Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Di, 09.09.2014


Genuss

Gesund und günstig essen

Können Lebensmittel gesund und billig zugleich sein? Dieser Frage ist ein EU-Projekt nachgegangen – und antwortet mit einer ganzen Reihe von Produkten.

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Von Deborah Darnhofer

Innsbruck – Eine Schinkenpizza mit Mozzarella wirkt auf den ersten Blick nicht billig und schon gar nicht gesund. Doch die besagte Pizza – hervorgegangen aus einem EU-Projekt – ist genau das: nahrhaft und erschwinglich. Sie wurde für jene 125 Millionen EU-Bürger entwickelt, die armutsgefährdet sind. Im Rahmen des vierjährigen „Chance“-Projekts, das im heurigen Sommer zu Ende gegangen ist, haben Forscher nämlich kostengünstige Lebensmittel entwickelt, die zugleich wichtige Nährstoffe enthalten.

„Vor einem Sandwich haben ich und meine Kollegin über die richtige Ernährung diskutiert und das Recht, dass es sie auf jedem Tisch geben sollte“, erklärt Projekt-Koordinator Francesco Capozzi von der Universität Bologna bei der Abschluss-Konferenz des Projektes. Mehr als ein Fünftel der EU-Bürger war 2012 nach Schätzungen der europäischen Statistikbehörde Eurostat von Armut oder sozialer Ausgrenzung bedroht. Bis 2020 will die EU-Kommission mindestens 20 Millionen Menschen daraus befreien. Dabei helfen soll das EU-weite „Chance“-Projekt.

Laut den Wissenschaftern gebe es Zusammenhänge zwischen dem Einkommen und Ernährungsgewohnheiten. Armutsgefährdete Personen würden einige wichtige Nährstoffe nur unzureichend zu sich nehmen. Mit Hilfe einer Studie, an der über 1000 Personen teilgenommen haben, konnten die Forscher den Gesundheitszustand der Beteiligten analysieren. Auf Basis dieser Daten wurden zehn Lebensmittel-Prototypen entwickelt, die ausgewogene Nährstoffe enthalten.

„Alle Produkte gehören zu den am häufigsten konsumierten Lebensmitteln“, erklärt Anamarija Mandic vom Universitätsinstitut für Ernährung und Technologie in Novi Sad (Serbien). Sie hat zusammen mit anderen Forschern Kochschinken produziert, der salzärmer ist als die im Handel erhältliche Variante, gleichzeitig aber durch die Zugabe von sieben Prozent Schweineleber mehr Vitamin D und E sowie Eisen enthält. Durch den Leberzusatz hat der Schinken auch Vitamin A, der im Handelsprodukt nicht vorkommt. Darüber hinaus gibt es ein „Chance“-Ketchup, das mit den Samen und der Haut der Pflanze hergestellt wurde. Dadurch enthält es die zehnfache Menge an Ballaststoffen im Vergleich zu handelsüblichem Ketchup.

Ein Mozzarella-ähnlicher Käse wurde mit Magermilch hergestellt und enthält somit weniger Fett und Kohlenhydrate als üblicher Mozzarella, jedoch die doppelte Menge an Vitamin B12. Im Labor haben die Forscher auch nährstoffreicheres und kohlenhydratärmeres Brot gebacken.

Projektkoordinator Capozzi stellte aus „Chance“-Produkten sogar eine Pizza her. Dem Teig wurden Sojabohnen beigemischt, um einen höheren Nährstoffgehalt zu erreichen. Der Geschmack aller Lebensmittel soll dem der handelsüblichen Produkte entsprechen. „Die armutsgefährdeten Bürger können sich von ,Chance’-Essen gesund ernähren, ohne ihre Essgewohnheiten zu ändern“, sagt Mandic. Darüber hinaus sollen die Etikettierungen und Preise der Lebensmittel Konsumenten von den „Chance“-Produkten überzeugen.

Denn eine große Hürde für gesundes Essen sei nach wie vor mangelhaftes Wissen, ergab eine weitere „Chance“-Studie, bei der Konsumenten, Unternehmer und Händler befragt wurden. Sowohl die Industrie als auch die Bevölkerung hätten demnach nahrhafte Produkte mit hohen Kosten verbunden.

Mandic jedenfalls zeigt sich optimistisch: „Ich rechne damit, dass wir ,Chance’-Produkte in Regalen in ganz Europa haben werden.“ Denn das Projekt habe bestätigt, dass nahrhaftes Essen nicht teuer sein muss, „weil durch günstige Technologien aus wichtigen und billigen Rohstoffen gesundes und leistbares Essen produziert werden kann“. Und noch etwas hofft Capozzi: dass nämlich die Bemühungen der Forscher auch nach Ende des „Chance“-Projektes weitergehen.