Letztes Update am So, 23.06.2019 07:05

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


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Alles hat ein Ende und wohl auch die Wurst: Tirols letzte Würstlstände

Traditionelle Würstelstände verschwinden zusehends. Vereinzelt gibt es sie aber in Tirol noch. Jene, die sich behaupten, setzen auf Klassiker und müssen ihr Angebot doch erweitern. Durchwursteln ist ihnen zu wenig.

Vor 25 Jahren hat sich Metzgermeister Hermann Maizner seinen Würstelstand in Inzing aufgebaut.

© Vanessa Rachlé / TTVor 25 Jahren hat sich Metzgermeister Hermann Maizner seinen Würstelstand in Inzing aufgebaut.



Von Deborah Darnhofer

Was waren das für Zeiten. Aus Geldnot machten Oma Margarete, ihre Tochter Magda und deren Tochter Margot einen Würs­telstand im damaligen West-Berlin auf. Die kultigen „Drei Damen vom Grill“ erheiterten in den 1970er- und 80er-Jahren das TV-Publikum. 140 Episoden hielten sie das Geschäft am Laufen und prägten eine eigene Wurstkultur.

Heute ist die Lage am Würstelstand alles andere als lustig und die Konkurrenz groß. Im Vorbeigehen greifen viele, vor allem Jüngere, vermehrt zu Pizza, Burger, Döner und Asiatischem. Dabei ist es vor allem die Systemgastronomie mit ihrem Massenangebot, die wächst. Fast-Food-Ketten, Supermärkte und Tankstellen mit Jausenstation – alle wollen den Hunger schnell stillen.

Da haben es althergebrachte Läden mitunter schwer. Eine Burenwurst kennen viele nur noch vom Opa. Ohne Kunden verschwinden die Würstelbuden aber zusehends aus dem Ortsbild. Fast ein Fünftel musste in Österreich in den letzten sieben Jahren zusperren. Gab es im Vorjahr 712 klassische Würstelstände, waren es laut Branchenradar 2012 noch 902.

Auch für Tirol ergab eine schnelle Suche im Internet ein mageres Ergebnis. Von Hall bis Kufstein waren keine reinen Würstelbuden zu finden. Tourismusverbände und ortsansässige Metzger konnten ebenfalls nicht weiterhelfen. Schon geht der Gedanke vom Aussterben der Würstelstände um. Besucht man die verbliebenen Standlbetreiber, zeichnet sich aber ein anderes Bild ab.

Vom Aussterben redet hinter der „Budel“ keiner. Sorgen um das Geschäft machen sie sich nicht, lediglich Personalsorgen plagen alle. Mit Herzblut und Engagement stehen sie tagtäglich oft selbst am Grill. Mit Produkten vom regionalen Metzger und Bäcker wollen sie sich hervortun und sind doch fast zu schüchtern in ihrer Vermarktung. Ihnen reicht ein schlichtes Schild mit Würsten und moderaten Preisen. Weil es eben nicht „wurscht“ ist, ob dieser Teil der Alltagskultur verloren geht, holen wir drei Würstelstand-Betreiber aus Kufstein, Inzing und Innsbruck vor den Vorhang.

Bei ihnen essen drei Generationen

Der Opa hat hier Burenwürste gegessen, deshalb kommt der Enkel nach der Schule nun auch. Und aus München sollen Stammgäste anreisen, um sich mit Würsten und Schwarzbrot nach Hausrezept einzudecken.

Auf ihren Imbiss sind Betreiberin Sonja Lindenmaier und Martin Singer jun. sehr stolz.
Auf ihren Imbiss sind Betreiberin Sonja Lindenmaier und Martin Singer jun. sehr stolz.
- Vanessa Rachlé / TT

Solche Geschichten machen den Würstelstand um Martin Singer junior in Kufstein zum Kult. „Mein Vater hat mit einem kleinen gelben Wagen angefangen“, erzählt der 53-Jährige und zeigt ein altes Foto. „Mit acht Jahren bin ich ins Geschäft hineingewachsen, nun arbeite ich 32 Jahre lang im Würstelstand.“ Viel habe sich in den Jahren geändert.

Statt des gelben Wagens und anderer Stationen gibt es seit sechs Jahren einen festen Laden am Oberen Stadtplatz: „Die Wurstkuchl“. Die ehemalige Mitarbeiterin Sonja Lindenmaier (39) hat den Betrieb heuer im März übernommen. Eine lachende Comic-Wurst prangt seither von der Glasscheibe. Im Innern fühlt man sich in eine alte Zeit zurückversetzt.

