Letztes Update am Mi, 06.04.2016 20:24

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Weltgesundheitstag

Laufen, lernen, lieben – und gut leben

Ein langes Leben allein genügt nicht. Die Jahre sollen erfüllt und gesund sein. Die TT hat im Rahmen des heutigen Weltgesundheitstags vier Experten befragt, was zu tun ist, um dieses Ziel zu erreichen.

Es hilft, den Blick auf die eigenen Fähigkeiten zu richten.

© iStockEs hilft, den Blick auf die eigenen Fähigkeiten zu richten.



Von Theresa Mair und Sabine Strobl

Innsbruck – Frauen werden in Tirol durchschnittlich 85 Jahre alt, Männer 80. „Tirol ist das Bundesland mit der höchsten Lebenserwartung“, sagt die Direktorin des Krankenhauses Hochzirl, Monika Lechleitner, anlässlich des heutigen Weltgesundheitstags.

Aber: Ein langes Leben bedeutet nicht gleichzeitig ein gesundes Leben. Laut einer Statistik der Weltgesundheitsorganisation (2015) verbringen die Österreicher im Schnitt 71 gesunde Lebensjahre. „Frauen leben zwar länger, sie haben aber mehr Einschränkungen. Sie verlieren mehr Muskelmasse und haben häufiger Arthrosen. Frauen leben oft alleine und haben weniger Geld“, nennt Lechleitner die Gründe für den Unterschied in der Lebensqualität. Was können beide Geschlechter tun, um ihr Leben und die gesunde Zeit zu verlängern? Pioniere der Alternsforschung propagierten laut Beatrix Grubeck-Loebenstein vom Innsbrucker Institut für Altersforschung die „Drei L“ – „Laufen, Lernen, Lieben“ – als Formel für gesundes Altern.

Bei den Innsbrucker Gesundheitstagen für Senioren können Interessierte ihre körperliche Gesundheit überprüfen. Am 13. und 14. April stehen Experten von 9 bis 16 Uhr in den Rathausgalerien mit Rat zur Seite. Von der Blutzuckermessung bis zu Hör- und Sehtests stehen eine Reihe von Checks zur Verfügung.

Risiko senken und vorsorgen

Erfolgreiches Altern bedeutet für Monika Lechleitner, ärztliche Direktorin des KH Hochzirl, lange aktiv und selbstbestimmt leben zu können. „Die Bedingungen dafür sind möglichst geringe kognitive und funktionelle Einschränkungen“, sagt die Expertin für Geriatrie. Um dieses Ziel zu erreichen, seien aus medizinischer Sicht drei Faktoren essentiell: Herz-Kreislauf-Erkrankungen vermeiden, indem man das Risiko – Übergewicht, Rauchen, hohe Blutfettwerte, Bluthochdruck – senkt, Osteoporose und Arthrose verhindern bzw. behandeln sowie regelmäßige und rechtzeitige Tumor-Vorsorge.

Für den „geriatrischen Patient“ ab 75 Jahren spiele die Lebensqualität die wichtigste Rolle. Es gehe darum, das Gewicht und die Bewegungsfähigkeit zu erhalten. „Es ist nie zu spät mit Bewegung zu beginnen. Im Alter kommen Gleichgewichtsübungen dazu, um Stürze zu verhindern. „Die Geisel der Zukunft ist aber die Demenz.“ Mit dem Alter steigt das Krankheitsrisiko, aufgrund der demografischen Entwicklung gebe es immer mehr Betroffene. Ihre Versorgung sei ein gesellschaftliches Problem. „Der überwiegende Teil wird zuhause gepflegt. Das führt bei vielen pflegenden Angehörigen zu Stress und Bluthochdruck. Sie brauchen Entlastung.“

