Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 25.06.2015


Gesundheit

Schwanger trotz Endometriose

Dass Endometriose nicht gleich Kinderlosigkeit bedeutet, beweist der Fall einer Tirolerin. Trotzdem vergehen im Schnitt elf Jahre, bis die richtige Diagnose gestellt wird.

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© PantherStockSymbolfoto



Von Nicole Strozzi

Hall i. T. – Seit ihrer ersten Regelblutung mit 13 Jahren lebt Julia (richtiger Name der Redaktion bekannt) mit ex­trem heftigen Menstruationsschmerzen. Obwohl sie den Alltag früher manchmal nur mit Schmerzmitteln schaffte, stempelte ihre damalige Frauenärztin diese als „normal“ ab, erzählt die 30-Jährige. Eine Regelblutung tut halt mal weh, hieß es lapidar.

2010 wurde bei der Tirolerin eine Zyste am Eierstock entdeckt, die sich aber als harmlos erwies. Erst drei Jahre später, als sich die Zyste vergrößerte und Julia ihre Frauenärztin wechselte, fiel zum ersten Mal der Begriff „Endometriose“, eine Erkrankung der Gebärmutterschleimhaut und mögliche Ursache ungewollter Kinderlosigkeit. Vom ersten Auftreten der Schmerzen bis zur Diagnose vergingen genau 15 Jahre.

Die junge Frau wurde ans Endometriosezentrum am LKH Hall überwiesen, eine Bauchspiegelung bestätigte den Verdacht. „Ich wurde genau über die Krankheit und eine mögliche Kinderlosigkeit aufgeklärt“, erinnert sich Julia. Ein Schock, wie sie sagt. Bis dahin war für sie und ihren Mann das Kinderthema „noch weit weg“.

Julia wurde operiert und mit dem Rat der Ärzte, „am besten jetzt schwanger zu werden“, aus dem Spital entlassen. „Das klang im ersten Moment hart, aber ich denke, ich habe diese Aussage gebraucht, um mich mit dem Kinderwunsch intensiv auseinanderzusetzen. Vielleicht hätte ich zu lange gewartet und es hätte nie geklappt“, sagt die 30-Jährige.

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Doch bei Julia und ihrem Mann klappte es ziemlich schnell. „Die OP war im Juni 2013, Ende September hielt ich einen positiven Schwangerschaftstest in der Hand und im Juni 2014 kam mein Sonnenschein auf die Welt“, ist die junge Mutter überglücklich. Dass sie trotz Happy End lieber anonym bleiben möchte, hänge vor allem mit der intimen Thematik zusammen.

Viele Frauen würden sich schwertun, offen darüber zu sprechen, weil es um die Weiblichkeit geht und auch um das eigene Scheitern, wenn es mit der Schwangerschaft nicht funktioniert, glaubt sie. Neben der Hoffnung, dass eine Schwangerschaft möglich ist, möchte Julia Betroffenen vor allem eines mitgeben: „Wer heftige Regelschmerzen hat, soll sich nicht ‚abwimmeln‘ lassen, diese gehören auf keinen Fall zum Frausein dazu.“

Mit dem üblichen Bauchweh haben diese Schmerzen nämlich nichts mehr zu tun. „Wenn die Regelschmerzen so stark sind, dass sie mit dem normalen Alltagsleben nicht mehr vereinbar sind, Betroffene sogar daheim bleiben müssen, weil es sie aufgrund von Übelkeit und Durchfall regelrecht ‚aufringelt‘ und zudem Schmerzen beim Geschlechtsverkehr auftreten, sollte man an Endometriose denken“, weiß Burghard Abendstein, Leiter der Gynäkologie und des Endometriosezentrums am Landeskrankenhaus Hall. Mit diesem Wissen könnte man unter Umständen auch vermeiden, dass es – wie in Österreich der Fall – im Schnitt elf Jahre dauert, bis die richtige Diagnose gestellt wird.

Therapiert wird die Endometriose entweder, indem die Symptome durch das Setzen der Hormonspirale oder die Gabe der Pille bzw. von Schmerzmitteln gelindert werden, oder – vor allem bei Kinderwunsch – indem man die Endometrioseherde operativ entfernt. Durch einen chirurgischen Eingriff wird die Chance, schwanger zu werden, signifikant erhöht.

Theoretisch könnte man schon im Jugendalter eine OP vornehmen, sagt Abendstein. Das Tückische an Endome­triose ist allerdings, dass diese an einer anderen Stelle wieder nachwachsen kann. Außerdem muss es nicht immer sein, dass die Erkrankung derart schlimme Beschwerden hervorruft.

„Es gibt Frauen, die haben heftige Beschwerden und wenig Befund, andere haben wenig Beschwerden und massiven Befund“, weiß der Arzt. Auf jeden Fall ist es sinnvoll, sich an Spezialisten zu wenden. Experten könnten laut Abendstein schon anhand eines vaginalen Ultraschalls erste Indizien finden.

Dass Endometriose nicht gleich Kinderlosigkeit bedeutet, beweist die Geschichte von Julia, die Frauen damit Mut machen möchte: „Ich denke, dass die Krankheit heute ernster genommen wird, als es früher der Fall war. Frauen reden auch offener darüber. Vielleicht greift da die Aufklärungsarbeit der letzten Jahre.“

Was steckt hinter der Erkrankung Endometriose?

Endometriose ist eine gutartige, aber chronische Erkrankung bei Frauen im fortpflanzungsfähigen Alter. Herde aus der Gebärmutterschleimhaut treten an anderen Stellen im Körper auf. Diese Herde unterliegen dem Zyklus und lösen Blutungen aus. Das Blut kann jedoch nicht abfließen, was Zysten, Verwachsungen, Entzündungen und Vernarbungen verursachen kann, die zu teils sehr starken Schmerzen und in extremen Fällen auch zur Gefährdung anderer Organe führen können.

Diagnose: Die zuverlässigste Methode ist die Bauchspiegelung (Laparoskopie). Wenn feststeht, dass es sich um einen Endometrioseherd handelt, kann dieser gleich innerhalb derselben oder später bei einer weiteren Laparoskopie entfernt werden.

Verhindern lässt sich Endome­triose nicht, man weiß nicht ganz genau, woher sie kommt. Es gibt auch keine Prophylaxe. Sie tritt familiär gehäuft auf.

Kinderwunsch: Die Chancen, schwanger zu werden, reduzieren sich um 50 Prozent. Eine Operation führt zu einer signifikanten Zunahme der Fruchtbarkeit.

Information: Endometriose Vereinigung Austria: www.eva-info.at.