Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 17.11.2016


Stress

Und im Büro warten schon 700 Mails

Ständig verfügbar und online: Erwerbsarbeit macht in der digitalen Welt vor dem Privatleben nicht mehr halt. Gesund ist das nicht. Experten des Arbeitsmedizinischen Zentrums raten dringend dazu, Grenzen zu ziehen.

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Von Markus Schramek

Hall, Innsbruck – Es ist eine Wahl zwischen Pest und Cholera. Doch in eine der folgenden beiden Gruppen reiht sich jeder von uns ein.

Die einen tun es auch im Urlau­b, behalten das Smartphone im Auge, lesen berufliche E-Mails. Abschalten können sie nicht, im wahrsten Sinne des Wortes. Die anderen verweigern sich beruflichem Datenfluss in der Freizeit, verordnen dem Diensthandy eine Pause. Dafür fegt über Anhänger dieser Strategie am ersten Tag im Büro eine elektronische Lawine hinweg: 700 aufgestaute E-Mails wollen durchgesehen werden.

Für beide gilt: Willkommen zurück! Jegliches Urlaubsfeeling verflüchtigt sich rasch.

Stress, lass nach!

Die Grenze zwischen Beruf und Freizeit verschwimmt. Doch schon im Hinblick auf die eigene Gesundheit sollten Ruhepausen bewusst eingehalten werden. Folgende Denkanstöße, sie stammen von Arbeitspsychologin Barbara Hellweger, können dabei helfen.

„Es geht auch ohne mich.“ Ich habe Anspruch auf Urlaub und freie Tage und auch darauf, diese ungestört verbringen zu dürfen.

„Ich kann mich auf meine Kollegen verlassen.“ Diese erledigen Arbeiten während meiner Abwesenheit genauso, wie ich das für sie tue, wenn sie auf Urlaub sind. Darauf kann ich vertrauen.

„Zwei, drei Wochen Urlaub, was soll da schon groß passieren?“ Im Vergleich zu einem Arbeitsjahr ist das wirklich wenig Zeit.

„95 % der Mails sind gar nicht so wichtig.“ Das erkennt man leicht daran, dass man viel von der Elektropost nach dem Urlaub ohne großes Aufsehen löschen kann.

Ständige Erreichbarkeit ist für moderne Zeitgenossen ein Faktum. 25 Milliarden elektronische Endgeräte weltweit, 3,5 pro Erdenbürger, sorgen dafür, dass der Datenfluss nie abreißt. Allein über Whatsapp werden 42 Milliarden Nachrichten versendet – täglich.

Dieses Bombardement mit elektronischen Reizen, Impulsen und Arbeitsaufträgen bringt die Menschen unter Druck. Etwas heute nicht mehr erledigen zu können – das war einmal. Alles hat in Echtzeit zu geschehen, hier und jetzt. Das Tempo ist enorm, die Folgen ebenfalls. Neue Berufskrankheiten sind entstanden: innere Unruhe und ständige Nervosität bis hin zu völliger Erschöpfung und zum Burn-out.

„Wir müssen unseren Arbeitsalltag komplett neu organisieren“, verlangt Psychologin Barbara Hellweger angesichts dieser Datenlage. Experten wie sie suchen am Arbeitsmedizinischen Zentrum in Hall nach Wegen, um die Wucht wachsender Anforderungen am Arbeitsplatz in den Griff zu bekommen.

Mitarbeiter, die ohnehin schon bis über beide Ohren mit Arbeit eingedeckt sind, müssten auch den Mut aufbringen, einmal Nein zu sagen. Leichter gesagt als getan, wie Hellweger weiß. Denn: „Wenn die Arbeitskollegen ständig verfügbar sind, ist es schwer, hier auszuscheren.“

Also dreht sich die Spirale weiter. „Arbeit wird mit nach Hause genommen, weil man sie im Büro nicht mehr schafft“, beschreibt Hellweger ein gängiges Muster. Die Grenzen von Beruf und Freizeit werden immer unschärfer, bis zur Unkenntlichkeit.

Gesund ist das nicht. Jürge­n Glaser, Psychologe an der Universität Innsbruck, kann das mit wissenschaftlichen Untersuchungen belegen. Sein Befund: „Es kommt sehr darauf an, ob man es selbst bestimmen kann, Arbeit daheim zu erledigen, oder ob man dazu aus schierer Überlastung gezwungen ist.“

Der zweitere Personenkreis, also die Heimarbeiter wider Willen, stehen besonders stark unter – auch psychologischem – Stress. Sie haben das Gefühl, überhaupt nicht mehr zur Ruhe zu kommen.

„Wo ich die Grenze zwischen Job und Privat ziehe, ist ganz wesentlich“, betont Glaser. Er unterscheidet zwei sehr unterschiedliche Typen von Mitarbeitern: „Da gibt es den ,work warrio­r‘, den Arbeitskrieger, der fast keine Grenze zwischen Job und Privatleben kennt und alles dem Job unterordne; und auf der anderen Seite den ,family guardia­n‘, bei dem die Familie im Vordergrund steht.“

Bleibt noch die Frage aller Fragen: Wie findet ein arbeitender Mensch Verschnaufpausen in einer digitale­n, beschleunigten Welt?

Konzepte und Ideen dafür gibt es. Im Vergleich zum hohen Arbeitstempo schreitet deren Umsetzung allerdings eher gemächlich voran. Unbestritten ist es aber immerhin, dass Erholung von der Arbeit wichtig sei, wie Glaser verdeutlicht. Viele Unternehmen bieten inzwischen spezielle Gesundheitsprogramme an, vom Konditions- und Lauftraining bis hin zur Ernährungsberatung.

An einzelnen Arbeitsstätten wurden so genannte Ruheräume eingerichtet. In diese kann man sich zurückziehen, um einige Minuten zu entspannen oder einem kraftspendenden Nickerchen („powernapping“) zu frönen.

Ob man mit solchen Wünschen zum eigenen Chef gehen sollte, muss freilich jeder für sich selbst entscheiden.

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