Letztes Update am So, 02.04.2017 07:44

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Autismus: „Schauen wir Max an, nicht die Diagnose“

Nicht alle sind gleich. Manche autistischen Kinder sind reizoffen und profitieren von einer ruhigen Umgebung. Inklusion ist trotzdem möglich.

© iStockphotoNicht alle sind gleich. Manche autistischen Kinder sind reizoffen und profitieren von einer ruhigen Umgebung. Inklusion ist trotzdem möglich.



Von Nicole Strozzi

Man nehme ein Kind mit einer Autismusspektrumstörung, stecke es in eine Klasse und rühre um. „Heraus kommen nur Inklusionsverlierer“, sagt Brita Schirmer. Die Berliner Sonderschul-Pädagogin und Buchautorin war vor Kurzem Vortragende bei den Autismustagen in Schwaz. „Ich bin grundsätzlich ein Fan von Inklusion“, erzählt Schirmer. Nur laufe in der Umsetzung noch einiges falsch. „Es existiert kein Konzept“, bedauert die Lehrerin und dreifache Mutter. „Niemand hat sich Gedanken über die Finanzierbarkeit gemacht, Lehrer laufen auf dem Zahnfleisch und bekommen einen Schreck, wenn sie Autismus hören, und im Grunde kennt niemand die genaue Definition von Inklusion.“ Wer ist drin, wer draußen? Die Kinder in der Sonderschule oder die Schüler aus dem Randbezirk, die nicht in die Nobelschule gehen? Bedeutet, eine Privatschule zu besuchen, Exklusion? „Inklusion heißt für mich, wenn alle das gleiche Recht haben, Zugang zu bestimmten sozialen Einrichtungen zu bekommen“, erklärt die Pädagogin. Inklusion bedeute auch, Kinder nicht in ein System zu pressen, sondern ein System für das Kind zu suchen. Wie lernt das Kind gut, was braucht das Kind? Diese Fragen sollten im Vordergrund stehen, unabhängig von der Diagnose.

„Schauen wir uns Max an, nicht die Diagnose“, sagt Schirmer. Max lernt am besten in einer Gruppe von zehn Kindern. Das kann auch für nicht autistische Kinder zutreffen. Hat Max eine Autismusstörung, muss er in der Klasse begleitet werden. „Wir müssen Schule neu denken und genau hinschauen. Das ist momentan kein Modell, das für alle Kinder gleich gut ist.“ Viele Stunden ruhig am Tisch zu sitzen, diese Idee wurde im Industriezeitalter geboren, wo es gefragt war, im Takt zu arbeiten. 15 Minuten Pause, um loszuzappeln, reichen Britta vielleicht aus, Kindern wie Max aber nicht. Dadurch gehen viele energetische Ressourcen verloren.

Dr. Brita Schirma, Dipl.-Pädagogin für Sonderschulen.
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Eine klare Diagnosestellung sei dennoch wichtig. Sei es, um Zugang zu Sozialleistungen zu schaffen, die Krankheit zu verstehen oder um Eltern zu entlasten. Carola Hanisch, Mitarbeiterin bei der Autismushilfe Tirol, ist selbst Mutter einer Tochter mit Asperger-Syndrom, das im Alter von 17 Jahren diagnostiziert wurde. „Erst als unsere Tochter die Diagnose Autismus hatte, konnte sie in der Schule einigermaßen zurechtkommen. Ihr Anderssein hatte plötzlich eine erklärbare Ursache und wurde nicht mehr ständig fehlinterpretiert und kritisiert. Endlich wurde sie von Mitschülern in Ruhe gelassen, und Lehrer begegneten ihr mit Rücksichtnahme und Verständnis. Das hat ihr sehr geholfen“, sagt Hanisch. Hanischs Tochter ist aufs Gymnasium gegangen und hat die Matura gemacht. Für Autismus gilt allerdings: Nichts ist unmöglich. Viele Kinder sind sehr reizoffen und profitieren von einer ruhigen Lern­umgebung, was andere, nicht betroffene Kinder aber oft auch brauchen. Manchen Kindern tut es sehr wohl gut, unter Gleichgesinnten zu sein und dort zu lernen. Die Sonderschule abzuschaffen, sei in Schirmers Augen schlichtweg dumm. „Wir haben ja keine alternativen Konzepte“, sagt die Pädagogin.

Inklusion kann funktionieren, ist sich Schirmer sicher. „Ich hätte schon ein paar Ideen“, sagt sie. Das würde aber Folgendes bedeuten: Finanzielle Ressourcen für Personal und die Fortbildung zur Begleitung. Die dementsprechende Gestaltung von Räumen und das Angebot von Lernhilfsmitteln. Ein in Mitteleuropa durchaus finanzierbares Unterfangen, wie Schirmer findet. „Nehmen wir den Berliner Flughafen, der erst 2020 fertig sein soll und monatlich einen enormen Unterhalt kostet. Dafür ist Geld vorhanden.“

Ein erster Schritt wäre es, sich mehr Zeit für Schulübergänge, etwa in die Volks- oder Hauptschule, zu nehmen. Autistische Kinder müssen sich vorbereiten, müssen Räume, Routinen und Personen vor Schul­eintritt kennen lernen. Die meisten Schüler haben Schulroutinen nach einer Woche verstanden, autistische Kinder brauchen womöglich länger. Für manche ist es daher enorm Energie fressend, solche Abläufe zu verstehen und sie haben dadurch weniger Ressourcen frei, um andere Dinge zu lernen. „Ich habe eine Mutter kennen gelernt, die ihren autistischen Sohn in einer Regelschule einschulen wollte. Eine Woche vorher hat sie erst erfahren, welche Lehrer ihr Kind bekommt“, erzählt Schirmer. So kann Inklusion nicht funktionieren.