Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mi, 04.05.2016


Gesundheit

Spermien auf Trab bringen

Bei unerfülltem Kinderwunsch könnten Nahrungsergänzungsmittel die Spermienqualität verbessern. Eine Studie an der Innsbrucker Urologie soll nun den Beweis erbringen.

Nur noch das Babythema im Kopf: Ein unerfüllter Kinderwunsch betrifft Mann und Frau gleichermaßen.

© Nur noch das Babythema im Kopf: Ein unerfüllter Kinderwunsch betrifft Mann und Frau gleichermaßen.



Von Nicole Strozzi

Innsbruck – Nehmen wir ein typisches Beispiel: Sie ist Mitte 30 und war bisher voll mit dem beruflichen Fortkommen beschäftigt, er ist an die 40 und beide wünschen sich nun sehnlichst ein Kind. Die Pille wurde abgesetzt, doch trotz monatelangen Probierens und Sex nach Plan will es einfach nicht klappen. Noch vor einigen Jahren hätte es vermutlich geheißen: Die Frau soll sich abklären lassen, sie ist vielleicht schon etwas zu alt für ein Baby.

Doch obwohl es stimmt, dass Frauen beim ersten Kind immer älter werden (1975 lag das Durchschnittsalter für Erstgebärende bei ca. 25 Jahren, heute liegt es bei über 30 Jahren) und die Fruchtbarkeit mit den Jahren sinkt: „Das Thema Kinderwunsch ist nicht nur Frauensache, sondern immer eine Paargeschichte. Die Ursache, warum dieser unerfüllt bleibt, kann zu gleichen Teilen bei der Frau als auch beim Mann liegen“, betont Germar Pinggera von der Innsbrucker Universitätsklinik für Urologie. Pinggera ist Androloge, also das männliche Pendant zum Gynäkologen. Er sagt, laut Richtlinien sollten Paare spätestens nach einem Jahr erfolglosen Probierens einen Spezialisten aufsuchen und den Grund abklären lassen – und zwar beide Partner.

Für den Mann bedeutet dies: ein ausführliches Gespräch, ein Spermiogramm, eine Blutabnahme und eine klinische Untersuchung. Genetische Veränderungen, Genitalveränderungen sowie Allgemeinerkrankungen können u. a. Gründe für die Unfruchtbarkeit sein. Die gute Nachricht: In vielen Fällen gibt es Hilfe. Eine Hormonstörung kann z. B. durch Medikamente behoben, Krampfadern an den Hoden können mit mikroskopischen Techniken gut operiert werden.

Doch es gibt auch Fälle, die Spezialisten bis dato Kopfzerbrechen bereiteten. Bei einer nicht unbeträchtlichen Zahl aller unfruchtbaren Männer lassen sich die Ursachen trotz aller diagnostischen Möglichkeiten nicht feststellen, man spricht dann von einer „idiopathischen Infertilität“. Jene Männer besitzen vielleicht zwar noch einigermaßen genügend Spermien, deren Qualität und Beweglichkeit ist allerdings eingeschränkt. Das heißt, die Spermien bewegen sich z. B. zu langsam, um die Eizelle zu finden.

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„Die Frage, die uns nun beschäftigt, ist: Wie können wir die Spermienqualität optimieren?“, so Pinggera. Mediziner nehmen an, dass Nährstoffmängel einen wichtigen Einfluss auf die Fruchtbarkeit des Mannes haben dürften. Bereits 2005 gab es eine Pilotstudie, die zeigte, dass sich Spermien insbesondere in ihrer Beweglichkeit verbessern können, wenn man bestimmte Nahrungsmittelergänzungen einsetzt. In den ersten Studien wurden nur Einzelsubstanzen getestet. Heute, mehr als zehn Jahre und intensive Forschungen später, haben Experten einen „Cocktail“ aus Vitaminen und Elektrolyten zusammengesetzt, mit dem sie sich erhoffen, die Chancen einer Schwangerschaft zu erhöhen. Was bisher fehlte, war der eindeutige Beweis. Diesen will nun der Österreichische Andrologische Arbeitskreis unter der Leitung von Germar Pinggera liefern. Und zwar mittels groß angelegter, placebokontrollierter Doppelblindstudie. Diese Studie hat gerade begonnen und in Frage kommende Interessierte können sich gerne informieren (siehe Factbox).

Die Studienteilnehmer werden anonym an der Klinik Innsbruck untersucht und bekommen eine genaue Abklärung. Werden organische Ursachen für die Unfruchtbarkeit ausgeschlossen und hängt der unerfüllte Kinderwunsch mit der Spermienqualität zusammen, bekommen die Probanden kostenlos über einen Zeitraum von sechs Monaten täglich natürliche Nahrungsergänzungsmittel verabreicht. Nach diesem Zeitraum wird untersucht, ob sich das Spermiogramm verbessert hat. Nach weiteren sechs Monaten wird beobachtet, ob eine Schwangerschaft eingetreten ist. „Wir wollen eine saubere und herstellerunabhängige Datenlage erstellen, um zu beweisen, dass es für dieses Patientenkollektiv auch Hilfe gibt. Wir erwarten uns eine Spermiogrammverbesserung von 20 bis 30 Prozent“, ist Pinggera zuversichtlich. Oberstes Ziel sei eine spontane Schwangerschaft.

Die psychische Belastung für Paare mit unerfülltem Kinderwunsch ist enorm. Für viele wird das Thema zur Belastungsprobe, die Sexualität hat nur noch etwas mit dem Reproduktionsgedanken zu tun. „Man kann daher als Arzt nicht nur irgendwas machen, sondern muss effektiv handeln“, sagt Pinggera. Dass vieles möglich ist, hat ein Team rund um den Andrologen mittels neu eingeführter und in Amerika entwickelter mikroskopischer Operationstechnik bewiesen. Noch vor 15 Jahren hieß es, dass Männer mit dem „Klinefelter Syndrom“, einer Chromosomenbesonderheit, niemals Kinder zeugen könnten. Vermutlich erstmals in Österreich gelang es damals in enger Kooperation mit der Abteilung für Reproduktionsmedizin der Innsbrucker Gynäkologie, ein gesundes Kind zu zeugen.

Studie an der Innsbrucker Universitätsklinik für Urologie

In der Studie geht es darum, die Spermienqualität bei unerfülltem Kinderwunsch durch die Gabe von Nahrungsergänzungsmitteln zu verbessern. Studiendauer: 1 Jahr. Studien. Initiator: Arbeitskreis für Andrologie.

Kriterien für die Aufnahme der Studie:

Beim Mann: Diagnose Idiopathische Infertilität im Rahmen der Kinderwunschambulanz, d. h. zwei pathologische Spermiogramme, unauffälliger andrologischer Status, unauffälliger Hormonstatus, Alter: 18 bis 55 Jahre, täglich das Nährstoffkonzentrat/Placebo vom Mann einzunehmen, schriftliche Einwilligung von Frau und Mann.

Bei der Frau: unauffälliger gynäkologischer Befund, regelmäßige Menstruation, Alter 18 bis 32 Jahre, fester Wille, innerhalb der Studiendauer (1 Jahr) keine assistierten Reproduktionsmaßnahmen zu ergreifen, negativer Schwangerschaftstest zu Beginn der Studie.

Kontakt und Information für Interessierte: Frau Telser, Sekretariat Germar Pinggera, 0512/504-24808.