Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 24.08.2017


Gesundheit

Von BSE bis Fipronil: Keine Angst vor dem Essen

In regelmäßigen Abständen verunsichern Lebensmittelskandale wie der aktuelle Fipronil-Fall die Bevölkerung. Nicht immer ist jedoch die Gesundheit in Gefahr.

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Von Theresa Mair

Innsbruck — Rinderwahnsinn, Schummelschinken, Gammelfleisch und jetzt kursiert das vermeintliche Gift-Ei in Europa. Kaum ist ein Lebensmittelskandal ausgestanden, wird bereits der nächste bekannt. So scheint es zumindest. Dabei hat sich gezeigt, dass nicht jeder — noch so große — Lebensmittelbetrug gesundheitliche Gefahr bedeutet. Wortkreationen wie „Gammelfleisch" oder „Gift-Ei" sorgen jedoch für Verunsicherung.

Die AGES-Infoline zu Fipronil haben bisher rund 100 Anrufer kontaktiert, wie Ingrid Kiefer von der österreichischen Agentur für Ernährungssicherheit (AGES) sagt. „Die Menschen können das Risiko nicht einschätzen", so die Expertin des Fachbereichs Risikokommunikation. Das Problem sei, dass in der öffentlichen Wahrnehmung nicht unterschieden werde, ob nun ein tatsächliches — gesundheitliches — Risiko besteht oder nicht. „Skandal bleibt Skandal. Ein vermeintliches Risiko wird genauso bedrohlich empfunden wie ein reales", so Kiefer.

Küchenhygiene das A und O

„Zudem haben die meisten Konsumenten kaum eine Ahnung davon, wie Lebensmittelproduktion funktioniert", sagt ihr Mitarbeiter Werner Windhager. Wie der aktuelle Fipronil-Fall zeigt, würde zwar getrickst. „Das ist verboten, gesundheitsschädlich ist es aber nicht", verdeutlicht Windhager (Anm. in den nachgewiesenen Mengen).

Genau das würden die Menschen aber oft vermischen. Heraus kommt dann Folgendes: Aus Insektengift-Rückständen im Ei wird das „Gift-Ei" und damit der Eindruck erweckt, dass Eier gefährlich sind — was aber nicht stimmt.

Viel riskanter als z. B. die Rückstände von Pflanzenschutzmitteln seien hingegen krankmachende Viren und Bakterien. Wer mit rohem Geflügelfleisch oder Ei hantiere, müsse z. B. mit einer Belastung durch Salmonellen oder Campylobacter rechnen — sorgfältige Küchenhygiene sei daher sehr wichtig. Allerdings würde diese Gefahr von vielen Konsumenten unterschätzt. „Grundsätzlich gilt: Lebensmittel in Österreich sind sicher", hält Kiefer fest — das zeigen auch die vielen behördlichen Kontrollen.

Chronologie

BSE (Rinderwahn): Zwischen 2001 und 2010 gab es in Österreich acht BSE-Fälle bei Tieren. Seit 2012 ist Österreich als Land mit „vernachlässigbarem BSE-Risiko" eingestuft. Es gibt keinen Fall von Creutzfeld-Jakob in Österreich.

Der Gammelfleisch-Skandal wird 2007/08 aufgedeckt. Ebenfalls 2008 wurden Grenzwertüberschreitungen von Dioxin in Schweinefleisch aus Irland festgestellt. Keine Toten.

Von Schummelschinken und Analogkäse geht keine Gesundheitsgefahr aus, doch sie müssen seit 2009 gekennzeichnet werden.

Der Quargel einer steirischen Firma ist 2010 mit Listerien belastet, acht Menschen sterben.

Infolge von EHEC-Infektionen sterben 2011 insgesamt 53 Menschen in Europa. Der Erreger wurde auf Bockshornkleesamen aus Ägypten nachgewiesen.

Der Pferdefleisch-Skandal wird 2013 aufgedeckt.

Bei einem Salmonellen-Ausbruch erkranken 2014 allein in Tirol 69 Menschen, ein Mann stirbt in Tirol. Als Infektionsträger wurden Käfigeier der Firma Bayern-Ei ermittelt.

Europäische Vernetzung

Bei 44.527 Betriebsprüfungen im Jahr 2016 in Milcherzeuger- und Fleischbetrieben wurden 26.844 Proben genommen. 83,1 Prozent davon waren einwandfrei. 0,5 Prozent wurden als gesundheitsschädlich bewertet und 3,6 Prozent „als für den menschlichen Verzehr ungeeignet" beurteilt. „Am häufigsten wurden aber Kennzeichnungsmängel oder irreführende Angaben beanstandet", weiß Kiefer.

Die AGES wurde übrigens wie alle Lebensmittelagenturen in den EU-Mitgliedsstaaten Anfang der 2000er-Jahre in Konsequenz auf den BSE-Skandal der 1990er-Jahre in Großbritannien gegründet. „Die ganze EU-Lebensmittel-Sicherheitspolitik hat sich daraufhin geändert", schildert Windhager.

Durch die bessere Vernetzung und die Einführung eines Schnellwarnsystems würden sofort alle Mitgliedsstaaten informiert, wenn man bei amtlichen Lebensmittelkontrollen auf ein mögliches Gesundheitsrisiko oder verbotene Vorgänge stößt. Dies erleichtert die Rückverfolgung von Waren. Mit Lieferlisten und Chargennummern kann die Behörde gezielt in Betrieben nach betroffenen Produkten suchen, Produktwarnungen sowie Rückrufaktionen veranlassen.

Die europäische Vernetzung habe aber auch dazu beigetragen, dass die Öffentlichkeit besser informiert ist und ihr nichts verheimlicht werden kann, sagt Windhager. Auch wenn dann letztendlich oft nichts so heiß gegessen wie gekocht wird.