Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 27.07.2017


Gesundheit

Warum zu viel Medizin krank macht

Unnötiges Röntgen, vorschnelle Antibiotika-Gabe und Krebsvorsorge, die aus Gesunden Kranke macht. Eine der Nebenwirkungen der heutigen Zeit heißt Übertherapie. Dabei wäre Abwarten oft die bessere Medizin.

Überdosis Medizin. (Symbolfoto)

© iStockphotoÜberdosis Medizin. (Symbolfoto)



Von Nicole Strozzi

Innsbruck – „Wenn ich von den wirklich Kranken leben müsste, würde ich verhungern“, gibt der Allgemeinmediziner Günther Loewit offen zu. 80 Prozent seiner Tätigkeit bestehen nämlich darin, seine Patienten zu beruhigen und ihnen den Rat zu geben, erst einmal abzuwarten.

Es gibt natürlich viele gute und ernste Gründe, um zum Arzt zu gehen. Dass immer mehr Patienten die Arztpraxen oder Ambulanzen bereits beim kleinsten Schnupfen einrennen, ist allerdings ein neueres Phänomen. Die Menschen haben verlernt, Geduld zu haben und auf ihren Körper zu hören. „Wir haben keine Zeit mehr zum Kranksein. Alles muss sofort sein, aus Symptomen wird sofort eine Diagnose gemacht“, weiß der gebürtige Tiroler. Doch so ein Infekt darf dauern. Acht bis zehn Tage, um genau zu sein.

Hausarzt Günther Loewit.
Hausarzt Günther Loewit.
- Murauer

Viel zu schnell werden Antibiotika verschrieben, viel zu schnell werden heutzutage bei Bauchschmerzen Mägen gespiegelt, viel zu viele Rücken geröntgt. „Der Großteil der bildgebenden Untersuchungen der Halswirbelsäule ist unnötig“, sagt der Hausarzt und Autor („Wie viel Medizin überlebt der Mensch?“). Studien zeigen, dass bei fast 90 Prozent der Betroffenen akute Kreuzschmerzen innerhalb von sechs Wochen von alleine verschwinden. Doch Patienten wollen am liebsten sofort in die „Röhre“, weil sie der Technik mehr vertrauen als dem Arzt, der sie abtastet.

Irgendeine Auffälligkeit, die weitere (vielleicht sogar unnötige) Therapien nach sich zieht, wird dann meistens entdeckt. „Wir müssen nur genug Untersuchungen machen, dann finden wir bei jedem etwas. Ich sage immer: Es gibt keine gesunden Menschen, nur schlecht untersuchte“, so Loewit. „Und wenn man nichts findet, dann misst man den Vitamin-D-Spiegel, denn einen solchen Mangel haben fast alle.“ Laborwerte können sich allerdings verändern, in der Hormondiagnostik sogar innerhalb von drei Stunden, weiß der Arzt. Heute im Normalbereich, morgen darüber. Heute gesund, morgen krank. Die Folge: zu viele überflüssige Untersuchungen, zu viele Therapien, zu viele Kosten, die entstehen.

Doch Loewit muss die Patienten entschuldigen: „Die moderne Medizin ist zu einem religiösen Geschäftsmodell geworden, in dem Angst verbreitet wird.“ Googelt man im Internet seine Symptome, kommt man letzten Endes immer auf eine schreckliche Diagnose. Doch nicht hinter jedem Wehwehchen steckt gleich eine ernsthafte Krankheit.

Wissenschafter Uwe Siebert.
Wissenschafter Uwe Siebert.
- UMIT

Die Gefahr der Überdiagnose und Übertherapie kennt man auch in der Krebsvorsorge. Eine aktuelle Studie von Tiroler Wissenschaftern der UMIT, des Oncotyrol-Zentrums, der Med-Uni Innsbruck und der Uni Toronto wirft ein kritisches Licht auf Früherkennungsuntersuchungen von Prostatakrebs. „Diese Screenings bergen nämlich nicht nur Chancen, sondern auch Risiken“, erklärt UMIT-Wissenschafter und Harvard-Professor Uwe Siebert. Durch die frühe Untersuchung könnten nämlich harmlose oder nur langsam wachsende Tumore entdeckt und behandelt werden, die der Patient zu Lebzeiten gar nie bemerkt hätte.

Nach Schätzungen der Studie würden bis zu acht von zehn der entdeckten Prostata-Tumoren den Männern keine Probleme bereiten. Therapie-Nebenwirkungen wie Impotenz, Inkontinenz oder Darmbeschwerden hingegen sehr wohl.

„Auf der einen Seite können Männer von der Vorsorge profitieren“, betont Projektkoordinator Nikolai Mühlberger. Man kann damit Leben retten. „Es gibt aber auch Männer, welche überhaupt keine Behandlung benötigen. Und diesen Männern geht eventuell Lebensqualität verloren.“ Das Dilemma: Es gibt noch keinen Marker, der vorhersagt, ob es sich um einen unbedeutenden Tumor handelt oder um einen bösartigen. Experten sind sich daher nicht einig, ob gesunde Männer an der Früherkennung teilnehmen sollen oder nicht.

Die Fachleute plädieren bei der Prostatakrebs-Früherkennung jedenfalls für ein individuelles Vorgehen. Das heißt, dass persönliche Risikofaktoren und Bewertungen in die Entscheidung miteinbezogen werden sollen. Zum Beispiel: Besteht aufgrund einer familiären Vorbelastung ein erhöhtes Krebsrisiko und wie schwerwiegend werden die möglichen Nebenwirkungen individuell empfunden?

Das ärztliche Aufklärungsgespräch ist das A und O. Dann heißt es gemeinsam entscheiden, ob der Nutzen der Vorsorgeuntersuchung für den Einzelnen den möglichen Schaden überwiegt und ob im Falle einer Diagnosestellung besser sofort behandelt oder zunächst erst einmal beobachtet werden soll.