Letztes Update am Do, 24.03.2016 09:02

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


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Sommerzeit-Umstellung: Flexibel statt penibel

Sonntagnacht sind wieder Zeitdiebe am Werk – die Uhr wird nämlich um eine Stunde vorgestellt. Der Münchner Zeitforscher Karlheinz Geißler hält die Zeitumstellung für eine sinnlose Diktatur der Uhr.

© GeislerZeitforscher Karlheinz Geißler
: „Ich wollte mich nicht weiterhin von einem toten Gegenstand – wie einer Uhr – geißeln lassen.“



Herr Geißler, Sonntagnacht werden die Zeiger von zwei auf drei Uhr vorgestellt. Laut einer aktuellen Umfrage des deutschen Portals „statista“ würden 74 Prozent der Befragten die Zeitumstellung abschaffen …

Karlheinz Geißler: Umfragen sind so eine Sache. Fragen Sie die Leute um acht Uhr Früh, werden 90 Prozent gegen die Sommerzeit sein, weil sie das frühe Aufstehen stört. Fragen Sie abends, sind alle dafür, weil es länger hell ist und man mehr unternehmen kann. Darum kämpft die Freizeitindustrie ja so emsig für den Erhalt der Sommerzeit.

Macht die Zeitumstellung für Sie als Zeitforscher Sinn?

Geißler: Wenn man es genau nimmt, stellen wir die Uhr um, nicht die Zeit. Würden wir die ändern wollen, müssten wir an den Sternen drehen. Die Uhr ist ja eine Erfindung des Menschen. Wenn wir daran drehen, ändert sich, um genau zu sein, gar nichts. Die eigentlich aufregende Frage lautet, wer an der Uhr dreht. Der Staat! Seit den 90er-Jahren ist es Aufgabe der EU zu entscheiden, ob sie uns der Diktatur der Uhr unterwirft oder die Sommerzeit abschafft. Es ist eine Form von Machtausübung – quasi ein Test, ob sich das Volk nach wie vor den Regeln unterwirft oder Initiative ergreift.

1916 wurde die Sommerzeit in Österreich erstmals eingeführt. Warum gelten die damaligen Argumente dafür heute nicht mehr?

Geißler: Damals ging es darum, Energie zu sparen. Zu Zeiten des Krieges eine nachvollziehbare Entscheidung. In den folgenden Jahren wurde die Sommerzeit mehrfach abgeschafft und wieder eingeführt. Heute gibt es keine Energieknappheit mehr. Außerdem gilt, dass man abends zwar Energie spart, weil man länger kein Licht braucht. Gleichzeitig bedarf es morgens erhöhter Heizenergie, weil man früher aufstehen muss. Chronobiologische Studien bestätigen zudem, dass es an den Tagen nach der Zeitumstellung zu mehr Autounfällen kommt, weil die Leute wegen des frühen Aufstehens unkonzentrierter sind. Ebenso werden mehr Herzinfarkte diagnostiziert. Stressbedingt. Eine typische „Uhrzeitkrankheit“.

Kein Wunder, dass Sie seit 30 Jahren keine Uhr mehr tragen. Was war der Grund für diese Entscheidung?

Geißler: Ich wollte mich nicht weiterhin von einem toten Gegenstand – wie einer Uhr – geißeln lassen. Ich orientiere mich lieber an Natursignalen, wie dem Sonnenstand. Wobei mir klar ist, dass dies nicht jeder beherzigen kann. Stellen Sie sich mal vor, der Lokführer tritt frei nach seiner inneren Uhr den Dienst an. Allerdings passierte mir das vor einigen Jahren: Am Bahnhof kam die Durchsage, dass mein Zug ausfällt, weil der Lokführer verschlafen hat. Daraus habe ich gelernt, nie den letzten Zug zu nehmen. Ich plane nichts auf den letzten Drücker, denn wer seinen Tag genau taktet, wird von Unvorhersehbarem aus der Bahn geworfen.

Wenn Sie sich nicht mehr an Uhrzeiten orientieren – wie kann man mit Ihnen Termine vereinbaren?

Geißler: Bei mir gibt es kein Treffen exakt um elf Uhr, sondern zwischen elf und zwölf. Meine Kinder orientieren sich ganz an diesem Konzept. Sie sagen, dass sie am Nachmittag zu mir kommen werden, und rufen ein paar Minuten vor dem Eintreffen an.

Das bedarf viel Flexibilität von Ihrer Seite. Ist das nicht kontraproduktiv, weil man beim Warten Zeit verliert?

Geißler: Macht man das Treffen an einem schönen Ort aus, stört es nicht zu warten. Ich nehme Lesestoff mit, denke über etwas nach oder komme mit Fremden ins Gespräch, wenn ich nach der Zeit frage. Man muss heute am Punkt sein, nicht pünktlich. Es geht darum, zu konkreten Zeitpunkten Leistung zu liefern, fix zu sein und ebenso trödeln zu können. Schließlich stand schon in der Bibel: „Ein jedes hat seine Zeit“.

Sie sind hauptberuflich Zeitberater und Zeitforscher. Wie darf ich mir Ihren Berufsalltag vorstellen?

Geißler: Als Berater informiere ich meist Unternehmen, welche Gesundheitsrisiken aus Stress resultieren oder wie man große Projekte effizient ein- und aufteilt. Zeitforschung gibt es nicht als eigenes Studiengebiet. Darum füge ich die Ergebnisse zusammen, die Biologen, Physiker und Soziologen zum Thema Zeit erarbeiten.

Welche Tipps geben Sie Ihren Kunden, um effizienter mit Zeit umzugehen?

Geißler: Statistisch gesehen arbeitet man zwischen neun und zwölf sowie 15 und 18 Uhr am effektivsten. Allerdings variiert das von Person zu Person. Gleitzeit etwa macht Sinn, weil man dann nicht pünktlich um acht Uhr vor dem Betriebstor stehen und einstempeln muss, sondern seine innere Uhr ein wenig mitentscheiden lassen kann. Wobei das leichter gesagt ist als getan. Heute verlernt man schon im Volksschulalter, auf die innere Uhr zu hören. Oder kennen Sie ein Schulkind, das um elf Uhr vormittags sagen kann, dass es genug für heute gelernt hat und jetzt heimgeht? Mein jüngster Sohn hat das einmal gemacht. Er stand um 11 vor der Wohnungstür und meinte, er habe keine Lust mehr. Ich dachte mir erst „um Gottes Willen“, fand die Idee dann aber gar nicht schlecht. Heute gewinnt der Flexible, nicht der Penible.

Das Interview führte Judith Sam

„Zeit ist Honig“

Der Ökonom, Philosoph und Pädagoge Karlheinz Geißler ist Mitbegründer der Deutschen Gesellschaft für Zeitpolitik. Der zweifache Vater leitet das Münchner Institut für Zeitberatung „timesandmore“, ist Zeitforscher und -berater. Kürzlich veröffentlichte er sein Buch „Time is honey“ (oekom Verlag).