Überkopf leuchtet eine schlichte rote Tafel. Der Reihe nach wird der Hunger geweckt. „14 verschiedene Würste bieten wir“, erklärt Singer stolz. Eine Besonderheit ist „Langos“, ein Debreziner im Brotteig. Daneben seien Bosna und Currywurst die Favoriten.

Toast, Schnitzelsemmel, Chickenburger und Mozzarella-Sticks („für die Vegetarier“) stehen aber auch auf der Karte. „Wir setzen auf Tradition und lassen mit eigener Rezeptur beim Metzger produzieren“, betont Lindenmaier. „Doch ein bisschen was brauchst du für die Touris.“ Es sei wie bei einem Würstlstand in Wien. „Alle Schichten, vom Bürgermeister über Partypeople bis zum Sandler, kommen hierher.“ Doch während in Wien althergebrachte Läden schließen, sprechen Lindenmaier und Singer von einer Trendumkehr. Liefen die Geschäfte in den 2000er-Jahren eher schlecht als recht, „weil es eine Welle an neuem Essen gab“, sehen die beiden jetzt einen Aufschwung.

Die Spezialität der Wurstkuchl ist ein frittiertes „Langos“und entpuppt sich als Debreziner im Brotteig.
Die Spezialität der Wurstkuchl ist ein frittiertes „Langos“und entpuppt sich als Debreziner im Brotteig.
- Vanessa Rachlé / TT

Von 11 bis in die Nacht bedienen sie die Hungrigen, derzeit zu zweit, jeden Tag. Ruhetag gibt es keinen. Lindenmaier wäre dankbar um Hilfe. „Aber ich finde niemanden“, sagt sie. Die Mühen, langen Tage und heißen Schichten machen die Beiden durch Späßchen vergessen. Und sie haben viel Freude bei dem, was sie tagtäglich tun.Beim Braten und Verkaufen sieht man es ihnen an. Kunden werden mit Namen und Schmäh begrüßt. „Wir sind ein Treffpunkt, viele kommen zum Ratschen“, sagt die Betreiberin. Stadtbekannt ist der Imbiss schon lange. Den vorbeifahrenden Busfahrer grüßt sie mit einer imaginären Welle und für den bettelnden Hund hat sie einen Rest Wurst übrig.

Ein Hendl-Fan brät die Würste

Mit Würsteln hat bei Hermann Maizner alles angefangen. Als Metzgermeister sie noch selbst hergestellt, bratet, brüht und bringt er sie nun schon seit 25 Jahren an hungrige Vorbeikommende.

Metzgermeister Hermann Maizner hat vor 25 Jahren seinen Würstelstand in Inzing aufgebaut. Mittlerweile macht er mit Cordon bleu und anderen Fleischspeisen sein Hauptgeschäft.
Metzgermeister Hermann Maizner hat vor 25 Jahren seinen Würstelstand in Inzing aufgebaut. Mittlerweile macht er mit Cordon bleu und anderen Fleischspeisen sein Hauptgeschäft.
- Vanessa Rachlé / TT

Der 56-Jährige vom Inzingerberg wechselte jedoch hinter die „Budel“. Am Sportplatz in Inzing thront seither sein roter Würstelstand. Aus dem einstigen weißen Wagen ist durch Anbauten im Laufe der Jahre eine feste Institution geworden. Doch alles beim Alten blieb hier nicht. Jetzt kündigt das Schild zur Straße etwa „Cordon bleu“ an. Früher gab es das nicht, da hatte auch Maizner nur verschiedene Würstel im Angebot.

