Letztes Update am Fr, 12.10.2018 08:56

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Genuss

„Alpengummi“: Wie schon die Alten kauten

Sie haben am eigenen Herd getüftelt, sich im Wald umgeschaut und mehrere Preise gewonnen: Zwei junge Wissenschafterinnen – davon eine Osttirolerin – bringen 2019 den „Alpengummi“ auf den Markt: einen Kaugummi, der aus rein natürlichen Stoffen besteht.

© Lukas NeugebauerDie Herstellung des „Alpengummis“ wird vom Austria Wirtschaftsservice gefördert.



Von Irene Rapp

Wer sich als Tourist in die nieder­österreichische Gemeinde Hernstein verirrt, kann u. a. das Pechermuseum besuchen. Und ein bisschen verrät der Name schon, um was es dabei gehen könnte. Seit Jahrhunderten werden im Süden von Wien in den Wäldern Schwarzföhren „angezapft“. „So wie eine Kuh gemolken wird“, findet Claudia Bergero ein anderes Bild für die alte Tradition, die seit wenigen Jahren zum immateriellen Kulturerbe zählt.

Sandra Falkner und Claudia Bergero (rechts) bei einer angezapften Föhre.
- Lukas Neugebauer

Die Pecher tragen etwas von der Rinde des Baumes ab, das Harz beginnt zu fließen, wird in einem Behälter aufgefangen. Früher war dieser Rohstoff Bestandteil von Farben, Schmierölen und Schuhcremen. Dann allerdings ersetzte man das umgangssprachlich Pech genannte Harz durch Erdöl.

Heute beherrschen nur noch wenige Menschen in Niederösterreich das Pechen. Zum Glück von Claudia Bergero, die aus der Osttiroler Gemeinde Thal-Assling stammt. Denn die 27-Jährige verfolgt seit eineinhalb Jahren gemeinsam mit Sandra Falkner einen Plan, der schon weit fortgeschritten ist: „Alpengummi“ nennt sich das Produkt, das sie auf den Markt bringen wollen. Einen natürlichen Kaugummi, bestehend aus Schwarzföhren-Harz, Bienenwachs, Birkenzucker und natürliche­n Aromen.

Denn natürlich ist der herkömmliche Chewinggum keineswegs. „Kaum jemand weiß, dass Kaumassen aus künstlichen Polymeren auf Eröldbasis bestehen“, bringt Berger­o einen interessanten Aspekt ins Spiel. Diese sind u.a. der Grund dafür, dass sich ausgespuckte Kaugummis auf ewig in den Asphalt einbrennen. Oder dass man so tolle Blasen damit machen kann.

Erste Versuche in der Küche

Doch noch tüfteln die zwei Wissenschafterinnen am marktreifen Produkt. Kennen gelernt haben sich Bergero und Falkner übrigens beim Studium der Umweltwissenschaft in Kopenhagen. In einer Lehrveranstaltung ging es u. a. um Innovationen im Forstsektor. Dabei stießen die zwei auf die alte Pecher-Tradition in Niederösterreich sowie auf das Baumharz.

Ein Pecher bei der Arbeit. Eine Schwarzföhre liefert drei Kilo Harz im Jahr.
- Lukas Neugebauer

„Als meine Mutter davon gehört hat, hat sie mir erzählt, dass früher auch bei uns Harz gekaut wurde“, erzählt Bergero. In der Folge entwickelten die Osttirolerin und Falkner eine „ziemliche Leidenschaft für dieses Thema“. Und nachdem sie einen Businessplan geschrieben hatten, stand fest, dass sie selbst einen Kaugummi produzieren wollten. Natürlich einen natürlichen. „Zunächst haben wir uns im Internet über Rezepturen informiert, uns dann an den Herd gestellt und ausprobiert“, sagt Bergero. Zahlreiche Versuche folgten, denn viele Hürden waren zu überwinden: Wie wird der Kaugummi geschmeidig? Welche Zusatzstoffe braucht es, um den Kaugenuss zu erhöhen? Was tun, damit sich die natürlichen Aromen nicht schnell verflüchtigen? Und sollte nicht auch die Verpackung natürlich sein, also nachhaltig produziert?

Heute werkelt das Duo zum Glück nicht mehr in der eigenen Küche, sondern in einem Labor an der Universität für Bodenkultur Wien. Jetzt geht es nur noch um Feinheiten. Denn ab Frühjahr 2019 soll der „Alpengummi“ auf den Markt kommen. Nachfrage gibt es übrigens bereits. Vor wenigen Tagen ist das inzwischen auf vier Personen gewachsene „Alpengummi“-Team mit einem Preis ausgezeichnet worden. Das Quartett hat den innovate4nature-Ideenbewerb gewonnen, der von WWF, Spar sowie Impact Hub Vienna initiiert wurde. „Von den 10.000 Euro können wir uns endlich gute Maschinen für die Produktion kaufen. Und es gab Anfragen aus der ganzen Welt, dass man unser Produkt vertreiben und kaufen will“, freut sich die Osttirolerin.

Ein abbaubarer Kaugummi

Bleibt nur noch eine Frage: wie nämlich der „Alpengummi“ schmeckt. „Ein wenig anders als ein normaler Kaugummi. Er ist härter und temperaturabhängiger. Im Winter wird er daher kalt und spröde, kann zerbröseln“, sagt Bergero. Dafür kaut man auf etwas Ähnlichem herum wie wohl schon unsere Ahnen: Die ältesten Kaugummi-Funde stammen nämlich aus der Steinzeit und bestanden aus Baumharzen.

Nur eines kann man mit dem natürlichen Kaugummi nicht – Blasen blasen. „Dafür wird er in der Wurmkiste – einer Box, in welcher Regenwürmer Bioabfall zersetzen – innerhalb weniger Wochen abgebaut.“ Das Schicksal als eingearbeiteter Fleck im Asphalt könnte dem „Alpengummi“ also erspart bleiben.