Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 18.02.2016


Gesundheit

Die Krux mit dem Kreuzband

Ein Kreuzbandriss gibt selbst erfahrenen Medizinern noch Rätsel auf. Operieren oder nicht operieren: Beim Sportärzte-Kongress in Seefeld stellte ein Experte Kompromisse vor.

© GEPA picturesVorzeitiges Saisonende: Die Streif warf auch Aksel Lund Svindal ab. Der Norweger zog sich einen Kreuzbandriss zu.



Von Theresa Mair

Seefeld – Anna Fenninger, Aksel Lund Svindal und Ted Ligety wissen Bescheid: Die drei Skistars haben sich heuer das vordere Kreuzband gerissen. „Es muss nicht immer ein Sturz oder eine Kontaktverletzung sein“, sagt jedoch Meinolf Goertzen, Orthopäde, Sportmediziner und Chirurg aus Hannover.

Eine abrupte Bewegung, mit dem Ski am Lift weggerutscht oder ein plötzliches Ausweichmanöver, kann reichen und schon ist das Knie verdreht – die Kreuzbänder gerissen. In Deutschland passiert das 40.000 Mal im Jahr.

Die Kreuzbänder halten das Gefüge zwischen Ober- und Unterschenkelknochen im Knie zusammen.
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Operieren oder nicht operieren? Das ist dann die Frage. Goerzten, langjähriger Leiter des derzeit laufenden 30. Deutsch-Österreichisch-Schweizer Kongresses für Sporttraumatologie und Sportmedizin in Seefeld, hat nach eigenen Angaben bisher mehr als 5000 Kreuzbänder rekonstruiert.

„Kreuzbandverletzungen sind seit 30 Jahren ein Top-Thema. Aber noch immer muss man sagen: Die ideale Lösung gibt es nicht. Das ist immer ein Kompromiss.“ Ein vorderes Kreuzband kann man nicht nähen. „Das vordere und hintere Band sind kreuzförmig übereinander angeordnet und stabilisieren das Knie. Sie bestehen aus Kollagenfasern, die wie eine DNA spiralförmig aufgewickelt sind. Wenn sie reißen, entsteht ein Substanzverlust.“ Deshalb nehme man die Semitendinosussehne aus der Innenseite des Oberschenkels oder einen Teil der Patellarsehne von der Kniescheibe als Ersatzgewebe.

Erste Wahl sei die Semitendinosussehne, die sehr lang und elastisch ist. Der Nachteil: Sie braucht etwas länger zum Einwachsen. Die Patellarsehne hingegen sei sehr stabil und habe knöcherne Enden, was das Anwachsen am Knochen erleichtert. „Wenn man aber die Sehne der Kniescheibe verwendet, ist das Arthroserisiko um ein Vielfaches erhöht“, erklärt Goertzen.

Das ist der springende Punkt. Denn wenn man nach einer Operation sportlich nicht zurückschraubt oder gar eine schonendere Sportart sucht, können die Kreuzbänder schnell wieder reißen. Zudem erhöhe sich die Gefahr – bei unter 30-Jährigen auf 25 Prozent –, dass auch das zweite Knie betroffen ist. Die große Krux seien aber die Wiederverletzungen nach einer vorherigen Rekonstruktion: Man müsse bedenken, dass man im Körper nicht unbegrenzt Gewebe zur Verfügung hat, um die Kreuzbänder ein- ums andere Mal zu rekonstruieren. Im Spitzensport werde es daher immer beliebter, auf Transplantate – so genannte Allografts – von jungen Multiorganspendern zurückzugreifen. Diese seien jedoch schwer verfügbar, die OP erheblich teurer. In Österreich sind laut Goertzen solche Transplantationen gesetzlich problematisch.

Schiene oder keine Schiene?

Knieschienen (Braces) sind laut Meinolf Goertzen umstritten. Die eigene Muskelarbeit lasse beim Tragen von Braces nachweislich nach, auch der Sauerstoffverbrauch der Muskulatur sei erhöht. Das minimiere die Leistungsfähigkeit gerade beim vorsorglichen Tragen. Das Verletzungsrisiko steigt.

Psychologischer Effekt: In den meisten Fällen werden Braces als „psychologische Bremse“ in der Rehabilitation verschrieben und vom Patienten als sehr hilfreich empfunden. Eine Verbesserung des OP-Erfolges sei nicht bewiesen.

Nach einer OP ist regelmäßiges Koordinations-, Kraft-, und Ausdauertraining essenziell – gerade, um einer Arthrose vorzubeugen. Damit hätten aber vor allem Frauen Probleme. „Bei einer Sportlerin ab 35 sinkt die Testosteronproduktion, die für den Muskelaufbau entscheidend ist. Sie müsste nach einer OP viermal pro Woche Krafttraining machen. Das lässt sich mit dem Alltag kaum vereinbaren.“

Die Alternative: keine Operation. „Das Arthroserisiko ist nicht unbedingt höher, wenn man das vordere Kreuzband gar nicht repariert.“ Der Nachteil: mögliche Knieinstabilität. „Beim Treppensteigen z. B. hat man das Gefühl, dass der Unterschenkel wegrutscht.“ Ansonsten käme es v. a. auf das Sport- und Berufsprofil des Verletzten an. Bei Radlern könnte man z. B. eher auf die Operation verzichten als bei Skifahrern. „Kinder sind heute die größte Risikogruppe. Sie haben eine sechsfach erhöhte Gefährdung für einen neuerlichen Kreuzbandriss. Für sie ist aber auch die Teilhabe im sozialen Gefüge eines Vereins psychologisch wichtig. Daher wird man bei ihnen eher rekonstruieren.“ Wenn mehr als nur das vordere Kreuzband kaputt ist, stelle sich die Frage gar nicht: „Dann muss man operieren.“

Prinzipiell rät er aber vor überstürzten OPs ab: „Es ist ein Unsinn, sofort zu operieren. Am besten, man wartet vier bis sechs Wochen ab. Dann hat man Zeit, das Leben danach zu organisieren, die Entzündung und die Schwellung können abklingen.“ Denn eines sei klar: Bis man wieder voll einsatz- und sportfähig ist, kann ein Jahr vergehen.