Letztes Update am Sa, 15.12.2018 09:33

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


TT-Interview

Julia Zotter: „Ich sehe die Firma wie einen Organismus“

Julia Zotter (31) bringt sich Tafel für Tafel in die Schokoladenwelt ihres Vaters ein. Naivität trifft auf Erfahrung, meint sie selbst.

Auf der Welt zuhause: Juniorchefin Julia Zotter (31) will mit ihrer Schokolade auch ein Stück die Welt verändern.

© TT/Rudy De MoorAuf der Welt zuhause: Juniorchefin Julia Zotter (31) will mit ihrer Schokolade auch ein Stück die Welt verändern.



Zotter ist mittlerweile ein Familienimperium. Ihr Bruder Michael leitet die IT-Agenden und Ihre kleine Schwester hilft schon beim Verkosten. Wie läuft das Arbeiten in der Familie ab?

Es ist noch frisch, dass wir alle im Haus sind. Ich bin im September 2017 aus Shanghai zurückgekehrt. Mein Bruder hat als „IT-ler“ eine Zeit lang in Wien gelebt und ist erst seit einem Monat in die Nähe der Firma gezogen und täglich da. Seine Lebensgefährtin hat auch gerade bei uns im Social-Media-Bereich angefangen. Die Familiengeschichte wird größer und das funktioniert ganz gut. Michi und ich sind im Unternehmen aufgewachsen. Es ist, so gesehen, nichts Neues für uns.

Wie gehen Sie damit um, einmal das Unternehmen zu übernehmen?

Meine Mutter und mein Vater haben die Firma gemeinsam gegründet und leiten sie. Ich übernehme immer mehr die Rolle meines Vaters und mein Bruder übernimmt immer mehr die Rolle meiner Mutter. Ich habe keine Bedenken.

Ein Griss’ um die Schokolade gab es bei Zotters Verkostung im „World Fair Trade Shop“ in Innsbruck.
Ein Griss’ um die Schokolade gab es bei Zotters Verkostung im „World Fair Trade Shop“ in Innsbruck.
- TT/Rudy De Moor

Wollten Sie nie etwas anderes machen?

Bis ich 15 Jahre alt war, wollte ich Astronautin werden. Aber in dieser Zeit ist auch unsere Bio- und „Fair“-Umstellung gekommen – und das hat einen großen Unterschied gemacht. Ich liebe Schokolade und könnte mir kein anderes Leben vorstellen. Es ist so sinnvoll für mich. Ich sehe die Firma ganzheitlich, wie einen Organismus, der gewisse Dinge braucht zum Leben und auch Dinge abgibt.

Widersprechen Sie Ihrem Vater oft bei der gemeinsamen Arbeit?

Wir sind ein gutes Team, haben aber auch Diskussionen. Papa hat viel Erfahrung. Er weiß, was alles geht und was nicht – und oft weiß er zu viel davon. Ich habe keine Ahnung, ob manches funktioniert. Mir ist das auch „wurscht“. Das ist dann Erfahrung versus Naivität. So treffen wir uns in der Mitte und finden Neues. Einige Schokoladen, die wir haben, sind mittlerweile von mir kreiert.

Manche beäugen Sie kritisch, weil Sie Schokolade so viel hinzufügen. Was entgegnen Sie?

Toll, wenn die Leute sagen, sie mögen die oder die Schokolade nicht. Denn das heißt, es schmeckt nicht alles gleich. Ich finde es immer besser, eine Erinnerung bei den Leuten zu hinterlassen.

Sie haben eine Filiale in Shanghai, das Schokoladen-Theater, aufgebaut und sind noch dort tätig. Wie haben Sie die Kultur erlebt?

Ich finde, dass die Chinesen wesentlich offener waren, als ich erwartet hatte, und offener als unsere Kunden hier, weil sie nicht wissen, was normal ist und was nicht. Sie probieren mehr.

Zuletzt hatte es einiges an Aufregung gegeben, weil Sie auf das „Fair-Trade“-Siegel verzichten.

Das ändert nichts, unser Zuckerproduzent und unsere Kakao-Kooperativen sind weiter „fair-trade“-zertifiziert. Das Problem waren die Massenbilanzierungen. Wir können genau sagen, von welchem Kakaobauern unsere Schokolade kommt. Wir haben bislang aber das gleiche Siegel getragen, wie jemand, der Massenbilanzierungen macht – und das wollten wir nicht. Dann haben wir uns für ein eigenes „Fair“-Zeichen entschieden und sind der World Fair Trade Organisation (WFTO) beigetreten.

Wäre es für Sie vorstellbar, wie bei Eiern, genaue Herkunftsangaben auf die Packung zu drucken?

Daran arbeiten wir, das Projekt heißt bei uns „die gläserne Schokolade“. Wir bauen gerade eine detaillierte Artikeldatenbank auf.

Die Milch für die Schokoladenproduktion kommt ja aus Tirol.

Für unsere Bio-Zertifizierung würde es keinen Unterschied machen, welche Biomilch wir woher nehmen würden. Doch für uns macht es einen geschmacklichen Unterschied. Und aus Grundprinzip finden wir, wenn die meisten Schokoladen in Österreich verkauft werden, macht es durchaus Sinn – wo wir können – unser Geld in österreichische Zutaten und die eigene Wirtschaft zu investieren.

Können Sie sich vorstellen, Graukäse in die Schokolade zu geben?

Graukäse ist etwas streng, oder? Wir haben es noch nicht probiert, aber es gibt da keine Grenzen.

Das Interview führte Deborah Darnhofer

Zur Person

Kein Tag ohne Schokolade heißt es für Julia Zotter, die 31-jährige Tochter des steirischen Chocolatiers Josef Zotter. Im Herbst 2017 ist sie ins Hauptwerk nach Riegersburg zurückgekehrt. Davor baute sie sechs Jahre das „Schokoladentheater“ in Shanghai auf. Im Familienbetrieb ist Zotter jetzt u. a. für neue Kreationen und internationale Geschäfte zuständig und besucht die Kakao-Kooperativen in Lateinamerika. Sie studierte Lebensmittel- und Biotechnologie an der Boku in Wien und „Pâtisserie et Cuisine“ an der Cordon-Bleu-Akademie in Paris. Zotter spricht fünf Sprachen.




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