Letztes Update am Do, 26.01.2017 09:15

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Gesundheit

Das Märchen von den Schlacken

Sind wir denn alle vergiftet? Das möchte man fast glauben, wenn man die derzeitigen Detox- und Entschlackungsempfehlungen liest. Dabei gibt es im Körper gar keine Schlacke. Teure Pulver und Kapseln kann man sich sparen. Leber und Niere machen das schon.

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Der neue 12-Tage-Detox-Plan „So entschlackst du in 24 Stunden“, „Schnell abnehmen mit Detox“. Der Jänner ist zum Synonym für so genannte Entgiftungskuren geworden. Nach der Weihnachtsvöllerei wollen viele Menschen ihrem Körper eine kleine Auszeit gönnen oder haben den Vorsatz gefasst, ein paar Kilos zu verlieren. Was wiederum die Hersteller verschiedenster Kapseln und Pülverchen freut. Zeolith-Darmreinigungskuren, Mariendistel-Extrakt, Artischocken-Kapseln, Fastenwochen, Ratgeber und Diätempfehlungen – das Geschäft mit der Entschlackung, auf Neudeutsch „Detox“, boomt.

Schlacke gibt’s nur im Hochofen

Der Internist, Sport- und Ernährungsmediziner Kurt Moosburger aus Hall hält absolut nichts von solchen Detox-Kuren und ortet reine Geldmacherei. „Der Körper hat ein enormes Selbstheilungspotenzial. Sind unsere Entgiftungsorgane, allen voran Leber und Niere, gesund, so wird der Körper rund um die Uhr gereinigt. Fallen gewisse Stoffe an, die eliminiert werden müssen, z. B. nach einer Medikamenteneinnahme, wird ein gesunder Körper ohne Hilfsmittel damit fertig“, sagt der Arzt. Schlacken existieren nicht. Dafür gebe es keine Beweise. „Wer Schlacken sehen will, der solle nach Linz zur Voest­ fahren, wo Schlacken in Hochöfen bei der Metallverarbeitung anfallen.

Genauso wenig könne der Körper übersäuert werden. „Wir können den Körper mit unserer Ernährung gar nicht übersäuern. Alle organischen Säuren aus Stoffwechselvorgängen werden automatisch entsorgt“, erklärt Moosburger. Die Niere habe eine enorme Säureausscheidekapazität, die sogar eine illusorische Menge von sechs Kilo Fleisch pro Tag tolerieren würde. Deshalb mache es auch keinen Sinn, Basenpulver zu schlucken oder mit Teststreifen den Harn zu messen. „Wenn der Harn leicht sauer ist, deutet dies nicht auf eine Übersäuerung des Organismus hin, sondern auf eine gesunde Nierenfunktion“, erklärt der Internist.

Wer seinem Körper wirklich etwas Gutes tun will, der sollte nicht rauchen, Alkohol nur in Maßen trinken, auf sein Bauchgefühl vertrauen und aufhören zu essen, wenn man satt ist und sich in erster Linie bewegen. Moosburger ist sich sicher: „Ein bisschen Völlern über Weihnachten hat dem Körper sicher nicht geschadet, wenn man sich sonst das ganze Jahr über bewegt. Ein täglicher Spaziergang, Rodeln, Ski fahren oder Langlaufen hätten mehr Wert als so genannte Entlastungstage oder teure Fastenkuren. Regionale Küche, moderater Fleischkonsum und die Fähigkeit, die Speisen zu genießen, sollten das ganze Jahr im Vordergrund stehen. Und vor allem sollte die Ernährung nicht zur Religion werden.

