Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 27.08.2016


Gesundheit

Darla sieht mit

Für Barbara Tschann übernimmt ein Hund das Sehen. Der vierbeinige Helfer bereitet sich auf die Abschlussprüfung als Blindenhund vor.

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© Andreas Rottensteiner / TT



Von Philipp Schwartze

Scharnitz – Für viele Hundebesitzer ist ihr Vierbeiner ein treuer Begleiter – für Barbara Tschann in Scharnitz ist die zweijährige Labrador-Hündin Darla noch viel mehr. Seit ihrem 14. Lebensjahr ist Tschanns Sehnerv des rechten Auges zerstört, auf dem linken Auge hat sie eine Restsehstärke von zwei bis fünf Prozent. „Ich bin nicht vollblind. Wenn ich still sitze, kann ich sogar am Handy lesen, bei Bewegung verschwimmt alles“, sagt Tschann und liest das Deckblatt eines Buches vor. 15 Operationen haben ihr Augenlicht nicht verbessert – im Gegenteil. Ihren Sohn Roméo, dem sie den grauen Star und das Augenzittern, nicht aber ihren grünen Star, vererbt hat, will sie daher höchstens einmal operieren lassen.

Seit Tschann vor 20 Jahren auf einem Zebrastreifen von einem Auto angefahren wurde, vertraut sich die 42-Jährige Blindenhunden an. Nachdem ihr Schäferhund-Rüde eingeschläfert werden musste, hat sich die Vorarlbergerin, die in Scharnitz lebt, auf die Suche nach einem Nachfolger gemacht: „Eigentlich wollte ich wieder einen Schäferhund, aber die sind so überzüchtet, dass sie gerade gar nicht als Blindenhunde ausgebildet werden.“ Deshalb wartet nun die Labrador-Hündin ruhig unter dem Küchentisch auf ihren Einsatz. Im Juli hat für Darla die Eingewöhnungsphase in Scharnitz begonnen. „Wichtig ist es, dass sie mich als Rudelführerin akzeptiert. Nur dann führt sie mich“, berichtet Tschann.

Ende September muss die Hündin in einer Prüfung zeigen, dass sie das kann und etwa auch heruntergefallene Schlüssel aufhebt. Blindenhunde müssen Befehle aber auch verweigern – „Intelligenter Ungehorsam“ heißt das: „Der Hund muss erkennen, wenn ich auf eine ungesicherte Baustelle oder Bahngleise zusteuere, und mich davon abhalten“, erklärt Tschann. Im Training lernen die Blindenhunde u. a., freie Sitzplätze im Zug zu suchen und Gefahren anzuzeigen. Trainer Karlheinz Ferstl kommt regelmäßig aus dem Burgenland, um mit den beiden zu üben.

40.000 Euro kostet die Ausbildung. Die alleinerziehende Mutter wurde daher von der Einsatzorganisation für Rettungshunde des Österreichischen Rettungsdiensts unterstützt. Im Gegenzug werden Darla und ihr Frauchen in Schulen und Kindergärten das Thema Blindenhund näherbringen. Zurzeit lotet die junge Hündin noch ihre Grenzen aus – frisst einmal Nudeln vom Teller des Sohnes oder wirft versehentlich Gegenstände in der Wohnung um. Das ist normal.

„Als ich den Hund das erste Mal gesehen hab’, war mir klar, dass er zu uns passt“, beschreibt Tschann die erste Begegnung. Hund und Besitzer müssen zusammenpassen – in Tschanns Fall bedeutet das für den Hund viel Bewegung: „Ich bin sehr lauffreudig. Einen Labrador-Showhund könnte man nach einer Stunde vergessen“, lacht Tschann. Darla aber entstammt einer englischen Linie von Arbeitshunden. Sie ist ausdauernd. Wenn Tschann ihrer großen Leidenschaft, dem Dressurreiten, nachgeht – sie orientiert sich dabei nach Gehör und Schrittzahl –, schleckt die Hündin freudig die Pferde ab. „Darla ist eine friedliche Zeitgenossin, kann aber auch ihr Revier verteidigen.“

In ihrer Freizeit spielt Darla mit Gefährten in der Wiese – sobald aber das Führgeschirr angelegt ist, verwandelt sie sich: Konzentriert blickt sie umher und lässt sich auch von Roméo nicht mehr ablenken. „Der Hund ist dann meine Augen“, sagt Tschann. Andere Hunde beachtet Darla dann nicht mehr. Ab und zu kommt es jedoch zu Zwischenfällen, die Tschann – sie war 1999 übrigens Österreichs erste blinde Jus-Studentin – erzürnen: „Darla wurde von einem nicht angeleinten Hund angefallen. Das ist für mich und meinen Sohn lebensgefährlich.“ Gegenüber Menschen führt der Blindenhund aber zu mehr Respekt als ein Stock: „Er bietet mir Sicherheit.“

Wer einen Blindenhund möchte, muss zuvor eine Mobilitätsschulung absolvieren. Tschann, die in einer Schweizer Schule für Blinde war, bewegt sich in der Wohnung sicher wie eine Sehende. Häufig muss sie sich Vorhaltungen anhören, gar nicht so blind zu sein. „Das finde ich anmaßend, ich laufe ja nicht zum Spaß mit einem Blindenhund herum.“ Dann legt sie der geduldig wartenden Darla das Führgeschirr an. Mit Roméo an der Hand führt sie der Hund an jedem Hindernis vorbei.