Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 03.01.2019


Genuss

Das rote Vermächtnis in der Flasche

Der Zweigelt soll in Zukunft „Blauer Montag“ heißen, da sein Züchter und Namensgeber Fritz Zweigelt eine NS-Vergangenheit besitzt. Die heimische Weinszene ist verärgert, Sommelier Zlatic: „Es ist unser Baby in Rot.“

Alexander Gottardi (l.) und Tochter Elisabeth möchten den Zweigelt weiter verkaufen, der "Blauer Montag" wäre keine Alternative.

© GottardiAlexander Gottardi (l.) und Tochter Elisabeth möchten den Zweigelt weiter verkaufen, der "Blauer Montag" wäre keine Alternative.



Von Manuel Lutz

Innsbruck – Die heimische Weinszene sieht Rot. Schuld ist eine blauäugige Idee: Der österreichische Rotwein Zweigelt soll in Zukunft als „Blauer Montag“ geführt werden. Die Vorgeschichte: Friedrich „Fritz“ Zweigelt gelang 1922 die Kreuzung der Sorten St. Laurent und Blaufränkisch – seine Schöpfung nannte der Steirer Rotburger. Erst 1975 – elf Jahre nach dem Ableben ihres Erfinders – erhielt die Rebsorte den Namen Zweigelt.

Mit der Initiative „Abgezweigelt“ machte das „Institut ohne direkte Eigenschaften“ auf die nationalsozialistische Vergangenheit von Zweigelt aufmerksam, der ab April 1933 NSDAP-Mitglied gewesen sei. Künftig soll Österreichs populärster Rotwein „Blauer Montag“ heißen.

In einem Brief an die Initiatoren der Aktion bat der Geschäftsführer des Unternehmens „Österreich Wein Marketing“, Wilhelm Klinger, um einen sachlichen Umgang mit der Thematik. Zwar wolle man die Angelegenheit keinesfalls unter den Teppich kehren, nur seien derzeit zu wenige Fakten bekannt.

Die Redewendung „blauer Montag“ wird auch heute noch mit der Berufsgruppe der Handwerker in Verbindung gebracht. Gemeint war damit, dass die Arbeiter nach arbeitsreichen Wochenenden einen Tag zur Regeneration hatten. Das so genannte „Blaumachen“ ist eine Ableitung davon und bedeutet, ohne Begründung von der Arbeit fernzubleiben.

Der renommierte Innsbrucker Weinhändler Alexander Gottardi findet den neuen Namen „inakzeptabel“ und erteilt einem neuen Etikett eine Absage: „In meinem Schaufenster werden meine Kunden keinen ,Blauen Montag‘ finden.“ Gottardi kann die Argumentation der Initiatoren verstehen, hält jedoch fest: „Die Menschen haben mit Zweigelt einen guten heimischen Wein assoziiert und nichts Negatives. Der Begriff gehört zum Wein wie das Riesenrundgemälde zu Innsbruck.“

Mit dem ursprünglichen Namen „Rotburger“ könnte Gottardi leben: „Alles ist in Ordnung, nur nicht der ,Blaue Montag‘. In 34 Jahren ist mir so etwas noch nicht passiert.“ Dabei gibt es ein Problem: Da der Rotburger nicht im österreichischen Weingesetz erwähnt ist, müsste der Wein als Landwein und nicht länger als Qualitätswein geführt werden.

Auch der Tiroler Diplomsommelier Egon Mark bläst ins gleiche Horn: „Die Idee finde ich total blöd.“ Für Mark ist jedoch erwähnenswert: „Der ursprünglich vorgesehene Name für die Rebsorte Zweigelt war Rotburger. Und dies hat einen besonderen Grund: Die an der Schule von Klosterneuburg gezüchteten Reben sollten alle mit ,Burger‘ enden. So gibt es auch den Blauburger und den Goldburger. Beide Sorten wurden von Fritz Zweigelt in Klosterneuburg gezüchtet.“

Suwi Zlatic, mehrfacher Preisträger bei Sommelier-Wettbewerben und Inhaber des Unternehmens Suwine, holt noch weiter aus: „Unglaublich aus Marketing-Sicht. Eine absolute Fehlentscheidung. So viele Jahrzehnte hat die Sorte Zweigelt die Weinlandschaft geprägt und wurde international berühmt.“ Die Gunst der Stunde nützen dabei zwei Winzer, die zuvor sowohl Zlatic als auch Gottardi nicht bekannt waren. Friedl Umschaid aus dem nördlichen Weinviertel und Maximilian Brustbauer aus der Wachau werden künftig unter dem Namen „Blauer Montag“ ihren Zweigelt in Umlauf bringen. „Von den Winzern hab’ ich zuvor noch nie gehört. Das sind die unbekannten Gewinner des Gags“, meinte Zlatic.

Für den heimischen Export ist der Zweigelt ein wichtiger Bestandteil, ist er doch der meistproduzierte Rotwein Österreichs. 2017 wurden rund 47 Millionen Liter Wein ins Ausland exportiert – 14 Prozent der Gesamtproduktion macht der Zweigelt aus. Wie dies mit „Blauer Montag“ funktionieren soll, ist Zlatic ein Rätsel: „International würde der Wein dann ,Blue Monday‘ heißen. Ein absolutes No-Go. Es sollte ein offizielles Synonym verwendet werden. Touristen in einem Restaurant würden den Zweigelt auf der Weinkarte vergeblich suchen.“

In diesem Zusammenhang erinnert sich Zlatic an eine Aussage des Winzers Leo Hillinger: „Er hat gesagt, dass man einen Wein nicht nur machen muss – da ist noch viel mehr dahinter. Das Marketing, die Etikette müssen fetzen.“ Dass die ganze Diskussion drei Jahre vor dem 100-Jahr-Jubiläum aufkeimt, macht Zlatic traurig: „Es ist unser Baby in Rot. Ein Wahnsinn.“

Neben dem Zweigelt gäbe es jedoch eine andere, unbekanntere Sorte, die aufgrund der Namensgebung diskutabel wäre. Die Rede ist dabei vom Sämling 88. Die Zahl steht für den erfolgreichen 88. Kreuzungsversuch, den Georg Scheu aus Riesling und Bukettraube vollzog. Pikant: Scheu soll wie Zweigelt Nationalsozialist gewesen sein.