Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Di, 23.07.2019


Ernährung

Jetzt ermittelt Sherlock Lauch: Gesunde Gerichte für Kinder

„Das ess’ ich nicht“: Speisen für die Kleinen sind kein Kinderspiel. Eine neue Initiative will Gastbetrieben helfen, gesündere kindgerechte Teller zusammenzustellen. Schnitzel, Pommes und Würstel sollen abgelöst werden.

"Altersgerechte
Gestaltung ist wichtig. Bei Drei- bis Siebenjährigen muss es vor allem schön sein", sagt Ursula Weixlbaumer-Norz
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© iStockphoto"Altersgerechte
Gestaltung ist wichtig. Bei Drei- bis Siebenjährigen muss es vor allem schön sein", sagt Ursula Weixlbaumer-Norz
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Von Deborah Darnhofer

Innsbruck, Wien – Seit Jahrzehnten bleiben die angebotenen Kindergerichte in Hotels und Restaurants unverändert: Schnitzel, Würstel und Pommes sind nicht wegzudenken. Kindgerecht heißen die Speisen Pinocchio-, Micky-Maus- oder Pumuckl-Teller. Doch deren Inhalt tut den Kleinen selten gut.

„Grillwürstel mit Pommes decken bereits den Tagesbedarf an Fett (72 Gramm, Anm.) eines Unterstufenschülers“, sagt Ernährungswissenschafter Manuel Schätzer. Wird ein großes Glas Limonade dazu getrunken, ist die empfohlene Tagesmenge an Zucker schon erreicht. Das meiste Kinderessen entspricht damit nicht den Empfehlungen der Ernährungsexperten. Kinder essen laut österreichischem Ernährungsbericht doppelt so viel Fleisch, aber nur rund halb so viel Obst, Gemüse, Brot und Milchprodukte wie empfohlen. Fast ein Fünftel ihres täglichen Energiebedarfs (18 Prozent) decken sie außerdem durch Süßigkeiten oder Knabbereien. Die Folgen sind kaum zu übersehen: Ein Drittel aller Sechsjährigen bis 18-Jährigen ist in Österreich laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) übergewichtig.

Schätzer, Geschäftsführer des österreichischen Ernährungsberatungsunternehmens Sipcan, wendet sich nach vielen erfolgreichen Initiativen an Schulen und Kantinen jetzt an Hotellerie und Gastronomie. Bei der Gemeinschaftsverpflegung sei es in Österreich mittlerweile Standard, gesunde Speisepläne zu gestalten – und „wir wissen, dass Kinder diese gut annehmen“, erzählt der gebürtige Wattener. „Setzen wir uns mit ihnen ins Wirtshaus, spiegelt sich das in sehr eingeschränkter Art und Weise wider.“

Mit dem Programm „Ausgezeichnetes Kinderessen“ und der Comicfigur „Sherlock Lauch“ soll sich das nun ändern. Neben Beratung in Küche und Marketing wird teilnehmenden Betrieben ein eigens entworfenes Siegel und ein Katalog voller kindgerechter Speiseideen zur Verfügung gestellt. Mit Käse überbackene Karfiollaibchen, Spinatlasagne, Naturschnitzel mit Gemüsereis, Fisch mit Kartoffel-Paprikakruste oder Früchtesorbet ohne zugesetzten Zucker sind Beispiele. Schwierig umzusetzen sei das für die Küchenbrigade nicht, gibt Schätzer erste Erfahrungsberichte wieder.

Seit heurigem Mai werden Gespräche und Schulungen im deutschsprachigen Raum ab 550 Euro angeboten. Noch steckt das ambitionierte Projekt in den Kinderschuhen. Derzeit machen österreichweit lediglich vier Hotels mit. „Es tröpfelt dahin“, muss Schätzer eingestehen.

Ein Problem könnte in der Bewertung liegen: Nach wie vor werden Restaurantessen oder Urlaub großteils als besondere Ausnahme gesehen. Gesündere Alternativen sind da nicht gerade heiß begehrt. „Der Genuss ist essenziell, aber es gilt, das richtige Maß zu finden. Die gesündere Wahl soll zur leichteren werden“, wirft er ein. Sei das Thema in der Gastronomie bislang eher vernachlässigt worden, sehen die Projektverantwortlichen einen „Wertewandel“ einsetzen. Der reicht speziell in Familien der jüngeren Generation hin zu mehr Nachhaltigkeit und Gesundheit bei den Themen Urlaub, Konsum und Ernährung. Und dieser vermeintliche Sinneswandel soll sich durch die neue Sipcan-Initiative nicht nur in den Kindermenüs widerspiegeln, sondern auch an die Sinneskanäle der kleinen Konsumenten andocken.

Neben Rezeptvorschlägen bilden daher Speisenanrichtung und grafische Gestaltung von Kinderspeisekarten weitere wichtige Säulen der Gastroberatung. Aus einer gekochten Polenta mit Gemüse oder gebackenem Fisch mit Püree werden durch Ausstecher und Eisportionierer fantasievolle Tiere oder (Meeres-)Landschaften. Das Auge isst schließlich auch bei den Kindern mit. „Altersgerechte Gestaltung ist wichtig. Bei Drei- bis Siebenjährigen muss es vor allem schön sein“, erklärt Programm-Mitarbeiterin Ursula Weixlbaumer-Norz, Kindermarketing-Expertin und frühere Entwicklerin einer globalen Kindermarketingstrategie eines berühmten Fastfood-Weltkonzerns.

Die Kleinen würden positiv auf Figuren, Maskottchen und ansprechende Bilder reagieren. Für ältere Kinder, ab sieben Jahren, sei hingegen Wissen wichtiger. „Durch eigene Speisekarten oder ein Einlegeblatt müssen wir ihnen Autonomie geben. Sie wollen eigene Wahlmöglichkeiten haben.“ Dabei sollen keine Verbote oder erhobene Zeigefinger serviert werden, sondern kreative Anreize für gesunde, „coole“ Alternativen zu Schnitzel und Pommes. Das kann zum Beispiel ein Comic über Sherlock Lauch sein, der ermittelt, ob in der Suppe wirklich Fisch steckt.