Letztes Update am So, 11.06.2017 06:46

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Gesundheit

Die Panik kommt wie ein Überfall

Sind Panikattacken das neue Burn-out? Immer öfter hört man von der Angststörung. Auch Promis outen sich und sprechen öffentlich darüber.

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Text: Nicole Strozzi

Seit ihrer Jugend leidet Winona Ryder an Panikattacken. 2008 musste wegen der US-Schauspielerin sogar ein Flugzeug früher landen, weil sie gegen ihre Angst offenbar zu viele Medikamente genommen hatte. Filmstar Kim Basinger, die im Erotikfilm „9 ½ Wochen“ die blonde Versuchung gab, konnte im wahren Leben aus Angst vor Menschenmassen angeblich monatelang ihr Haus nicht verlassen. Und die grandiose Sängerin Barbra Streisand schaffte es aufgrund von Versagensängsten jahrelang nicht, öffentlich auf der Bühne aufzutreten.

Kein Phänomen der Neuzeit

Noch vor Depressionen stehen Angsterkrankungen auf Platz eins der psychischen Erkrankungen. Von schweren Panikattacken sind etwa zwei bis drei Prozent der Bevölkerung betroffen. Immer öfter geben Prominente zu, dass auch sie aufgrund ihrer Panikstörung behandelt werden. Die deutsche Autorin Charlotte Roche, Schauspieler Drew Barrymore und Dustin Hoffman, sie alle reihen sich in die Liga der prominenten Panik-Patienten ein. Studenten und Schüler berichten über Angstattacken, Manager klagen über Angstschwindel. Das klingt fast so, als wäre eine Panikstörung der aktuelle Modebegriff für soziale Überforderung, sprich das neue Burn-out oder ein Indikator dafür, wie gestresst man durch das Leben geht.

Kim Basinger fürchtete sich lange Zeit Angst vor Menschenmassen und traute sich nicht, das Haus zu verlassen.
Kim Basinger fürchtete sich lange Zeit Angst vor Menschenmassen und traute sich nicht, das Haus zu verlassen.
- AFP/AP/Reuters

„Über manche Krankheiten spricht es sich öffentlich leichter. Angststörungen gehören dazu“, begründet Josef Marksteiner, Leiter der Psychiatrie und Psychotherapie A im LKH Hall, das subjektive Gefühl, dass immer mehr Menschen in Panik geraten. Das Gefühl der Angst kenne nämlich jeder, eine Überreaktion sei daher auch für jeden nachvollziehbar. „Die Angst ist ein Alarmsystem und lebensnotwendig, um uns zu schützen“, erklärt der Arzt. Doch bei einigen Menschen ufert die Situation aus, sie glauben, die Kontrolle zu verlieren, die Gedanken schaukeln sich hoch. Das Herz fängt an zu rasen, sie zittern, schwitzen, der Hals schnürt sich zu. Die Attacke kommt überfallsartig, heiß-kalt, wie eine Welle. Betroffene berichten, dass sie in solchen Situationen fürchten, auf der Stelle zu sterben.

Sigmund Freud analysierte nicht nur Panikattacken, er litt auch selbst darunter.
Sigmund Freud analysierte nicht nur Panikattacken, er litt auch selbst darunter.
- STAFF / AFP / picturedesk.com

Panikattacken sind aber kein Phänomen der gestressten Neuzeit. Angstzustände hat es immer schon gegeben, nicht nur in Zeiten, in denen rund um die Uhr gearbeitet und emsig „Business“ betrieben wird, während man durch die Welt jettet. Schon der Begründer der Evolutionstheorie, Charles Darwin, litt mit 28 Jahren unter unerklärlichen Anfällen mit Herzklopfen, Luftnot, Zittern, Weinen, Todesangst und Agoraphobie. Genau wie eine Kim Basinger hatte er Angst vor Menschenmengen und offenen Räumen. Und ausgerechnet Sigmund Freud, der Begründer der Psycho­analyse, lieferte nicht nur Beschreibungen von Panikattacken, er litt auch selbst darunter.

„Panikattacken treten sehr häufig erstmals nach Situationen auf, die mit Stress einhergehen, z. B. nach einer Trauma-Erfahrung , weil man etwa einen geliebten Menschen verloren hat“, erklärt Marksteiner.

Das Schlimmste für die Patienten sei oft die Angst vor der Angst. Wann kommt der nächste Anfall? Bin ich unter Menschen oder alleine? Der Rat, in solchen Situationen an etwas Schönes zu denken, hilft nicht. Betroffene entwickeln dann oft eine Vermeidungsstrategie, um bestimmten Situationen aus dem Weg zu gehen. Sie verzichten auf schwere körperliche Betätigung oder Kaffee, um den Puls nicht ansteigen zu lassen, bleiben bestimmten Orten fern und geraten immer mehr in einen Teufelskreis aus Angst und Vermeidung. Dabei ist genau die Vermeidung die falsche Taktik.

Dustin Hoffman musste aufgrund von Panikanfällen seine Karriere unterbrechen.
Dustin Hoffman musste aufgrund von Panikanfällen seine Karriere unterbrechen.
- AFP/AP/Reuters

Sich der Angst stellen

Die Chancen, diesen Teufelskreis zu durchbrechen, stehen Gott sei Dank gut. „Es gibt mehrere Behandlungssäulen, bestehend aus medikamentöser Therapie, Psychotherapie, Entspannungstherapie und Bewegung“, erklärt Marksteiner. Als Arzt müsse man immer genau schauen, was für den Patienten am besten passt. Die Kunst einer guten Therapie sei es, die Panik abzufangen, bevor die Lage eskaliert. Eines der therapeutischen Prinzipien beruhe darauf, den Patienten mit seinen Ängsten zu konfrontieren, ohne ihn dabei zu überfordern. Dabei lernt der Betroffene, sich eine bestimmte Situation bildlich vorzustellen und sich Schritt für Schritt seiner Phobie zu stellen. Im Ernstfall sollen diese Gedanken abgerufen werden. „Dies umzusetzen, funktioniere allerdings nur durch hartes Training,“ sagt Marksteiner. Und es braucht viel Mut.

Wenn der Patient dann aber spürt, dass ihm die Angst nicht entgleitet und er diese aushalten kann, weil er sich sicher ist, dass sie auch wieder verschwindet, dann erzeugt dies ein Gefühl der Stärke. Denn man erkennt: Diesmal hat die Angst nicht gewonnen.

Barbra Streisand hatte jahrelang Panik davor, auf der Bühne aufzutreten.
Barbra Streisand hatte jahrelang Panik davor, auf der Bühne aufzutreten.
- AFP/AP/Reuters



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