Letztes Update am So, 16.04.2017 07:05

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Nahtod

Ein Arzt erforscht den Moment des Sterbens

Jeder fünfte Patient, der reanimiert wird, berichtet von Nahtoderfahrungen. Die Phänomene, die man an der Schwelle zwischen Leben und Tod erfährt, sind Mosaiksteinchen für Antworten auf zu Ostern allgegenwärtige Fragen: Gibt es die Auferstehung? Lebt das Bewusstsein nach dem Tod weiter?

© iStockEin Mosaik in der St. Georgs-Kirche von Madaba in Jordanien zeigt den toten Körper Jesu, nachdem er vom Kreuz genommen wurde.



Zu Ostern wird der zentralen Botschaft, ohne die es das Christentum so nicht geben würde, gedacht und die Auferstehung Jesu gefeiert. Dieses Ereignis, das in all seiner Unvorstellbarkeit den Glauben auf die größte Probe stellt, nährt die Hoffnung der Menschen auf ein Leben nach dem Tod. Schön soll es sein da drüben. Doch in einer Welt, in der zunehmend alles erklärt werden muss, fehlt eines noch: der Beweis.

Der deutsche Arzt Walter van Laack ist heute längst von einem Überleben des eigenen Todes überzeugt. Er nähert sich dieser persönlichen Erkenntnis über das Phänomen so genannter Nahtoderfahrungen (NTE). Die Naturwissenschaften lassen keinen Spielraum für eine Existenz nach dem Tod. Jedoch lassen sich „außergewöhnliche Bewusstseinserfahrungen, zu denen NTE zählen, bestensfalls in einzelnen Details erklären, aber keinesfalls in ihrer ganzen Komplexität“, sagt van Laack, der in der Nähe von Aachen eine Praxis führt, als Professor unterrichtet, Bücher schreibt und seit fast 40 Jahren Forschung zu Nahtoderfahrungen betreibt. So wie er arbeitet, passt er nicht in das Bild eines Esoterikers.

Eigene Nahtoderfahrungen

Er arbeitet mit wissenschaftlichen Methoden, um das nicht Erklärbare zu begreifen. Er untersucht Fälle von Menschen, die reanimiert wurden und von außerkörperlichen Erfahrungen erzählen, als sie im Moment der Reanimation über ihrem Körper geschwebt sind, die von einem Licht berichten oder über Begegnungen mit Verstorbenen. Und er zieht Schlüsse daraus. Ebenso aus eigenen Erlebnissen. „Bei einem Unfall auf der Autobahn hatte ich selbst eine von mehreren Erfahrungen. Ich merkte, wie die Zeit gedehnt war, es dauerte für mich ellenlang.“

Spielte ihm das Bewusstsein einen Streich? Spielt es seit Jahrtausenden Menschen, die dem Tode nahe sind, Streiche? Der Buchautor kommt auf für ihn beweiskräftige Hinweise, u. a. aus der Religionsgeschichte, zurück: „Visionen von Mohammed und Buddha erinnern stark an Nahtod­erfahrungen. Eine im Christentum verbürgte stammt von Paulus“, verweist Laack auf eine Passage im 2. Korintherbrief (12.1): Ich kenne einen Menschen in Christus, der vor vierzehn Jahren – ob im Leibe, das weiß ich nicht, oder außer dem Leibe, das weiß ich nicht, Gott weiß es – bis zum dritten Himmel entrückt wurde. Und ich weiß, dass der betreffende Mensch – ob im Leibe, das weiß ich nicht, oder außer dem Leibe, das weiß ich nicht, Gott weiß es – ins Paradies entrückt wurde und unsagbare Worte vernahm, die dem Menschen auszusprechen versagt sind.

Der Experte

Walter van Laack (60) ist Facharzt für Orthopädie und beschäftigt sich seit dem Studium mit Philosophie. Er steht auf dem Standpunkt, dass die Naturwissenschaften alleine, die Welt nicht erklären.

Seine ersten Bücher über Nahtoderfahrungen schrieb er nach dem überraschenden Tod seines Vater.

