Letztes Update am Di, 18.06.2019 14:55

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


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Die goldenen Regeln für Unkrautesser

Beim Anblick von Giersch, Löwenzahn und Brennnessel wird so mancher Gärtner blass. Schon sieht er sich stundenlang auf Knien Unkraut rupfen. Kann man machen. Oder man bereitet gesunde Köstlichkeiten daraus zu.

Natürlich sieht Löwenzahn zwischen Pflastersteinen nicht besonders schön aus. Doch die Pflanze ist im Grunde kein Unkraut. Die Volksmedizin sagt, sie habe leberstärkende, blutreinigende und stoffwechselanregende Eigenschaften.

© iStockphotoNatürlich sieht Löwenzahn zwischen Pflastersteinen nicht besonders schön aus. Doch die Pflanze ist im Grunde kein Unkraut. Die Volksmedizin sagt, sie habe leberstärkende, blutreinigende und stoffwechselanregende Eigenschaften.



Von Judith Sam

Blüten, Blätter und Stiele, die essbaren Teile der Gänseblümchen, wirken laut Volksmedizin hustenstillend und krampflösend. Übrigens: Bleiben die Blüten am Morgen geschlossen, wird es während des Vormittags Regen geben.
Blüten, Blätter und Stiele, die essbaren Teile der Gänseblümchen, wirken laut Volksmedizin hustenstillend und krampflösend. Übrigens: Bleiben die Blüten am Morgen geschlossen, wird es während des Vormittags Regen geben.
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Ich habe aufgegeben. Kapituliert. Efeu und ich, wir stehen auf Kriegsfuß. Seit Jahren motiviere ich die Pflänzchen, sich auf meiner Garagenwand anzusiedeln. Es gab sogar Boni: Bio-Erde, Dünger – ja sogar ein Drahtgitter, um ihnen das Klettern zu erleichtern. Und was macht der verwöhnte Efeu? Nichts. Ist schmächtig wie eh und je. Stattdessen rankt sich dort nun eine Zaunwinde empor. Offiziell ein Unkraut. Aber wenn Sie mich fragen, ist die Pflanze mit den weißen Blüten ein fescher Gartenbewohner. Darum rupfe ich sie nicht aus. Was in Gärtnerkreisen durchaus irritiert.

Hildegard von Bingen war überzeugt, dass Veilchen gegen Hitzewallungen helfen: 1 l Weißwein, 10 g Veilchenblüten, 10 g Galgantpulver und 10 g Süßholz über Nacht ansetzen und morgens aufkochen. Dann täglich abends ein Gläschen trinken.
Hildegard von Bingen war überzeugt, dass Veilchen gegen Hitzewallungen helfen: 1 l Weißwein, 10 g Veilchenblüten, 10 g Galgantpulver und 10 g Süßholz über Nacht ansetzen und morgens aufkochen. Dann täglich abends ein Gläschen trinken.
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„Die Zaunwinde ist für viele ein Hassobjekt“, spricht Elke Schwarzer aus Erfahrung. Die Biologin weiß, warum: „Sie wächst oft meterlang über den Boden. Das macht es so schwer, den Ursprung der Pflanze zu finden, den man ausreißen müsste.“

Giersch wurde früher als „Gichtkraut“ in Klostergärten kultiviert und erst in den 50er-Jahren zum Unkraut degradiert. Dabei wirkt er entgiftend, mineralisierend, entzündungshemmend, entsäuernd und blutreinigend.
Giersch wurde früher als „Gichtkraut“ in Klostergärten kultiviert und erst in den 50er-Jahren zum Unkraut degradiert. Dabei wirkt er entgiftend, mineralisierend, entzündungshemmend, entsäuernd und blutreinigend.
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Ähnlich hartnäckig schlängelt sich der Giersch unter dem Rasen entlang: „Will man den loswerden, gibt es zwei Möglichkeiten: jede Woche sämtliche Triebe ausrupfen. Oder für mehrere Jahre eine lichtundurchlässige Folie über das Unkraut decken.“