„Doch gleich einmal sind Bosna, Pommes und Burger dazugekommen. Nur normale Wurst zu verkaufen, davon könnte ich nicht leben“, erklärt der Inzinger. Das Hauptgeschäft mache er damit längst nicht mehr. Letztes Jahr wollte er z. B. selbst gemachte St. Johanner verkaufen. Doch das hätte niemanden interessiert und so flogen sie schnell aus der Karte. „Nach einer Burenwurst fragen meist nur die Älteren. Das ist selten geworden. Bei den Jüngeren sind vor allem Burger gefragt.“ Dem kommt Maizner nach. „Man muss sich immer weiter entwickeln, darf nicht stehen bleiben.“

Mittlerweile bietet er zu Mittag neben Würsteln abwechselnd Schnitzelvarianten an, zweimal in der Woche gebratene Hendl und Ripperln. Manchmal darf es sogar ein Schweinsbraten sein. Wehmut oder gar Angst vorm Aussterben hat er keine. „Ich persönlich kann mich nicht beklagen. Ich bin zufrieden, kann davon leben und es macht immer noch Spaß“, meint der Inzinger. Voll Stolz blickt er über sein „Platzl“ und beobachtet die vorbeifahrenden Autos. Gerade jetzt in den Sommermonaten sei es hier aber auch eine Hitzeschlacht und anstrengend.

Salate bereitet er selbst zu. Fleisch kommt zum Teil vom Hof des Bruders.
Salate bereitet er selbst zu. Fleisch kommt zum Teil vom Hof des Bruders.
- Vanessa Rachlé / TT

Schließlich macht Maizner alles selbst. Von 11 bis 13 Uhr und 17 bis 21 Uhr bekocht und bedient er seine Kunden. Daneben putzt er, führt die Buchhaltung und kauft ein. Vom Bruder, der am elterlichen Hof am Inzingerberg Vieh hält, schlachtet und direkt vermarktet, bezieht er frisches Fleisch, vom Bäcker aus der Umgebung Brot. Salate und Saucen macht er selbst. Seine Frau steht ihm tatkräftig zur Seite. Trotz der Arbeit, Maizner könnte sich kaum Besseres vorstellen. „Ich bin mein eigener Chef, das möchte ich nicht mehr missen.“ Und nach seiner Lieblingswurst gefragt, überrascht der 56-jährige „Standlbetreiber“. Seit jeher ist er Hendl-Fan.

Bosna sind gefragt und Burger wären es auch

Vor zehn Jahren lief es schon gut. Durch die Belebung der Fußgängerzone läuft es heute aber noch besser.“ Der gelernte Metzgermeister Hermann Hölzl tritt mit seinem „Siedepunkt“ bei der Annasäule in Innsbruck den Gegenbeweis an: vom befürchteten Aussterben der Würstelstände keine Spur.

Bosna ist der Renner ...
Bosna ist der Renner ...
- Vanessa Rachlé / TT

Hölzl könne sich nicht beklagen. „Es ist harte Arbeit, aber man kann Geld verdienen.“ Er sei zufrieden und verkaufe 2500 bis 3000 Würstel pro Monat. „Vor allem Bosna und Hot Dog werden hier von den Jüngeren gern gegessen“, erzählt der 64-Jährige.

... bei Hermann Hölzl vom Siedepunkt-Stand in Innsbruck.
... bei Hermann Hölzl vom Siedepunkt-Stand in Innsbruck.
- Vanessa Rachlé / TT

Bis letztes Jahr hat er selbst gewurstet. Nun bezieht er seine Ware von einem Metzgerbetrieb und Bäcker. Auch Burger hatte er schon im Angebot, „die wären nach wie vor sehr gefragt, aber der Zeitaufwand ist zu groß“. Insgesamt sechs bis sieben Mitarbeiter kümmern sich von Montag bis Sonntag von 18.30 bis zwei Uhr um Stand, Essen und Kunden. Beim TT-Fototermin am frühen Abend sind es hungrige Männer und neugierige Touristen aus Asien, die zuallererst den Imbisswagen aufsuchen. Während die Einheimischen umgehend eine Bosna bestellen, sehen sich die Urlauber die angebrachten Bilder an und diskutieren untereinander. Dann fallen sie in nervöses Lachen und bestellen bei der geduldigen Mitarbeiterin. Sie dürfte mitten in Innsbruck einiges gewöhnt sein, taumelnde Nachtschwärmer inklusive. Regelmäßige Polizeistreifen sorgen für Sicherheit.

Angesprochen auf einen Konkurrenzkampf zur Würstelbude in der Altstadt, bleibt Hölzl ebenfalls gelassen. „Alle können gut leben.“ Ältere Menschen würden eher dorthin gehen. Diese Generation war es auch, die „früher extra aus den Dörfern in die Stadt kam, um Würstel zu essen. Das gibt es heute nicht mehr“, berichtet Hölzl. Auch am Imbiss ändern sich die Gepflogenheiten schnell.