Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 10.05.2015


Genuss

Die Kunst des künstlichen Essens

Die Expo in Italien beschäftigt sich unter dem Motto „Den Planeten ernähren, Energie fürs Leben“, wie man die schnell wachsende Weltbevölkerung künftig ernähren kann. Die Lebensmittelindustrie hat mit 3D-Drucker und Labor-Fleisch die Herausforderung angenommen.

© Natural Machines



Schatz, das Essen ist gleich fertig. Ich muss nur noch schnell den Käse auf den Toast drucken!“ Genau, drucken, nicht drücken. Die Kinder bekommen zur Jause g’schmackige Heuschreckensnacks und der Oma wird im Altenheim nach einem Schlaganfall weiches Fleisch mit Erbsen serviert, das wie Fleisch mit Erbsen aussieht und schmeckt, aber eigentlich Püree ist – Smoothfood. So kann sie es leichter schlucken. Science Fiction? Keineswegs.

Neben der Mikrowelle könnte eine neue Elektronikkiste in der heimischen Küche Einzug halten: der 3D-Drucker. Runde um Runde wird dann eine Düse Pastenwürste aus Käse, Kartoffelpüree oder Marzipan in Schichten aufziehen, bis das Gericht die gewünschte Form hat – ein Stern oder ein Kraken vielleicht. Essen aus dem 3D-Drucker ist jetzt schon keine Zukunftsmusik mehr. Bei der Expo-Weltausstellung in Mailand stellt der Nudelgigant Barilla gerade computergenerierte Pasta aus dem Drucker vor. Da gibt es z. B. Teigkugeln, die im Nudelwasser zu Rosen erblühen. Verspielte Köpfe, die das nötige Kleingeld haben, werden damit ihre Freude haben. Das in Freising bei München ansässige Start-up Print2Taste wirbt ab Dienstag mit einer Crowdfunding-Kampagne für „Bocusini“. Sechs normale 3D-Drucker hat das Unternehmen mittlerweile zu Lebensmitteldruckern umgebaut und will diese für „deutlich unter 1000 Euro“ unter die Leute bringen, wie Melanie Senger von Print2Taste sagt. Sie ist überzeugt, dass die Technik durchschlägt. „Bocusini“ ist nach ihren Angaben der erste 3D-Drucker für den Hausgebrauch, der unterschiedliche Lebensmittel ausdrucken kann.

Das Gerät ist mit Kartuschen bestückt, welche selbst mit Lebensmitteln befüllt oder fix und fertig mit für den Druck optimierten Lebensmitteln in den unterschiedlichsten Farben und Geschmäckern gekauft werden können. „Es geht nicht darum, ein Lebensmittel zu ersetzen, sondern darum, es in neue Formen zu bringen. Ein neues Erlebnis von Lebensmitteln zu schaffen.“

Senger ist auch an einem EU-Projekt beteiligt, bei dem es darum geht, einen weiteren Nahrungsmittel-Trend zu schaffen: Personalisiertes Smoothfood für ältere bzw. kau- und schluckbehinderte Menschen. Dafür wird den Breisorten Geliermittel zugesetzt und diese dann mit dem 3D-Drucker in Form gebracht. Apfelmus könnte dann wie ein Apfel aussehen. Auch wenn das mit dem knackfrisch gedruckten Salat nicht klappen wird, vor Fleisch macht der Lebensmittel-Drucker nicht halt. Bereits vor zwei Jahren ist es Mark Post von der Universität im niederländischen Maastricht gelungen, Rindfleisch in Vitro zu züchten. Dafür hat er Stammzellen in einer Nährflüssigkeit wachsen lassen und die daraus entstandenen dünnen Fleischfäden zu einem faschierten Laibchen zusammengedrückt. Senger weiß, dass Forscher gerade daran arbeiten, im Labor gezüchtetes Fleisch fit für den Lebensmitteldrucker zu machen.

Das Apfelmus in Apfelform als Nachspeise, das Kunstfleisch als Hauptspeise. Fehlt nur noch die Vorspeise, Eiersalat ohne Ei zum Beispiel. Die Streitfrage, ob nun die Henne oder das Ei vorher da war, ist den experimentierfreudigen Kalifornier bei der Firma Hampton Creek wahrscheinlich herzlich egal. Wenn es nach ihnen geht, braucht es für das Frühstücksei nämlich bald gar kein Huhn mehr. Die Amerikaner werkeln derzeit mit dem Eiweiß verschiedener Pflanzen, um das optimale vegane Ei zu kreieren. Bei der Mayonnaise ist ihnen das bereits vor einiger Zeit geglückt – ihre „Just Mayo“ kommt ganz ohne tierisches Ei aus.

