Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 10.08.2017


Exklusiv

Genitalverstümmelung: Die eigenen Töchter schützen

Weltweit gibt es 200 Mio. Opfer von Genitalverstümmelung. Einige Frauen werden an der Innsbrucker Klinik behandelt. Ohne richtige Betreuung drohen schwerste Komplikationen.

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Von Kathrin Siller

Innsbruck – Ein schreiendes Mädchen, dem auf einem staubigen Felsen Klitoris und Schamlippen abgeschnitten werden – diese Szene aus dem Film „Wüstenblume“, der wahren Geschichte des somalischen Topmodels Wari­s Dirie, hat sich ins Gedächtnis eingebrannt. Und zeigt eindrücklich, welche Qualen Mädchen, manchmal bereits als Neugeborene, erleiden müssen, nur weil es archaische Traditionen so wollen. „Denn mit Religion hat weibliche Genitalverstümmelung nichts zu tun. Einige der Betroffenen sind nämlich auch katholisch“, sagt Maja Wegener von der deutschen Organisation Terre de Femmes.

An der Innsbrucker Klinik werden immer häufiger beschnittene Mädchen und Frauen – vor allem aus Somalia und Eritrea – behandelt, berichten Angela Ramoni und Alexandra Ciresa-König, Oberärztinnen an der Innsbrucker Universitätsklinik für Frauenheilkunde. Als Ciresa-König vor zehn Jahren die erste diesbezügliche Fortbildung abhielt, wurde sie belächelt, heute finden derartige Seminare regelmäßig statt. Immerhin ist alleine in Deutschland die Zahl der beschnittenen Frauen im Zuge der Aufnahme zahlreicher Flüchtlinge seit Ende 2014 um etwa ein Drittel gestiegen. Nicht zu vergessen: Viele Mädchen flüchten ja genau vor der Beschneidung.

„Die Patientinnen kommen zum Teil mit einer vollkommenen Destruktion des äußeren Genitales, die Klitoris wurde entfernt, die Schamlippen vernäht“, erklärt Ciresa-König. Übrig bleibt eine fünf Millimeter große Öffnung.

Das Trauma ist schwerwiegend, aber oft gar nicht bewusst, da die Beschneidungen vorwiegend im Kleinkindalter passieren. Der erste Geschlechtsverkehr führt zum nächsten Schock. Nicht selten würden Männer in den Herkunftsländern für die Hochzeitsnacht mit einem Messer „ausgestattet“.

Die Frauen selbst sprechen meist allerdings nicht von FGM (Female Genital Mutilation, also weiblicher Genitalverstümmelung), sondern davon, „geschnitten“ worden zu sein. Bei ihrer Behandlung ist besondere Sensibilität gefragt. Ramoni und Ciresa-König möchten sie nie mit Ratschlägen überfahren, selbst wenn es aus medizinischer Sicht das Beste wäre, die Genitalien „zu korrigieren“.

Ohne Verständnis für ihre Kultur können Mediziner nämlich keine Bindung zu den Patientinnen aufbauen. „Wenn der behandelnde Arzt beim Anblick der Genitalien erschreckt dreinschaut, könnten das die Frauen als Erniedrigung empfinden“, meint Ciresa-König, die viele Patientinnen bereits vor dem ersten Geschlechtsverkehr wieder „öffnet“. „Das ist ein kleiner Eingriff. Allerdings müssen wir die Frauen auf das Ergebnis vorbereiten, denn sie sehen danach natürlich anders aus.“

Ramoni behandelt die Frauen vor allem während und nach der Geburt: „Es ist möglich, in einem einfachen Eingriff bereits in der Schwangerschaft eine ausreichende Eröffnung des Geburtskanals durchzuführen. Ohne die richtige Behandlung käme es oft zu starkem Blutverlust oder Wundheilungsstörungen. In Afrika werden Wöchnerinnen nach der Geburt oftmals wieder zugenäht. Bei uns kommt das nicht in Frage. Einen Kaiserschnitt nur aufgrund der Beschneidung durchzuführen, ist nicht indiziert.“

Entgegen vielen Vorurteilen sind es gar nicht die Männer, sondern die Schwiegermütter, die sich eine „reine“ Braut für ihre Söhne wünschen. „Die Männer, die wir erlebt haben, sind einzig am Wohlergehen ihrer Frauen interessiert“, stellt Ramoni klar.

Und auch jene Mütter, die nach Tirol kommen, möchten ihren Kindern die selbst erlebte Qual ersparen. „In ihren Herkunftsländern ist der gesellschaftliche Druck aber leider stärker als die Intuition, sein Kind vor Verletzungen zu schützen“, so Ciresa-König.

Deswegen spricht die Ärztin alle betroffenen Mütter auf das Thema an, bei Sprachproblemen auch mithilfe von Videodolmetschern, die selbst seltene somalische Dialekte übersetzen können. „Es kam etwa auch schon eine Frau mit ihrer Tochter in die Ambulanz, welche als Baby beschnitten worden war, aber nichts davon wusste. Das Mädchen hatte unter den vernähten Schamlippen mandarinengroße Talgzysten und deshalb große Menstruationsschmerzen.“ Eine heikle Situation, weil das Kind erstmalig von seiner Beschneidung erfuhr. Die Mutter versicherte vollkommen aufgewühlt, dass sie kein Kind mehr beschneiden lassen würde.

Während in Deutschland aktuell bis zu 5500 Mädchen von Genitalverstümmelung bedroht sind und dafür etwa auf „Heimaturlaub“ geschickt werden, ist die Situation in Österreich derzeit noch weniger kritisch, weil es keine großen Communitys aus z. B. afrikanischen Ländern gibt. Hierzulande kann eine Genitalverstümmelung mit bis zu zehn Jahren Freiheitsentzug geahndet werden. Wichtiger als alle Strafen bleibt aber die Aufklärung der Mütter, damit sie ihre Töchter vor dieser barbarischen Tradition bewahren.