Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 14.02.2016


Exklusiv

Drogen-Check macht hohe Risiken bewusst

Das Drogenangebot wird immer vielfältiger. Experten warnen vor den Gefahren „neuer psychoaktiver Substanzen“ und sprechen von „unkontrollierten Selbstversuchen“. „Drug Checking“ zeigt Risiken auf.

© HammerleHarmloses Aussehen, massive Wirkung: eine Auswahl der Pillen, die in Innsbruck untersucht werden.



Von Michaela Spirk-Paulmichl

Innsbruck – Kleine blaue Geister, Handgranaten in Pink, Goldbarren, Sterne, Herzen – eine kleine Auswahl der Tabletten mit trügerisch harmlosem Aussehen, die in der Innsbrucker Gerichtsmedizin untersucht werden. Die bunten Farben und lustigen Formen erinnern an Süßigkeiten. Die Gefahren des Konsums der Pillen, die berauschende Substanzen enthalten, werden dadurch verschleiert.

Besonders gefährlich ist das vermehrte Auftreten so genannter „neuer psychoaktiver Substanzen“. Das sind Drogen aus Chemielabors, von denen wenig bis nichts über Wirkung und Toxizität bekannt ist, entsprechend riskant ist die Anwendung. Und jedes Jahr tauchen neue Wirkstoffe auf dem Drogenmarkt auf. Allein 2014 wurden in Europa 101 neue Substanzen nachgewiesen, nicht wenige davon gelangen früher oder später auch nach Tirol, wie Herbert Oberacher, Chemiker an der Gerichtsmedizin, aus eigener Erfahrung weiß.

In den Labors der Innsbrucker Gerichtsmedizin werden mit modernsten analytischen Techniken und der Zuhilfenahme von Hochleistungsgeräten regelmäßig Drogenproben auf ihre Zusammensetzung hin untersucht. „Drug Checking“ ist der Name des wissenschaftlichen Projekts, bei dem die Innsbrucker Gerichtsmedizin gemeinsam mit der Drogenarbeit Z6 und der finanziellen Unterstützung des Landes Tirol eine „Qualitätsanalyse“ von Drogen durchführt. Vor rund zwei Jahren startete es als Pilotprojekt und hat sich seither bewährt, ziehen die Beteiligten zufrieden Bilanz. Über 200 Proben leiteten die Z6-Mitarbeiter bereits an die Gerichtsmedizin weiter.

Die Tabletten, Kapseln, Pulver oder Kristalle stammen von Drogen-Konsumenten, sie haben sie selbst zur kostenlosen und anonymen Analyse abgegeben. Was für Außenstehende im ersten Moment ungewöhnlich klingt, macht gleich mehrfach Sinn: „Es geht um den Schutz der Jugendlichen durch Information“, sagt Manuel Hochenegger vom Z6. Drogen werden auf der Straße und im Internet gekauft. Oft konsumieren Menschen Drogen, ohne Kenntnis des genauen Wirkstoffes und dessen Dosierung noch von der Art und Menge der beigefügten Streckmittel zu haben. Das birgt Gefahren, und hier setzt das „Drug Checking“ an.

Bei einem vertraulichen Gespräch in der Zentrale der Drogenarbeit Z6 wird das Ergebnis der Analyse besprochen. Für viele Konsumenten ist es ein „Aha-Moment“. Risiken werden bewusst gemacht. „Wir können nicht verhindern, dass junge Menschen Drogen konsumieren“, sagt die Gerichtsmedizinerin Marion Pavlic. „Aber wir können ihnen in ihrer Sturm- und Drangphase zur Seite stehen und dadurch etwas auf sie aufpassen.“ – „Oder sie dabei unterstützen, dass sie selbst auf sich aufpassen“, ergänzt Nicole Winkler vom Z6. Indem man Risiken des Konsums der gekauften Substanzen aufzeigt. Denn die Gefahren durch ungewollte Wirkungen und Vergiftungen, die im schlimmsten Fall zum Tod führen können, sind nicht zu unterschätzen: Pavlic spricht von einem „unkontrollierten Selbstversuch“ mit ungeahnten Folgen für die Gesundheit.

„Bei dem Projekt geht es keinesfalls darum, den Konsum von Drogen zu fördern“, stellt Oberacher klar. „Es geht um das Bereitstellen von Information, und das hilft den Konsumenten sehr konkret.“ Warnungen sind unter www.drogenarbeitz6.at und auf Facebook (MDA basecamp) zu finden.

Die Gerichtsmedizinerin Marion Pavlic mit den in Innsbruck gesammelten Proben.
- Julia Hammerle