All diese Innovationen klingen wie ein Spiel. Wissenschaft zum Selbstzweck? Nein, mit dem Essen spielt man nicht. Die Industrie bastelt nicht nur zum Spaß am Essen der Zukunft. Sie wollen dafür sorgen, dass die Menschen auf der Welt genug zu essen haben.

Essen für die Welt

Die Vereinten Nationen rechnen damit, dass die Weltbevölkerung bis zum Jahr 2050 auf neun Milliarden Menschen ansteigt. Während in Europa die vegane Ernährungsweise immer mehr Anhänger findet, wollen in Schwellenländern wie China und Indien die Menschen immer öfter Fleisch essen. Die landwirschaftlichen Flächen werden derweil aber nicht größer. Die Welternährungsorganisation FAO hat die Empfehlung ausgegeben, das wertvolle Eiweiß von Insekten auf den Teller zu bringen. Fleisch aus der Petrischale und Eier aus Pflanzen könnten die Zukunft sein. Ihr ökologischer Fußabdruck fällt bedeutend kleiner aus als in der konventionellen Lebensmittelproduktion. Weniger Wasser, weniger Treibhausgase und weniger Tierleid sind die Schlagworte, die für das künstliche Essen sprechen. Dabei soll es aber auch weiterhin gut schmecken.

Das ist der Knackpunkt. Der Konsument isst nichts, was ihm nicht passt. „Bei den Gummibärchen mag das schon sein, dass nicht hinterfragt wird, woraus sie bestehen. Aber sobald es an die Grundnahrungsmittel geht, ist das etwas ganz anderes“, ist der Karl-Heinz Wagner, stv. Leiter des Departments für Ernährungswissenschaft an der Uni Wien, skeptisch. Er glaubt derzeit nicht, dass sich künstliches Essen flächendeckend durchsetzen wird. „Das beste Beispiel sind gentechnisch veränderte Lebensmittel. Die werden bei uns vom Konsumenten nicht angenommen.“ Aus dem selben Grund würden auch Dinge, zu denen die Industrie jetzt bereits imstande erst gar nicht auf dem Ladentisch zu finden sein oder zumindest nicht offensiv beworben – nicht einmal die positiven Dinge. So sei etwa still und leise das Salz in den Packerlsuppen reduziert worden oder die ungesunden Transfette aus Fertiggerichten verschwunden. Bleibt also doch alles beim Alten?

„Die Leute werden Insekten oder den 3D-Drucker ausprobieren, aber nur einige Randgruppen nehmen sie dauerhaft an“, denkt der Ernährungsexperte. Insgesamt wird sich unsere Ernährung entsprechend dem Lebensstil verändern. Die traditionelle Rollenverteilung ist so gut wie Geschichte, die Frau am Herd ein Relikt aus vergangenen Zeiten. „Das Know-how bei der Zubereitung von Nahrungsmitteln geht verloren. Kochen ist keine Notwendigkeit mehr, sondern ein Hobby. Geschmack wird globalisiert.“ Essen muss schnell und flexibel sein, die starren Essenszeiten weichen zunehmend zugunsten kleinerer Snacks, die auswärts zu sich genommen werden, auf. Wagner prophezeit, dass viele Gerichte überall auf der Welt sehr ähnlich schmecken werden und länderspezifische Ernährungsmuster wie die mediterrane Kost verloren gehen.

Global versus regional

Er stellt aber auch einen gegenläufigen Trend fest: Hierzulande steigt das Bewusstsein für gesunde und regional produzierte Ernährungsweise. Die Ethik bei der Nahrungsproduktion rückt in den Mittelpunkt. Parallel dazu schreitet die Vernetzung von Gesundheitsdaten immer weiter voran. In ein paar Jahren könnte es also so sein, dass uns das Smartphone auf Basis von Blutdruck- oder Blutzuckermessungen diktiert, was wir essen dürfen. Die Firma Electrolux entwickelt ein Messer das uns sagen wird, wie frisch das Obst ist, das wir schneiden und welche Nährstoffe es enthält. Ob es sich etabliert? Vielleicht wird zwar heißer gekocht als gegessen wird, aber die Geschmäcker sind ja bekanntlich verschieden. (Theresa Mair)

Eine Köchin druckt mit dem 3D-Drucker "Bocusini" Labyrinthe aus Leberpastete.
- print2food