Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Di, 19.02.2019


Genuss

Nur halb so viel Zucker: Der Speiseplan der Zukunft

Um die Welt und die Gesundheit der Menschen zu retten, schlagen 37 internationale Forscher vor, die Ernährung radikal zu ändern. Zwei Portionen Fleisch pro Woche und die Hälfte des Zuckers sollen reichen.

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London, Innsbruck – Angesichts der Aussagen von Tim Lang, Ernährungspolitik-Wissenschafter an der Universität London, kann einem das Essen leicht im Hals stecken bleiben. „Wir sind in einer katastrophalen Situation. Die Art und Weise, wie wir essen, ist einer der Hauptgründe für den Klimawandel, den Verlust der Biodiversität und für Krankheiten“, sagt Lang.

Drei Jahre lang haben er und 36 Forscher (u. a. aus Ernährung, Landwirtschaft, Umwelt, Wirtschaft, Politik) zahlreiche Studien verglichen und an einem Speiseplan der Zukunft getüftelt („The planetary health diet“, zu Deutsch etwa: Die Gesundheitsdiet für den Planeten). Ihnen ging es um die Frage, wie – angesichts der Prognosen – bis 2050 10 Milliarden Menschen ernährt werden können. Umwelt und Gesundheit sollen darunter auch nicht weiter leiden.

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In ihrem Bericht, der vor wenigen Wochen in der Fachzeitschrift The Lancet veröffentlicht wurde, haben sie grammgenau angeführt, was der Durchschnittsmensch pro Tag essen sollte: etwa maximal 14 Gramm Rind-, Schweine- oder Lammfleisch, 250 Gramm Vollmilch und andere Milchprodukte sowie weniger als ein halbes Ei täglich. Gemüse und Obst werden hingegen in großen Mengen empfohlen (300 bzw. 200 Gramm). „Die Vorschläge aus der Studie mögen auf den ersten Blick überzogen sein und decken sich auch nicht in allen Bereichen mit den im deutschsprachigen Raum gültigen Ernährungsempfehlungen“, äußert sich die bekannte Tiroler Ernährungsmedizinerin Angelika Kirchmaier in der TT dazu. Sie kritisiert, dass länder- und regionsspezifische Unterschiede nicht berücksichtigt werden. Regionale Lebensmittel, Butter, Milch und Fleisch von der Alm, würden sich „ökologisch besser auswirken“. Die Vorschläge aus London seien aber „ein Ansatz für eine Richtung, die wir wohl oder übel irgendwann gehen müssen“.

Die derzeitigen Ernährungsgewohnheiten sind für Kirchmaier „ein Fiasko“. Sie würden Mensch und Planet gleichermaßen bedrohen, schreiben die internationalen Forscher. Sie werben deshalb für eine Ernährung, die vor allem auf pflanzlicher Nahrung basiert. Das soll einen doppelten Gewinn bringen.

Pro Jahr könnten elf Millionen frühzeitige Tode verhindert werden, die sich aus ernährungsbedingten Krankheiten (z.B. Fettsucht, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes) ergeben. Zudem würden Treibhausgase verringert, Wasser gespart, Artenvielfalt erhalten und so die Umwelt insgesamt nicht stärker geschädigt, glauben die Wissenschafter.

Um das zu erreichen, sollten von politischer und wirtschaftlicher Seite sofort verschiedene Maßnahmen ergriffen werden, schlagen sie vor. Darunter fallen zum Beispiel: Verteuerung von umwelt- und gesundheitsbelastenden Lebensmitteln, Werbung und Bildungsprogramme für gesunde Produkte und Speisepläne, Reduzierung von Essensabfällen und technische Weiterentwicklung der Landwirtschaft.

Während die Vorschläge vor allem von Ernährungsmedizinern positiv aufgenommen werden, steht die Nahrungsmittelindustrie dem naturgemäß kritisch gegenüber. Die Studie „geht ins Extrem, um maximale Aufmerksamkeit zu erlangen“, erklärte der Generalsekretär des europäischen Verbandes der Milchindustrie, Alexander Anton. Christopher Snowdon vom Londoner Institut für wirtschaftliche Angelegenheiten sprach in den Medien von „Plänen von Übersorge-Staat-Aktivisten“.

Letztlich entscheide jeder Einzelne, wie er sein Leben gestalten möchte, wirft Kirchmaier ein. Seit Jahren werde von vielen Stellen und anhand etlicher Studien versucht, Menschen zu einem gesünderen Lebensstil zu motivieren. „Mit mäßigem bis mangelndem Erfolg“, berichtet die Ernährungsexpertin aus Hopfgarten. Nicht ohne Grund fordert sie deshalb schon ab dem Kindergarten-Alter einen „praxisnahen Ernährungsunterricht auf wissenschaftlichem Niveau“. Den Kindern gehört die Zukunft, heißt es so schön. (deda, APA)