Liebe und Neugier pflegen

„Älterwerden ist eine lebenslange Aufgabe“, sagt der Salzburger Gerontopsychologe Alexander Aschenbrenner. Es lohne sich, wenn man sich auf das Alter vorbereite. Dabei komme es immer auch darauf an, wie man mit Verlusten umgehe. „Das Alter ist eine Lebensphase vor der man sich nicht verstecken muss, eine Herausforderung, aber auch Normalität.“ Zu einem gesundheitsbewussten Leben gehöre neben Bewegung und Vorsorgeuntersuchungen auch dazu, Liebe und Zärtlichkeit weiter zu pflegen und sich für Neues zu interessieren. „Kognitives Training macht Sinn. Es muss aber Spaß machen. Wenn man sich gemeinsam mit anderen mit etwas Interessantem beschäftigt, z.B. eine neue Sprache lernt, ist das sehr wirksam.“

Da Frauen älter werden, hätten sie generell auch mehr psychische Probleme im Alter: Depression, Demenz, Ängste, Sucht. „Alleinstehende kranke Männer haben dagegen eine höhere Suizidrate – ein Thema, das man nicht verschweigen darf.“ Frauen könnten ihre Ressourcen besser aktivieren. Dazu gehöre es, Selbstwirksamkeit zu entfalten und negative Gedankenspiralen zu durchbrechen. „Manchmal braucht es auch einen Stupser von den Angehörigen.“

Essen und Arzneien im Visier

Wie alt Menschen werden, hängt zu 30 Prozent vom Erbgut und zu 70 Prozent von der Umwelt ab, erklärt Beatrix Grubeck-Loebenstein, Leiterin des Instituts für Biomedizinische Alternsforschung der Uni Innsbruck. Beides ist für das Verstehen von Alterungsprozessen interessant. Themen der biomedizinischen Forschung sind etwa das Immunsystem und der Benefit von weniger Kalorienzufuhr.

Pausen in der Nahrungsaufnahme bekommen dem Menschen. „Zweimal pro Woche einen Fasttag einzulegen, wirkt sich günstig auf ein gesundes Älterwerden aus. Mittlerweile ist sogar davon die Rede, jeden zweiten Tag zu fasten“, erläutert Grubeck-Loebenstein. Dabei geht es nicht nur um längere Abstände zwischen dem Essen, das öfters auch ausgiebig sein kann, sondern da­rum, welche Nahrungsmittel reduziert werden sollen. Hier geraten tierische Eiweißstoffe ins Visier.

Mit zunehmendem Alter kann das Immunsystem Degenerationsprodukte nicht mehr entsprechend entsorgen. Dadurch kommt es zu chronischen, wenn auch schwachen Entzündungen, die für den Organismus schädlich sind. Derzeit werden viele Medikamente auf Zusatzeffekte wie die Verminderung derartiger Entzündungen untersucht.

Fähigkeiten sehen und schätzen

Die Ergotherapie verfolgt einen ganzheitlichen Ansatz: „Zur Gesundheit gehört auch das Wohlfühlen. Wir gehen davon aus, dass sinnstiftendes Handeln positiven Einfluss auf die Gesundheit hat“, sagt Ursula Costa, Leiterin des Studiengangs Ergotherapie an der fh gesundheit in Innsbruck.

Es gehe darum, körperliche, kognitive, emotionale und soziale Möglichkeiten bewusst zu machen, Fähigkeiten zu erhalten bzw. zu erweitern. „Manche Senioren erleben Zeitknappheit durch vielfältige Aufgaben. Demgegenüber stehen andere, die in Isolation und Einsamkeit leben. Es ist wichtig zu sehen, welche Tätigkeit einem gut tut und was man besser nicht oder weniger macht.“

„Gerade beim Verlust von Fähigkeiten geht es darum, den Blick auf das zu richten, was noch möglich ist. Kreativität ist gefragt. Dabei beziehen wir immer auch die Umgebung ein. Wir versuchen sie gemeinsam so zu gestalten, dass sie Handlungsinteressen des jeweiligen Menschen verwirklichen lässt.“ Für jemanden, den z.B. die Gartenarbeit glücklich gemacht hat, der sich aber nicht mehr bücken kann, könnte vielleicht ein Hochbeet die Lösung sein. „Wichtig ist: Es gibt immer Möglichkeiten!“