Auch Karin Ratschiller, Diätologin aus Volders, kennt es, das Geschäft mit Diät und Entgiftung. „Mit diversen Hilfsmitteln kann man viel Geld loswerden“, sagt auch die Ernährungsberaterin, die in der Praxisgemeinschaft „Im Zentrum“ in Innsbruck tätig ist. Aus ihrer Sicht macht es aber schon Sinn, ein- bis zweimal im Jahr für drei bis vier Wochen etwas kürzerzutreten. Vor allem dann, wenn man sich müde oder abgeschlagen fühlt und die Darmfunktion hinterherhinkt. „Es ist richtig, Leber, Niere und Darm erledigen das Entgiften schon alleine. Allerdings sind wir heutzutage so überflutet von Fertigprodukten und Zusatzstoffen, dass es sicher nicht schadet, die Organe zu unterstützen“, erklärt die Diätologin. „Nennen wir diesen Prozess nicht Entschlackung, sagen wir Wiedergutmachung dazu.“

Dafür brauche es aber keine teuren Tabletten, sondern nur einen gesunden Hausverstand. „Es reicht, wenn man das Zwischendurch-Naschen sein lässt und die fünf bis sechs Mahlzeiten auf drei Hauptmahlzeiten reduziert und dem Verdauungstrakt zumindest vier bis fünf Stunden zwischen dem Essen eine Ruhepause gönnt“, sagt Ratschiller. So könne der Organismus in Balance kommen. Einen gesunden Darm erkenne man übrigens daran, dass die Ausscheidung kaum riecht, kaum Gase gebildet werden und man nur selten Blähungen hat. Wem es gelingt, Zucker, Kaffee und fettreiches Fleisch, v. a. Wurst, zu reduzieren und dafür mehr Gemüse, Reis, Kartoffeln, Fisch, Nüsse und hochwertige Öle einplant, der würde den Stoffwechsel etwas anstupsen. Bitterstoffe regen zudem die Leber zur Gallenproduktion an. Wirsing, Kohl, Endivien, Chicorée seien ideale Quellen dafür. Das ist laut Ernährungsberaterin keine neue Erkenntnis, sondern wurde schon zu Großmutters Zeiten so gemacht. Schwedenbitter sei beispielsweise nichts anderes als ein Auszug aus 15 verschiedenen Bitterstoffen.

Crash-Diät führt zu Diät-Crash

Von Extrem-Crash-Kuren hält Ratschiller wenig. Diese laugen den Körper aus und der holt sich die Energie in Heißhungerattacken wieder zurück“, weiß die Diätologin. Bei unseren deftigen Essgewohnheiten mache es Sinn, phasenweise verstärkt auf basische Lebensmittel wie etwa Gemüse, Knollen und Wurzeln zu setzen und Lebensmittel wie Zucker, Weißmehl, Fleisch und fettreiche Wurstwaren zu reduzieren.

Ratschiller weiß: Es gibt nicht die eine Generalempfehlung. Ihr Motto lautet: „Erkenne und iss, was zu dir passt!“ Das Positive an solchen Fastenzeiten sei, dass viele Gefallen an der gesunden Ernährung finden und sie dauerhaft in ihr Leben einbauen. Nur eines sollte man nicht: sich Genuss verbieten und sich aufgrund irgendwelcher Versprechungen das Geld aus der Tasche ziehen lassen. Denn das Einzige, das dann entschlackt, ist das Geldbörserl. (Nicole Strozzi)

Das Entgiftungsteam im Körper

Leber, Niere und Darm: Der menschliche Körper hat zahlreiche Fertigkeiten, um mit den Belastungen durch schädliche Substanzen zurechtzukommen. Die wichtigsten Entgiftungsorgane sind Leber, Niere und Darm, auch die Lunge spielt eine Rolle. Die Leber wandelt giftige in ungiftige Stoffe um. Giftige Substanzen werden umgebaut, in einen speziellen Teil des Blutkreislaufes abgegeben und über die Niere und den von ihr produzierten Urin oder den Darm ausgeschieden. Beispielsweise werden so Medikamente, Drogen, Alkohol und Gifte abgebaut und ausgeschieden. (Quelle: Medizin transparent)