Bücher u.a.: „ Wer stirbt ist nicht tot!“, 2. Auflage, 2015. „Schnittstelle Tod - Wo stehen wir nach 40 Jahren NTE-Forschung?“, 2016

Was genau passiert ist, lässt sich nicht mehr sagen. Aber die Wiederholung einer zentralen Passage weist auf die Verwirrung der klar orientierten Menschen während ihrer NTE, wenn sie ihren Körper plötzlich von außen sehen, sich aber selbst weiter als Zentrum des Geschehens empfinden. Professor van Laack verweist auf Studien, die sagen, dass 20 bis 25 Prozent aller Reanimierten von solchen Nahtoderfahrungen berichten.

Das Sterben ist ein Prozess. Wissenschafter wissen, was dabei mit Gehirn, Organen und Zellen passiert. Für die Nahtoderfahrungen ziehen Skeptiker Halluzinationen, Drogen und Sauerstoffmangel als Ursache heran. Van Laack greifen diese Erklärungen zu kurz: „Bei Halluzinationen müssen die Sinnesorgane einschließlich des Großhirns noch halbwegs funktionieren. Es gibt aber nachweislich Nahtoderlebnisse, die stattgefunden haben, als das Großhirn nicht mehr intakt war.“

Bei Drogen sei es so, dass man im Rausch ein Gefühl der Desorientierung habe, so van Laack, „aber bei Nahtoderlebnissen ist man meist klar und höchst orientiert“.

Der Sauerstoffmangel bietet Argumente für und gegen die These, dass Nahtodereignisse nicht vom Körper, sondern von einem (auch) hirnunabhängig denkbaren Bewusstsein gesteuert werden. „Wenn das Gehirn zu wenig Sauerstoff bekommt, kann das partiell Phänomene auslösen wie den berühmten Tunnel mit dem Licht. Auch euphorische Zustände sind möglich. Aber niemals kann der Sauerstoffmangel zum Beispiel das Gefühl vermitteln, dass man geliebt wird“, spricht der Arzt die tiefe und friedvolle Liebe an, von der sich die meisten Betroffenen behütet fühlen .

Dass sich seit Jahrhunderten und über alle Kulturen hinweg die Beschreibungen an der Schwelle des Todes ähneln, ist für ihn ein weiterer Mosaikstein bei der Antwort auf die Frage, ob es ein Leben nach dem Tod gibt. Könnte man beweisen, dass Nahtoderfahrungen nicht neurophysiologischen Ursprungs sind, wäre das ein Beweis dafür, dass es so etwas wie einen Geist in uns gibt, der auch ohne Körper weiterexistieren kann.

Liebe wichtiger als der Beweis

Viele Menschen glauben an die Auferstehung von Jesus. Viele Menschen, die eine Nahtoderfahrung gemacht haben, glauben daran, dass am Ende nicht alles von ihnen stirbt. „Sie haben bei ihren Erlebnissen große Freude und Liebe empfunden und für sich persönlich den Schluss gezogen, dass sie keinen wissenschaftlichen Beweis für ihre Erlebnisse brauchen“, sagt van Laack.

Würde es diesen Beweis geben und wären Nahtoderlebnisse ein Hinweis auf eine Existenz, die nicht abrupt endet, hätte das einen Einfluss auf das Leben. „Wie die Religionen ja auch sagen, gestaltet eure Leben so, damit es nicht später auf euch zurückfällt. Ein abschließender Beweis wird nie gelingen, aber eine überzeugende Argumentationskette ist möglich, wenn man bloß über die Tellerränder der verschiedenen natur- und geisteswissenschaftlichen Fachbereiche hinausschauen würde.“ So könne man sich der Frage besser nähern, ob es ein Leben nach dem Tod gibt.

Die Forschung van Laacks hat für jene, die den Berichten über Nahtoderfahrungen Glauben schenken, einen Vorteil: Dem Moment des Sterbens wird der Schrecken genommen. (Matthias Christler)