Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 12.12.2015


Tirol

Kampf gegen Keime: Tödliche Gefahr lauert in Spitälern

Die Zunahme von Antibiotika-resistenten Bakterien stellt Krankenhäuser vor große Herausforderungen. Strenge Hygienevorschriften gelten dabei als wirkungsvolle Waffe.

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Von Nikolaus Paumgartten

Innsbruck — Antibiotika-resistente Bakterien stellen Spitäler zunehmend vor Probleme. Außerhalb des Körpers für gesunde Menschen ungefährlich, können die Mikroorganismen im Klinikalltag über offene Wunden oder Katheter in die Körper von geschwächten Patienten gelangen. Die Folgen sind Komplikationen, die tödlich ausgehen können. 700 Patienten in Österreich sterben jährlich an Spitalskeimen, schätzt die Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit. Europaweit rechnet man jährlich mit bis zu 37.000 Todesfällen.

Am Donnerstagvormittag war in der Linzer Frauen- und Kinderklinik ein Säugling vermutlich an dem multiresistenten Keim Acinetobacter gestorben. Zwei weitere Säuglinge befinden sich in Quarantäne. Darunter ist auch jenes Mädchen, das laut Einschätzung der Mediziner den Keim aus Bosnien eingeschleppt haben dürfte. Das Problem: Normalerweise werden aus dem Ausland verlegte Patienten zuerst isoliert, bis klar ist, ob sie Keime haben. In diesem Fall war das nicht möglich, weil sich das Mädchen in Lebensgefahr befand und sofort operiert werden musste.

Für Tirol beobachtet die Sektion für Hygiene und medizinische Mikrobiologie an der Medizin-Uni Innsbruck die Entwicklungen von Erregern und Resistenzen und dokumentiert so genannte Problemkeime in einem jährlich erscheinenden Resistenzbericht.

Problem Antibiotika-Resistenz

Fälle wie jene in Linz werde man nie hundertprozentig ausschließen können, ein ganzes Krankenhaus keimfrei zu halten, sei schlichtweg nicht möglich, erklärt Cornelia Lass-Flörl, Direktorin der Sektion für Hygiene und medizinische Mikrobiologie an der Medizin-Uni Innsbruck. Bei diesem Thema gelte es, wesentliche Unterscheidungen zu treffen:

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Zum einen ist nicht jeder Keim für jeden Menschen gleich gefährlich. Während etwa ein Gesunder mit einem bestimmten Bakterium gut zurechtkomme, könne das gleiche Bakterium bei einem geschwächten Patienten im Krankenhaus zu Komplikationen führen. Wenn der besagte Keim dann auch noch eine hohe Resistenz gegen Antibiotika aufweist und sich deshalb nicht oder nur unzureichend bekämpfen lässt, besteht Lebensgefahr. „Die Leute sterben nicht, weil der Keim so gefährlich ist, sondern weil es keine Antibiotika mehr dagegen gibt", erklärt Lass-Flörl. Die Entwicklung und Ausbreitung der Erreger wird ursächlich mit dem extensiven Antibiotikaeinsatz in der Massentierhaltung in Verbindung gebracht.

Ebenfalls eine wesentliche Rolle spielt, ob der Keim am oder im Körper des Menschen angesiedelt ist. So kann beispielsweise ein hochresistenter Keim auf der Hautoberfläche völlig harmlos, im Körper jedoch lebensbedrohend werden. Das ist auch einer der wesentlichsten Gründe, weshalb diese Bakterien ausgerechnet in Krankenhäusern ihr gefährliches Potenzial entfalten: Am häufigsten dringen sie über Katheter oder offene Wunden in die Tiefe.

Auch wenn es keine völlige Sicherheit vor Keimen in Krankenhäusern geben kann, hat es laut Lass-Flörl im Bereich der Klinikhygiene und der Sensibilisierung in den vergangenen 20 Jahren große Fortschritte gegeben. So werden etwa Patienten aus bestimmten Ländern erst dann in der Klinik behandelt, wenn mittels Haut-Screening ausgeschlossen werden konnte, dass sie Träger von gefährlichen Keimen sind. Außerdem werden im jährlichen Resistenzbericht der Sektion für Hygiene und medizinische Mikrobiologie aktuelle Entwicklungen von Erregern und deren Resistenzen sowie das Vorkommen von Problemkeimen dokumentiert, um entsprechend reagieren zu können. Im Bundesländervergleich liegt Tirol bei den Klinikkeimen in der positiven vorderen Hälfte der Statistik.