Volksmedizinisch wird Tee aus Waldsauerklee zur Linderung von Nieren- und Leberproblemen genutzt: 2 TL frische hellgrüne Waldsauerkleeblätter mit 250 ml heißem, nicht mehr kochendem Wasser aufgießen, 10 Minuten ziehen lassen.
Volksmedizinisch wird Tee aus Waldsauerklee zur Linderung von Nieren- und Leberproblemen genutzt: 2 TL frische hellgrüne Waldsauerkleeblätter mit 250 ml heißem, nicht mehr kochendem Wasser aufgießen, 10 Minuten ziehen lassen.
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Angenehme Lösungen klingen anders. In ihrem eigenen Garten wendet die Autorin des Buchs „Der Giersch muss weg“ (Ulmer Eugen Verlag) eine dritte Variante an.

„Rauling, ein Bodendecker, und Bärlauch haben sich so breit gemacht, dass Unkraut es nicht schafft, dort hochzukommen.“

Schön und gut. Aber im Gemüsebeet, wo Unkraut so gern einzieht, als wäre es ein Fünf-Sterne-Hotel, haben weder Rauling noch Bärlauch etwas verloren. „Trichterfarne und Ahornsämlinge, die sich dorthin verirren, wird man nachhaltig los, indem man sie so nahe am Boden wie möglich abschneidet. Dann sind sie beleidigt und wachsen nur selten nach“, sagt die Bielefelderin.

Günsel wiederum wird erstickt. Dafür verteilt Schwarzer Rasenschnitt etwa fünf Millimeter dick über dem Unkraut. Klingt alles recht rigoros. Aber es wird noch drastischer: Übergießen mit kochendem Wasser. Damit behandeltes Unkraut welkt und lässt sich etwa leicht aus den Ritzen von Kopfsteinpflastern kratzen.

Griff zum Pfahlwurzelstecher

Apropos kratzen: So genannte Fugenkratzer in Kombination mit Drahtbürsten sind ebenso effektiv. Jedenfalls für den Moment – denn sie geben keine Garantie, dass alle Samen entfernt werden. Hat man Pech, wuchert es bald wieder. Pfahlwurzelstecher sind wiederum ein effektives Werkzeug im Rasen.

„Trichterfarne wird man nachhaltig los, wenn man sie nahe am Boden abschneidet", erklärt Elke Schwarzer, 
Biologin.
„Trichterfarne wird man nachhaltig los, wenn man sie nahe am Boden abschneidet", erklärt Elke Schwarzer, 
Biologin.
- Schwarzer

Wer damit unmittelbar neben einer hartnäckigen Pflanze in den Boden sticht, kann so die Erde aufrütteln und die Pflanze samt Wurzeln ausgraben.

„Ich freue mich, wenn ich Löwenzahn im Garten sehe. Ich bereite daraus Senf und Smoothies zu", sagt Irmi Kaiser, 
Kräuterpädagogin.
„Ich freue mich, wenn ich Löwenzahn im Garten sehe. Ich bereite daraus Senf und Smoothies zu", sagt Irmi Kaiser, 
Kräuterpädagogin.
- Kaiser

Der Löwenzahn wäre hier ein passender Kandidat. Der Unkrautklassiker. Bei guter Windlage können dessen Samen kilometerweit reisen. Kräuterpädagogin Irmi Kaiser beugt dem vor, indem sie dessen Blüten sammelt: „Dann steht die Wurzel alleine da und die Pflanze vermehrt sich nicht.“

Das erklärt aber noch nicht, warum in Kaisers Garten im oberösterreichischen Oberkappel regelmäßig umgekippte Keramiktöpfe auf der Wiese stehen: „Damit decke ich ,geköpften‘ Löwenzahn ab, damit er zarter nachwächst. Dann schmeckt die Pflanze wie Chicoree-Salat.“

Womit wir beim angenehmen Aspekt des Unkrauts sind: „Ich freue mich, wenn ich Löwenzahn im Garten sehe.“ Wird er im Gemüsebeet als eine Art Wand um das Gemüse eingepflanzt, sättigt er die Schnecken, sodass die das Gemüse nicht mehr antasten.

