Letztes Update am Di, 09.10.2018 14:54

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


EU-Projekt „Alpfoodway“

Kulinarische Schätze der Alpen: Kaspressknödel als Kulturerbe

Knödel, Käse, Krautinger: Alpine Esskultur soll zum immateriellen Kulturerbe ernannt werden. Das EU-Projekt „Alpfoodway“ will das erreichen und gibt alpinen Spezialitäten jetzt einen neuen Wert.

Das Projekt "Alpfoodway" will Schmankerln aus den Alpen zum Weltkulturerbe machen.

© RauthDas Projekt "Alpfoodway" will Schmankerln aus den Alpen zum Weltkulturerbe machen.



Von Deborah Darnhofer

Innsbruck – Die Mittelmeerdiät ist es schon, auch die mexikanische Küche mit ihren Tacos und Enchiladas. Nun soll die alpine Esskultur mit all ihren Spezialitäten – mit Knödel, Käse, Kastanie und sogar Krautinger-Schnaps – immaterielles Kulturerbe der Unesco werden. Das zumindest ist das hehre Ziel des EU-weiten „Interreg-Alpine-Space“-Programms „Alpfoodway“ mit einem Budget von rund drei Millionen Euro.

„Durch das Projekt wird deutlich, dass nationalpolitische Grenzen am Beispiel Essen durchsichtig sind und an Bedeutung verlieren. Alpines Essen hat viele Traditionen und es hebt die Alpen als Zusammengehörendes hervor. Trotz vieler verschiedener kulinarischer Nuancen gibt es Gemeinsamkeiten“, erklärt der Innsbrucker Geograph Michael Klingler vom Institut für Geographie und dem Institut für Strategisches Management, Marketing und Tourismus. Er und Andrea Hemetsberger haben letzte Woche in Innsbruck einen Kongress mit rund 100 Teilnehmern zum Projekt organisiert.

Wildschönauer Stoppelrübe, Stanzer Zwetschke und Fisser Gerste

Seit 2016 vernetzen sich 14 Institutionen aus sechs Alpenländern, von Frankreich, Italien und der Schweiz bis nach Slowenien. Die Mitwirkenden, darunter u. a. Universitäten, Regionsregierungen und Tourismusverbände, sammeln, dokumentieren und analysieren die kulinarischen Schätze der Alpen. Untereinander tauschen sie auch Erfahrungen und Erfolgskonzepte aus. Die Universität Innsbruck is(s)t mit am Tisch und hat bereits in Fallstudien die Wildschönauer Stoppelrübe, Stanzer Zwetschke und Fisser Gerste untersucht. Diesen und vielen weiteren alpinen Genüssen mitsamt ihren Produzenten soll so ein neuer Wert gegeben werden. Damit die Traditionen für die Zukunft bewahrt werden.

Infos im Internet

Auf der Homepage des Projektes www.alpfoodway.eu kann die Petition zum Weltkulturerbe unterschrieben werden. Die Internetseite www.intangiblesearch.eu liefert Hintergrundinformationen zu traditionellen Speisen, Produkten und Ritualen der Alpen.

„Wir wollen kein Alpenmuseum machen, sondern Klischees aufbrechen und zeigen, dass die Alpenbewohner keineswegs rückschrittlich sind“, meint der Schweizer Cassiano Luminati, Projektleiter von „Alpfoodway“.

Ohne Innovation können für ihn keine Kulturgüter die Zeit überdauern. Die Bewohner der Alpen würden, z. B. durch das Käsen, seit Jahren beweisen, wie innovativ sie seien. „Traditionen gehören erneuert, aber nicht industrialisiert.“ Luminati und das Projekt wollen daher vor allem kleine Produzenten unterstützen. Die regionale wirtschaftliche Stärkung wäre aber zu kurz gegriffen.

Gemeinsame alpine Identität schaffen

Klingler will Regionalität nicht nur als „kommerzielles Füllwort“ verstanden wissen. „Regionalität und Authentizität sind sehr wichtig. Es ist eine ständige Herausforderung den Konsumenten zu garantieren, dass die damit beworbenen Produkte auch wirklich regional und nachhaltig produziert werden.“ In Italien und der Schweiz werde diesbezüglich viel Arbeit geleistet. Auch Tirol ist für Luminati ein „Vorzeigemarkt“: „Es ist schon viel investiert und erkannt worden, dass kleinräumige Landwirtschaft besser vermarktet werden muss.“

Entsprechende Marken und einzeln geschützte Ursprungsbezeichnungen gibt es schon seit Längerem. Das Projekt „Alpfoodway“ will jedoch neben Speisen und Produkten auch die damit verbundenen Praktiken und Rituale vor dem Verschwinden bewahren und so eine gemeinsame – alpine – Identität schaffen. „Wenn wir uns heute nicht zum Kulturerbe bekennen, den Wert der Produkte erkennen und bereit sind, mehr dafür auszugeben, dann verschwinden diese Produkte“, warnt Luminati. Dies hätte nicht nur Folgen für die Produzenten, Landwirtschaft und Bevölkerung. Auch die Kulturlandschaft der Alpen, ihre große Biodiversität und natürliche Schutzfunktion, wäre davon betroffen.

Mit Ende des Projektes 2019 wollen die Verantwortlichen genügend Unterstützungserklärungen der alpinen Bevölkerung gesammelt haben, um der Unesco die alpine Esskultur als immaterielles Kulturerbe vorzuschlagen.