 Jahre am Markt ist und immer wieder neu aufgelegt wird? Es freut mich, dass es immer noch angenommen wird.

So wie ich die Tiroler Küche verstehe, hat man ja auch immer etwas daheim, das man kochen kann. Es sind oft Milch, Eier, Mehl, Kräuter und Gemüse da. Erdäpfel haben auch viele zuhause. Da können „Schlipfkrapfen“ daraus bereitet werden. Es hat nichts mit Deftigkeit oder Zeitaufwand zu tun, wie manche meinen.

In einem der ersten Vorworte haben Sie geschrieben, dass Sie die Tiroler Küche vor dem Vergessen-Werden bewahren wollen. Glauben Sie, ist Ihnen das gelungen?

Drewes: Denken Sie an den Tourismus und die Gasthäuser. Jetzt gibt es sogar wieder Ofenleber in Innsbruck zu essen. Dass das wieder gekocht wird, freut mich. Es ist ja wirklich eine Rarität.

In den Gasthäusern wird die alpine Küche momentan zu einer gehobenen „Alpine Cuisine“ gemacht. Finden Sie das gut?

Drewes: Natürlich, aber wenn man sie zu sehr entfremdet und z. B. Trüffel hineingibt, finde ich es ein wenig suspekt. Aber mein Gott, es ist so.

Kommen bei Ihnen auch internationale Speisen auf den Tisch?

Drewes: Ich muss mich nicht mehr umstellen. Ich freue mich aber, wenn ich bei meinen Kindern internationale Speisen kosten darf. Ich bin neugierig auf alles.

Kochen Sie noch jeden Tag?

Drewes: Heute ist es so, dass ich mich um 11.30 Uhr frage, was ich mag und dann fallen mir meistens Erdäpfel und Gemüse ein. Einmal die Woche darf ich für die Familie kochen. Dann gibt es Marillenknödel, Dampfnudel oder gangene Paunzen oder Wuchteln.

Würden Sie sagen, dass Essen auch die Landeskultur formt?

Drewes: Essen hat die Chance, dass man Kindern Wichtiges beibringt. Gerade am Esstisch kann man etwas an Konsum- oder sozialem Verhalten weitergeben. Da geht es z. B. viel um gegenseitige Rücksichtnahme. Ich erinnere mich noch an meine Kindheit, als meine Mutter abends noch ein Mus gemacht hat, mit ein wenig Butter drauf. Wir alle sind am Tisch gesessen, haben aus einer Pfanne gegessen und gelernt, dass wir keine Rinne machen, damit möglichst viel Butter zu uns fließt. Das sind Verhaltensweisen, die man in der Familie weitergeben kann. Da steckt auch Lebenskultur oder soziales Verständnis drinnen.

Sie haben in den 1960er-Jahren geholfen, dass sich die Bäuerinnen organisieren und mit dem Katholischen Familienverband die Tagesmütterbetreuung entwickelt. Müssen Frauen heutzutage noch gestärkt werden?

Drewes: Das braucht es sowieso, das hört nie auf. Meine ganz große Liebe war die Bäuerinnenarbeit, das war noch Aufbauarbeit. Das haben sie auch gebraucht, sie hatten früher kein Selbstbewusstsein. Als ich im Familienverband angefangen habe, bekamen die Studentinnen und Bäuerinnen kein Karenzgeld. Dafür haben wir mit den Bäuerinnen- und Frauenorganisationen zusammen gekämpft. Da hat sich Gott sei Dank schon viel geändert. Doch die Frauen müssen heute noch kämpfen, alleine wenn man an den ungleichen Verdienst denkt. Aber auch Männer haben es oft nicht einfach.

Wenn Sie den Lesern etwas ausrichten könnten …

Drewes: ... also einen guten Knödel sollten sie machen können.

Das Gespräch führte Deborah Darnhofer

Zur Person

Viele Jahre war Maria Drewes (84) Hauswirtschaftslehrerin und Leiterin der Abteilung Hauswirtschaft an der Landwirtschaftskammer. Maßgeblich beteiligte sie sich an der Gründung der Bäuerinnen-Organisation. Sie war 20 Jahre ehrenamtlich im Katholischen Familienverband tätig und gründete die Aktion „Tagesmutter“ mit. 1973 erschien „Tiroler Küche“ (Tyrolia Verlag) erstmals. Bis heute wurden fast 174.000 Exemplare verkauft. Die Gesamtauflage aller Bücher von Drewes liegt bei über 300.000 Stück.