Kaffee aus Löwenzahn

Zudem pflückt Irmi Kaiser Blüte, Stängel, Blätter und Wurzeln: „Um Löwenzahnkaffee, Kräutersenf und Smoothies daraus zuzubereiten.“ Die Pflanze wirkt laut Volksmedizin nämlich leberstärkend, antirheumatisch und blutreinigend.

„Viel vermeintliches Unkraut ist gesünder, als Sie denken“, sagt die Autorin des Buchs „Unkrautgenuss und Wildpflanzenküche“ (erschienen im Pichler Verlag). Und sollten Gärtner doch lieber rigoros vorgehen und alles vernichten wollen, gilt: Der Ausdauernde siegt!

Mit dem TT-Magazin durch das Gartenjahr

Auf der Suche nach grünen Daumen: In den nächsten Monaten werden die Redakteurinnen Deborah Darnhofer und Judith Sam Tipps, Tricks und Einblicke rund um Garten und Balkon pflanzen.

Deborah Darnhofer und Judith Sam (r.).
Deborah Darnhofer und Judith Sam (r.).
- Thomas Boehm / TT

Pikante Brennnesselschnitten

(aus dem Buch „Unkrautgenuss und Wildpflanzenküche“)

Zutaten für 4–6 Personen:

2 große Tassen Brennnesselblätter

1 Tasse geriebener Käse

(Emmentaler oder Bergkäse)

½ Tasse Olivenöl

1 Tasse Gemüsebrühe (S. 14)

5 Eier

3 EL Senf (z. B. Kräutersenf S. 29)

Pikante Brennnesselschnitten.
Pikante Brennnesselschnitten.
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2 EL Senfmehl

2 EL Semmelbrösel

1 EL Kräutersalz (S. 19)

etwas Chili

1 TL Curry

1–2 Tassen Dinkel-Vollkornmehl

Zubereitung:

Brennnesselblatter fein schneiden und mit allen ubrigen Zutaten in einer großen Schussel vermischen. Zuletzt das Dinkel-Vollkornmehl beimengen, sodass ein gut streichbarer Teig entsteht. Masse auf einem mit Backpapier ausgelegten Blech verteilen und im Backrohr bei 200 °C ca. 30 Minuten mit Ober-/Unterhitze backen. Noch warm in kleine Rauten schneiden.

Gänsefuß-Gorgonzola-Pfannkuchen

(aus dem Buch „Der Giersch muss weg“)

Zutaten für 8 Pfannkuchen: 150 g Mehl 250 ml Milch 2 Eier Öl oder Butterschmalz, Butter 500 g Gänsefußblätter oder junge Triebe 2 EL Olivenöl 1 kleine Zwiebel 50−100 ml Gemüsebrühe 150 g Gorgonzola 1 Mozzarella Salz, Pfeffer, Muskatnuss 1 Knoblauchzehe

Zubereitung:

Mehl und Salz in einer Schüssel vermischen, die Milch eingießen. Teig glatt rühren, Eier unterschlagen. Den Teig 20 Minuten ruhen lassen. Eine Pfanne erhitzen. Zwiebel fein würfeln und in Olivenöl andünsten. Den gewaschenen Gänsefuß und etwas von der Brühe zugeben. Gorgonzola grob würfeln und wenn die Flüssigkeit in der Pfanne fast aufgesogen ist, dazugeben und schmelzen lassen. Mit Pfeffer und Muskatnuss würzen, nur bei Bedarf salzen. Den Backofen auf 175 °C (Ober-/Unterhitze) vorheizen. Wenig Öl oder Butterschmalz in eine Pfanne geben, den Pfannkuchenteig aufschlagen, hineingeben und verlaufen lassen. Bei mittlerer Hitze backen. Eine feuerfeste Form einfetten, die Knoblauchzehe durchschneiden und die Form damit ausreiben. Alle Pfannkuchen füllen und in die Form legen. Mozzarellascheiben darauf verteilen und die Pfannkuchen 20 bis 25 Minuten überbacken.

Gänsefuß-Gorgonzola-Pfannkuchen
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Gänsefuß-Gorgonzola-Pfannkuchen
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- TT