Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mi, 25.05.2016


Gesundheit

So stoppt Mann den Harndrang

Inkontinenz ist kein reines Frauenproblem. Im Alter oder auch bei Prostataveränderungen ist es für viele Männer schwierig, die Blasenentleerung zu steuern.

Je nach Ursache der Inkontinenz gibt es viele Möglichkeiten, diese in den Griff zu bekommen. (Symbolfoto)

© dpaJe nach Ursache der Inkontinenz gibt es viele Möglichkeiten, diese in den Griff zu bekommen. (Symbolfoto)



Von Theresa Mair

Innsbruck – Es ist unangenehm und beunruhigend, wenn man das Gefühl hat, die Kontrolle zu verlieren. Wenn man es nicht mehr rechtzeitig auf die Toilette schafft, nachts einnässt oder ständigen Harndrang verspürt, dann macht die Blase, was sie will, oder der Beckenboden wird durchlässig.

Nahezu jedem Fünften ab 70 Jahren geht es so, Frauen und Männern. Obwohl viele betroffen sind, fällt es den meisten schwer, darüber zu sprechen. „Früher war das Thema bei beiden Geschlechtern tabuisiert, wobei bei Frauen verbreitet war, dass Inkontinenz nach ein paar Geburten einfach dazugehört. Bei Männern hat man gar nicht darüber gesprochen. Noch heute wird Inkontinenz oft verschwiegen“, sagt Gustav Kiss, Leiter der Neuro-Urologischen Ambulanz an der Universitätsklinik Innsbruck.

Jedoch könne man die Therapie auch bei den Männern durch einen frühzeitigen Arztbesuch einfacher gestalten und etwaige Folgeerscheinungen – z. B. Depression, sozialer Rückzug oder häufige Harnwegsinfekte – vermeiden. Dem Mediziner ist bewusst, dass ein Arztbesuch Überwindung kostet. Eine freundliche Atmosphäre, die Wahrung der Intimsphäre sowie Untersuchungsmethoden, „die selbst Kleinkindern zumutbar sind“, sind Kiss im Klinikalltag daher sehr wichtig.

Bei Blasenschwäche steht zuerst die Abklärung der Ursache an. Ein Blasentagebuch, eine körperliche Untersuchung, eine Harnkontrolle und eine Restharnbestimmung mithilfe eines Katheters und/oder Ultraschalls können sogar beim Hausarzt gemacht werden. Beim Urologen wird die Blasenfunktion zudem mit der Urodynamik bestimmt: Eine Harnstrahl- sowie eine Blasendruckmessung geben Auskunft, ob die Blase überaktiv ist, ob Restharn zurückbleibt und die Blase deshalb auf Dauer überläuft oder ob der Verschlussapparat nicht richtig funktioniert.

„Im Alter ist die Dranginkontinenz wegen einer überaktiven Blase die häufigste Form. Steht die Diagnose fest, kann man gezielt therapieren.“

Überlaufinkontinenz ist seltener und kommt praktisch nur bei Männern vor. Das ist v. a. der Fall, wenn sich durch ein Abflusshindernis – oft eine Prostatavergrößerung – immer mehr Restharn ansammelt, bis das Urinieren nicht mehr möglich ist und die Blase überläuft. „Die Belastungsinkontinenz war beim Mann vor der radikalen Prostataoperation praktisch unbekannt. Durch die totale Entfernung der an Krebs erkrankten Prostata und Lymphknoten ist diese Erkrankung als Todesursache in den Hintergrund getreten. Bei drei bis 20 Prozent der Betroffenen kann aber eine Belastungsinkontinenz auftreten.“

Dranginkontinenz und mildere Formen der Restharnbildung können mit Medikamenten – Antimuskarinika und Alpha-Blocker – therapiert werden. Es kommt aber darauf an, welche Arzneien der Betroffene noch einnimmt. Denn in Kombination mit Tabletten zur Entwässerung, aber auch zur Demenzbehandlung kann es zu Wechselwirkungen kommen. In solchen Fällen muss man überlegen, welche Therapie Vorrang hat, oder nach Alternativen suchen.

Beckenbodentraining ist übrigens nicht nur ein Frauenthema. Es wirkt auch bei Männern vorbeugend bzw. kann es die medikamentöse Therapie unterstützen. „Durch die aktive Betätigung des Beckenbodens wird die Blasensteuerung des Nervensystems beeinflusst und die Harnblase gehemmt.“ Dranginkontinenz ist meistens eine Sache der Hirnleistung, die mit dem Alter in dem Bereich abnimmt. Blasentraining, das Entleeren der Blase schon bei geringem Harndrang, kann zur Vorbeugung beitragen.

Ist bei Männern die Inkontinenz stark ausgeprägt oder bleibt sie nach einer Prostataoperation über sechs Monate trotz Physiotherapie bestehen, dann kann eine weitere Operation der Ausweg sein: Es gibt minimal-invasive Verfahren. „Harnröhre und Blase werden mit stützenden Bändern wieder in Position gebracht.“

Um schwerere Fälle in den Griff zu bekommen, kann es aber nötig sein, eine Manschette um den verschobenen Blasenhals zu legen, die mit einer Pumpe händisch betätigt wird. Äußerlich fällt das niemandem auf: „Die Harnentleerung erfolgt weiterhin auf natürlichem Wege. Wir verstecken die Pumpe im Hodensack.“ Bei der Überlaufinkontinenz hilft oft schon eine „Prostatahobelung“ (Prostataresektion), sodass der Harn wieder ungehindert ablaufen kann und sich kein Restharn mehr bildet. „Mit den modernen Therapien müssen sich die Betroffenen nicht mehr verstecken“, sagt Kiss.