Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 18.05.2017


Gesundheit

Ein genussvolles Leben ohne Alkohol

Im Therapiezentrum Mutters werden Alkoholkranke bei der Rückkehr in ein normales Leben begleitet. Rückfälle kommen vor, doch die Erfolgschancen sind gut. Komplette Abstinenz ist dabei wichtig.

Besser die Hände davon lassen. Wer einmal alkoholkrank war, sollte auf promillehaltige Getränke in Zukunft verzichten.

© iStockBesser die Hände davon lassen. Wer einmal alkoholkrank war, sollte auf promillehaltige Getränke in Zukunft verzichten.



Von Markus Schramek

Mutters, Innsbruck — „Jetzt trink ma noch a Flascherl Wein!" Nicht nur im Wienerlied wird Alkohol verniedlicht. Österreich ist zwar kein Land von Trinkern, die einschlägigen Zahlen sind aber ausreichend alarmierend: Eine Million Menschen, immerhin 14 Prozent der gesamten Bevölkerung, trinken so viel Promillehaltiges, dass es ihre Gesundheit gefährdet. Fünf Prozent der erwachsenen Landsleute, 370.000 Personen, gelten als alkoholkrank.

Die „Dialogwoche Alkohol" unter Federführung des Gesundheitsministeriums macht dieser Tage mit Veranstaltungen Betroffenen Mut, Hilfe zu suchen (www.dialogwoche-alkohol.at). Alkohol ist in der Gesellschaft zwar allgegenwärtig, Alkoholsucht aber ist immer noch ein Tabu.

„Es gibt gute Chancen, vom Alkohol wegzukommen, wenn man es richtig macht", sagt Psychiater Sergei Mechtcheriakov. Er leitet das Therapiezentrum Mutters, eine Außenstation der Uni-Klinik Innsbruck. Dort werden Alkoholkranke behandelt, die dauerhaft abstinent bleiben wollen. „Alkoholkrankheit ist behandelbar, aber auch vermeidbar", betont der Arzt. Er erklärt, was man im Umgang mit Alkohol wissen sollte.

1. Die Grenzen. Die Gefährdungsgrenze zur Alkoholsucht liegt bei Männern bei 60 Gramm reinem Alkohol pro Tag, bei Frauen sind es 40 Gramm. Ab dieser Menge steigt das Risiko rasant, alkoholkrank zu werden. Diese Grenze ist bereits bei drei (bei Frauen: zwei) großen Bieren à 0,5 Liter pro Tag erreicht.

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Die Harmlosigkeitsgrenze ist deutlich niedriger. Wenn man unter dieser Grenze bleibt, hat man keine Probleme zu erwarten. Sie beträgt 24 Gramm Alkohol pro Tag bei Männern und 16 bei Frauen. Das entspricht 0,6 Litern Bier pro Tag beim Mann und 0,4 Litern bei der Frau.

2. Die Alarmzeichen. Der Übergang vom normalen Alkoholkonsum zur Abhängigkeit verläuft fließend, oft über viele Jahre. „Alkoholkranke benötigen immer größere Mengen, um noch einen Rauschzustand zu spüren", schildert Mechtcheriakov. Oft wird einem Mann „Trinkfestigkeit" attestiert, wenn er scheinbar viel verträgt. „Dabei sind solche Menschen längst abhängig."

Das Leben eines Süchtigen dreht sich zunehmend um Alkohol. Er gesellt sich zu Personen, die ebenfalls viel trinken. Die Folgen sind anfänglich kaum spürbar, können aber verheerend werden. Gehirn und Körper werden geschädigt, soziale Bindungen gehen verloren, oft auch der Arbeitsplatz. Ein normales Leben rückt in weite Ferne.

3. Die Betroffenen. Alkoholkranke kommen aus allen Schichten, „vom Obdachlosen bis zum VIP", so der Suchtexperte. Drei Viertel der Betroffenen sind Männer, meist zwischen 40 und 60 Jahren. Jeder Zweite gerät ohne speziellen Grund in die Abhängigkeit. Manche Patienten versuchen sich Erleichterung zu verschaffen, indem sie etwa ein Gefühl der Unsicherheit oder eigene Verletzbarkeit durch Alkohol betäuben. Andere erleben schwere psychische Belastungen und rutschen so in Alkoholismus.

4. Die Therapie sieht zwei Stufen vor. Der Entzug erfolgt medikamentös und dauert 10 bis 21 Tage. „Das geht meist rasch und kann auch beim Hausarzt sein", so der Therapieleiter. Vor einem Entzug in Eigenregie, ohne ärztliche Betreuung, warnt Mechtcheriakov: „Es kann dabei zu schweren Folgen kommen wie epileptischen Anfällen oder einem Delirium. Es ist auch schwer auszuhalten."

Stufe 2 der Therapie ist die Entwöhnung, wie sie in den Stationen in Mutters oder in Hall angeboten wird. Die Patienten verbringen dort sechs bis acht Wochen. Ziel ist es, die Fähigkeit zu stärken, abstinent zu bleiben und das Leben ohne Alkohol zu genießen. Therapeutische Gespräche, medikamentöse Behandlung, aber auch ergo- und sporttherapeutische Maßnahmen tragen dazu bei.

5. Der Rückfall. Für Mechtcheriakov ist es keine Katastrophe, wenn ein Patient wieder kurzfristig zur Flasche greift: „Es passiert während der Therapie selten. Und die meisten Patienten erkennen sofort den Fehler und setzen die Therapie fort."

Die Gründe für den Rückfall werden analysiert: In welcher Situation wurde zum Alkohol gegriffen? So lernt man, neuerliche Rückfälle zu vermeiden. Die Patienten erfahren, „wie sie wirklich ohne Alkohol funktionieren, und können sich darauf einstellen".

6. Das Danach. Ein Jahr ohne Alkohol ist das erste Etappenziel nach der Entwöhnung. Beratungsstellen wie BIN, mit Niederlassungen in ganz Tirol, bieten professionelle Unterstützung.

7. Die Abstinenz. Wer einmal alkoholkrank war, sollte versuchen, komplett abstinent zu bleiben. Gemäßigtes Trinken fällt einem Alkoholkranken sehr schwer. Mechtcheriakov: „Es hält meist nicht lange und mündet früher oder später in einen schweren Rückfall. Leider werden die alten Aktivierungsmuster im Gehirn durch den Kontakt mit Alkohol sehr schnell wieder abgerufen, die Krankheit nimmt ihren gewohnten Lauf."

8. Die Familie kann eine wichtige Stütze sein. „Wenn ein Alkoholproblem eines Angehörigen vermutet wird, sollte man das ohne Druck ansprechen und die Bitte artikulieren, bei einem Arzt oder einem Suchtspezialisten Rat zu holen."

9. Die Zukunft. „Die Österreicher wissen gut, wie sie mit Alkohol umgehen. Er ist ein Teil unseres Kulturgutes", sagt Mechtcheriakov. In der jüngeren Generation erkennt er einen leichten Trend weg vom übermäßigen Alkoholkonsum. „Gesund zu leben ist zunehmend in. Soziale Normen verändern sich. Jeder soll bewusst und frei entscheiden können, wann und wie viel Alkohol er konsumiert. Niemand sollte sich mehr rechtfertigen müssen, warum er wenig oder gar keinen Alkohol trinken will."