Letztes Update am Fr, 26.05.2017 06:47

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Gesundheit

Sarkoidose tarnt sich und täuscht

Eine häufige unter den seltenen Krankheiten ist wie ein Chamäleon. Sarkoidose hat viele Gesichter, oft wird sie nur durch Zufall entdeckt.

© iStock(Symbolfoto)



Es ist ihm überhaupt nicht anzusehen, dass er krank ist. Martin Hauser fühlt sich gesund. Das Einzige, was dem Freizeitsportler schon vor ungefähr 25 Jahren aufgefallen ist: Er wurde beim Fußballspielen, Radeln und Tourengehen schnell kurzatmig. Sportärztliche Untersuchungen brachten damals keinen Befund.

Erst vor circa fünf Jahren bekam er per Zufall im Rahmen einer Gesundenuntersuchung die Diagnose: Sarkoidose. Beim Lungenröntgen entdeckte der Arzt die geschwollenen Lymphknoten. Gewebeproben bestätigten den Verdacht auf die relativ unbekannte Erkrankung.

„Sarkoidose ist das Chamäleon unter den Krankheiten“, sagt Judith Löffler-Ragg, Leiterin der Pneumologischen Ambulanz an der Universitätsklinik für Innere Medizin II in Innsbruck. In diesem Fachgebiet sieht man die meisten Betroffenen, weil in mehr als 90 Prozent der Fälle eine Lungenbeteiligung vorliegt.

Der Vergleich mit den exotischen Echsen liegt nahe: Sie sind Meister im Tarnen und Täuschen. Genauso vielfältig ist Sarkoidose. Martin Hauser hatte Glück. Er engagiert sich heute als Leiter der Selbsthilfegruppe für Sarkoidose-Betroffene in Tirol. Die Krankheit verläuft bei ihm stabil, er braucht keine Medikamente zu nehmen und lebt beschwerdefrei. Nur leider gilt das nicht für alle, die diese Krankheit trifft. Sie kann akut oder chronisch verlaufen, bleibt oft lange Zeit unbemerkt, kann fortschreiten oder stabil bleiben, die verschiedensten Organe betreffen und andere Krankheiten spiegeln, wie z. B. Herzrhythmusstörungen. Unbehandelt kann Sarkoidose lebensgefährlich werden, etwa wenn sie Herz oder Hirn befällt oder eine Lungenfibrose verursacht.

Sie ist eine der häufigeren unter den seltenen Erkrankungen, zehn bis 40 von 100.000 Einwohnern erkranken daran. Allein in Innsbruck sind 200 bis 300 Patienten pro Jahr in interdisziplinärer Behandlung, zwei bis drei davon kommen laut Löffler-Ragg mit primär lebensbedrohlichen Herzrhythmusstörungen oder Gehirnbefall. Daten, die in Innsbruck im Rahmen einer Diplomarbeit erhoben worden sind, ergaben laut der Expertin, dass bei ungefähr einem Drittel der Erkrankten Haut, Leber und Milz, bei fast 40 Prozent die Gelenke, bei rund 15 Prozent die Augen und bei über zehn Prozent das Nervensystem betroffen ist. Es gibt aber eine gute Nachricht: bei fast 90 Prozent der akuten Verlaufsform kommt es binnen zweier Jahre zu einer Spontanheilung, sagt Löffler-Ragg.

Überschießende Abwehr

Die Innsbrucker Uni-Klinik ergänzt sich mit der Abteilung für Pneumologie im Krankenhaus Natters, wo ein wichtiges diagnostisches Instrument zur Verfügung steht: der endobronchiale Ultraschall (EBUS), wie der hiesige Primar, Herbert Jamnig erklärt. Damit können auch die Lymphknoten, die hinter den Bronchien liegen, erstmals sichtbar gemacht werden, gleichzeitig wird mit einer feinen Nadel eine Gewebeprobe daraus entnommen. „Die Sarkoidose ist eine so genannte Granulomatose, bei der sich kleine Knötchen bilden – häufig in den Lymphknoten an der Lungenwurzel. Es ist die Folge einer fehlgeleiteten Immunantwort“, sagt Jamnig. Bei der Diagnosestellung sei es in erster Linie wichtig, die Ursache für die vergrößerten Lymphknoten abzuklären und eine andere Krankheit wie zum Beispiel Lungenkrebs oder eine Tuberkulose auszuschließen.

Die Betroffenen selbst merken oft gar nicht, dass sie krank sind. Ein Leistungsknick und Atemnot bei Belastung sind Leitsymptome. Am auffälligsten ist aber die Kombination: geschwollene Gelenke plus rote, münzgroße Verdickungen an den Unterschenkeln, die von den Patienten oft für Insektenstiche gehalten werden plus geschwollene Lymphknoten, die im Röntgen sichtbar werden. Diese Symptom-Trias ist in Arztbriefen dann oft als Löfgren-Syndrom nachzulesen.

Wer wie Martin Hauser weitgehend beschwerdefrei und ohne Befall lebenswichtiger Organe lebt, muss gar keine Medikamente nehmen, aber regelmäßig zur fachärztlichen Kontrolle gehen. Zehn bis 30 Prozent der Patienten haben aber einen chronisch-rezidivierenden Verlauf, d. h. die Krankheit flammt immer wieder auf. Mit Kortison wird dann versucht, die Flamme niedrig zu halten.

Bei wiederholten Schüben kommen Immunsuppressiva zum Einsatz, um einerseits die Krankheit zu stabilisieren und andererseits Kortison zu reduzieren. In seltenen Fällen, nämlich bei Gehirnbefall, werden bereits Biologika verabreicht. „Nach einer interdisziplinären Therapieentscheidung mit dem Neurologen Günter Stockhammer konnte damit bei einem jungen Patienten erste neurologische Ausfälle gestoppt werden“, freut sich Löffler-Ragg. Mit der Forschung, die für die Entwicklung neuer Medikamente notwendig ist und auch in Innsbruck betrieben wird, hofft sie, dass dann auch das Interesse der Pharmaindustrie an Sarkoidose erwacht. (Theresa Mair)




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