Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Di, 13.11.2018


Genuss

Zutaten für gutes Schulessen

Die Schulverpflegung lässt mancherorts zu wünschen übrig. Mehrere Initiativen zeigen, wie man den Kindern gesunde und bewusste Ernährung schmackhaft machen kann.

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Von Gabriela Stockklauser

Innsbruck – Ein voller Bauch studiert nicht gern, schon gar nicht, wenn er mit ungünstigen Nahrungsmitteln gefüttert wird.

Manuel Schätzer, Ernährungswissenschafter bei SIPCAN (Special Institute for preventive cardiology and nutrition), einer österreichweit tätigen Initiative für ein gesundes Leben, erklärt: „Beim Schulessen geht es generell um mehr als darum, Kinder satt zu bekommen!“ Immerhin würde in jungen Jahren der Grundstein für Ernährungsbewusstsein gelegt und das wirke sich auf die Gesundheit im Erwachsenenalter aus, so Schätzer.

Hanna Hörtnagl, Diätologin beim „avomend“ (Arbeitskreis für Vorsorgemedizin und Gesundheitsförderung in Tirol), spricht daher von „lernfreundlichem Essen“, wenn es darum geht, Kindern eine gesundheitsförderliche Ernährung näherzubringen. „Natürlich sollen die Kinder satt werden. Es macht keinen Sinn, gesundes Essen anzubieten, das von den Kindern verweigert wird. Es gibt jedoch viele Speisen, die auf die Geschmacksvorlieben der Kinder Rücksicht nehmen und gleichzeitig eine gute Nährstoffversorgung bieten“, so Hörtnagl.

Doch auch damit sei es noch nicht getan, erklärt Ernährungswissenschafter Schätzer: „Kinder haben spezielle Bedürfnisse, deshalb muss man ihnen eine gesunde Ernährung ‚gut verkaufen‘. Das beginnt beim Umfeld und der Gestaltung der Räume, in denen das Schul- oder Kindergartenessen eingenommen wird. Auch Anrichteweise und Essensausgabe müssen berücksichtigt werden. Nicht zuletzt spielt der soziale Aspekt eine wesentliche Rolle. Es darf bei der Mittagsverpflegung in Schulen schon einmal lauter zugehen. Die Kinder sollten sich mit ihren Schulkollegen austauschen dürfen und Spaß beim und am Essen haben!“

Eine jüngst veröffentlichte Greenpeace-Studie verpasste der Verköstigung in Tiroler Schulen schlechte Noten. Untersucht wurde in drei Schulen (in Telfs, Kufstein und Innsbruck), auf dem Prüfstand standen die Kriterien Bio, Regionalität und fleischlose Kost. Nur beim vegetarischen Angebot zeigte man sich seitens der Umweltorganisation zufrieden mit den Schulkantinen.

Doch ginge diese Erhebung etwas an der Realität vorbei, sagt Schätzer: „Bio und Regionalität sind natürlich gut und zu befürworten. Die beiden Kriterien nutzen aber nichts, wenn eine Schulverköstigung beim ortsansässigen Wirt geordert wird und dieser biologische Convenience-Produkte in der Fritteuse zubereitet!“ Auch sei in Tirol der spezielle Fall gegeben, dass in 77 Prozent ein Supermarkt in unmittelbarer Nähe der Schulen zu finden sei. „Wenn den Kindern der Mittagstisch in der Schule nicht passt, gehen sie ins Geschäft und kaufen sich, was ihnen schmeckt“, befürchtet der Ernährungswissenschafter.

Avomed-Diätologin Hanna Hörtnagl fügt hinzu: „Kindern soll durch das gemeinsame Essen in der Betreuungseinrichtung eine positive Einstellung zu gesunder und ausgewogener Ernährung vermittelt werden. Die Pädagoginnen können den Kindern neue Lebensmittel und Speisen schmackhaft machen. Es sollte genussvolles Essen erlernt werden, das die Sinne fördert.“

Von Verboten halten sowohl Schätzer als auch Hörtnagl nichts. Anreize schaffen, positive Erlebnisse kreieren und spielerisch aufklären, so lauten die Devisen. Das Schul­es­sen als lustvolles Gesamtkonzept inszenieren, sozusagen.

SIPCAN und avomed haben sich viel einfallen lassen, um ihre Devisen in die alltägliche pädagogische Praxis umzusetzen. Bei SIPCAN gibt’s etwa einen „Trink- und Jausenführerschein“, eine „Zucker-Challenge“, diverse Checks der Schulverpflegung und darüber hinaus können sich Schulkantinen-Betreiber kostenlos beraten lassen. Avomed hat aktuell ein Projekt für Mittagstischbetreiber in Kindergärten initiiert, das den vielsagenden Namen „Bruno Vitamini“ trägt. Hanna Hörtnagl über das Konzept: „,Bruno Vitamini‘ ist ein Ernährungsprojekt zur Gesundheitsförderung, bei dem Kindergärten ein ganzes Jahr lang von einer Diätologin des avomed betreut werden. Vor Ort bieten wir für Kindergartenpädagoginnen und Eltern kostenlose Workshops an sowie Schulungen für Küchenmitarbeiterinnen.“ Dabei gehe es um gesunde Ernährung, die Verwendung von Convenience-Produkten, aber auch um Nahrungsmittelallergien und -unverträglichkeiten, so Hörtnagl.

Gar nicht so einfach also, was alles bedacht werden soll, wenn aus ernährungskundigen Kindern bewusste erwachsene Esser werden sollen.