Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 09.06.2017


Demenz

Etwas Greifbares, damit der Mensch zur Ruhe kommt

Ein Tiroler Krankenpfleger vermisste einen Behelf, um demenzkranke Patienten sinnvoll zu beschäftigen. Also entwickelte er diesen gleich selbst.

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© Abart



Von Markus Schramek

Mils – Mit Erfindungen ist das so eine Sache: Sie können einfach aussehen, doch die Idee dazu muss man erst einmal haben. Peter Abarts Neuentwicklung fällt in diese Kategorie. Das Ergebnis seines Nachdenkprozesses ist kein Hightech-Gerät, sondern bearbeiteter Stoff in Form von Polstern und kleinen Decken. Bestückt sind diese mit Bändern, Klett- und Reißverschlüssen, Plastikschrauben, Ringen und Knöpfen.

Lange können die Finger eines Betrachters da nicht widerstehen. Zu groß ist die Verlockung, die leuchtend rot-gelben Textilien anzufassen und aufgenähte Applikationen selbst auszuprobieren.

Und genau das ist auch deren Zweck. Denn Abarts Spezialanfertigungen dienen therapeutischen Zwecken. „Demenzkranke, Intensivpatienten und Menschen mit psychischen Störungen kämpfen mit Unruhezuständen. Oft zerren und ziehen sie an Gegenständen“, schildert Abart, der in Mils bei Hall das Ein-Mann-Unternehmen „37 Grad“ aufgebaut hat. Seine „Nestel-Polster“ und -decken helfen Patienten dabei, zur Ruhe zu kommen: Bänder werden geflochten, an Schrauben gedreht, Reiß- und Klettverschlüsse auf- und wieder zugezogen.

Das klingt unspektakulär, aber es wirkt. „Man kann Patienten so auch die Gabe von Beruhigungsmitteln ersparen“, betont der 48-Jährige.

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Abart weiß gut, wovon er spricht. Denn beruflich fährt er doppelgleisig. Neben der Selbstständigkeit ist er weiter im erlernten Beruf tätig. Als mobiler Diplomkrankenpfleger unterstützt er psychisch Kranke dabei, ihren Alltag in den eigenen vier Wänden zu bewältigen. Zuvor war der gebürtige Innsbrucker in den psychiatrischen Stationen der Krankenhäuser Hall und Innsbruck im Einsatz. „Einen Behelf wie den Nestel-Polster hätte ich damals gerne gehabt“, sagt der pflegende Unternehmer im Rückblick.

Zwei Jobs klingt nach reichlich Arbeit, und so ist es auch. Pausen oder freie Tage gönnt sich Abart nur sehr wenige. „Urlaub geht sich derzeit keiner aus.“ Seine Lebensgefährtin unterstützt ihn bei der Buchhaltung, sonst ist Abart für alles selbst zuständig.

Um 99 Euro das Stück sind die Therapietextilien zu haben. Etwa 800 davon wurden bisher verkauft. Die Häuser der tirol kliniken sind der größte Abnehmer. Eine goldene Nase schaute für den Vater zweier erwachsener Kinder bisher nicht heraus. „Langsam beginnt es sich zu rechnen“, gibt er zu verstehen.

Produziert wird die Ware in Oberösterreich, in Werkstätten psychisch kranker Menschen des Vereins pro mente. „Es tut gut zu sehen, mit welcher Begeisterung die Mitarbeiter dort bei der Sache sind“, freut sich Abart.

Eben ist er aus Oberösterreich zurückgekehrt. Die Qualität seiner Nestelwaren nimmt er regelmäßig selbst in Augenschein. „Ohne höchste Standards hat man nicht die geringste Chance, mit Produkten in Krankenhäusern auch nur vorstellig zu werden.“

Entsprechend umfassend sind die Vorgaben: Aufgenähte Reißverschlüsse dürfen nicht scharfkantig sein, um Verletzungen zu vermeiden. Die verwendeten Stoffe werden steril gemacht, sie müssen zudem bei hohen Temperaturen waschbar sein und besonders widerstandsfähig.

Sicherheitshalber hat Abart das Ergebnis all seines Bemühens beim Patentamt schützen lassen. „Vor Nachahmern ist man aber nie ganz gefeit“, bleibt er Realist.

Einfälle, um seine Produkte weiterzuentwickeln, hat Abart genug. So kann die Nestel-Decke jetzt mit einer persönlichen Note versehen werden: Ein Täschchen aus Klarsichtfolie wird per Druckknopf auf der Decke fixiert, in das ein Erinnerungsstück gegeben werden kann, etwa ein Familienfoto. Was ein Patient beim Betrachten fühlt, kann er seiner Umgebung oft nicht mitteilen. Kommt er dabei zur Ruhe, ist aber viel erreicht.