Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 19.10.2017


Gesundheit

Verhaltenstherapie: Nett zu sich selbst sein

Gedanken und die Reaktion darauf spielen eine große Rolle bei vielen psychischen Erkrankungen. Ein Innsbrucker Experte erklärt, was die Verhaltenstherapie leisten kann.

Wenn man sich vor Panik nur noch verkriechen möchte, kann eine Verhaltenstherapie sinnvoll sein.

© iStockWenn man sich vor Panik nur noch verkriechen möchte, kann eine Verhaltenstherapie sinnvoll sein.



Von Theresa Mair

Innsbruck – Es ist Nacht, niemand sonst ist im Haus. Plötzlich schlägt ein Fenster im Erdgeschoß. Was ist passiert? Könnte es ein Einbrecher sein? Oder man schiebt es doch nur auf den Wind, der in alle Ritzen fährt. Je nachdem, wie man eine Situation wahrnimmt – was man dabei fühlt und tut –, ist sie eine Bedrohung oder völlig harmlos. Das kennt jeder. Wenn negative Gedanken aber häufig und heftig auftreten, dann sind sie behandlungsbedürftig.

Bei der Kognitiven Verhaltenstherapie stehen Gedanken und Verhalten im Zentrum. „Menschen mit Depressionen, Ängsten, Zwängen oder Borderline-Störungen leiden unter ihren besonders negativen Gedanken“, erklärt Horst Mitmansgruber von der Uniklinik für Medizinische Psychologie und Psychotherapie in Innsbruck. Sie halten sie für wahr. Beispiele für solche Überzeugungen: „Ich bin ein totaler Versager!“ (Depression), „Mein starkes Herzklopfen könnte bedeuten, dass ich einen Herzinfarkt bekomme“ (Panikstörung) oder: „Ich könnte mich und andere mit Keimen infizieren und krank machen!“ (Zwangsstörung).

„Eine Veränderung des Denkens ist notwendig, damit die Betroffenen wieder gesund werden können“, nennt Mitmansgruber die Wurzel, an der es anzusetzen gilt. Das klingt alles sehr einfach, ist es aber nicht. Der Experte weiß, dass es Patienten oft sehr viel Überwindung gekostet hat, ihr Problem therapeutisch anzugehen. Bei der Angst vor krankmachenden Keimen etw­a kann es anfangs eine schier unüberwindbare Hürde sein, freiwillig öffentliche Türklinken anzufassen.

Doch daran führt kein Weg vorbei: „Die Verhaltenstherapie ist bei vielen Störungsbildern die am besten überprüfte Behandlungsform. Während bei Depression noch andere Therapierichtungen wirksam sind, ist bei Zwangserkrankungen die Verhaltenstherapie letztlich notwendig“, sagt Mitmansgruber. Das Problem wird mit dem Therapeuten erarbeitet, die Betroffenen lernen, sich genau zu beobachten und ihre Gedanken kritisch zu überprüfen.

Zuletzt wird mit negativen Grundannahmen über sich selbst gearbeitet. Darunter versteht man z. B. die Überzeugung, minderwertig zu sein. „Diese Annahmen entstehen bereits in der Kindheit in Menschen, die in einem schwierigen Umfeld aufgewachsen sind.“ Die Klienten entwickeln ein neues Bild von sich. Die Schlagworte sind Selbstakzeptanz, Selbstmitgefühl und Achtsamkeit. „Viele haben nicht gelernt, wie man nett mit sich selbst umgeht“, so Mitmansgruber.

Meistens verläuft die Therapie in Einzelsitzungen. An der Klinik gibt es aber auch Gruppenangebote, u. a. für Menschen mit einer Borderline-Störung, die sich dort austauschen können. „Im Skills-Training lernen sie mit ihren starken Stimmungsschwankungen umzugehen und was sie tun können, wenn sie unter Hochspannung stehen.“

Eine Schablone, die auf alle angewandt wird, gibt es natürlich nicht. Jemand, der Depressionen hat, braucht etwa anderes als einer, der seine ganze Freizeit mit Computerspielen zubringt. Bei einem alkoholkranken Menschen sind die Therapieschritte anders angelegt als bei jemandem, der am Asperger-Syndrom leidet und sich daher mit zwischenmenschlichen Kontakten schwertut. Mit solchen Unterschieden beschäftigt sich die wissenschaftliche Tagung der Arbeitsgemeinschaft für Verhaltensmodifikation (AVM), die heute in Innsbruck beginnt. Mitmansgruber hat das Programm zusammengestellt. „Es sind Spezialthemen, die im niedergelassenen Bereich eine immer wichtigere Rolle spielen.“

Wenn ein Problem an einem nagt, man nicht mehr aus dem Grübeln kommt und sich nicht sicher ist, welche Therapie die richtige ist, rät der Experte, sich an den Hausarzt zu wenden. Zur ersten Abklärung steht die Ambulanz der Medizinischen Psychologie und Psychotherapie offen. Die AVM und die Österreichische Gesellschaft für Verhaltenstherapie helfen beratend weiter.

Achtung! Muster

„Bitte um Ihre Unaufmerksamkeit“ ist das Thema der AVM-Tagung, die vom 19. bis 22. Oktober im Haus der Begegnung (Rennweg 12, Innsbruck) stattfindet.

Neun Experten aus dem deutschsprachigen Raum erläutern aktuelle Herausforderungen in der Verhaltenstherapie anhand von ADHS bei Erwachsenen, Asperger-Syndrom, Tics, bipolarer Störung und weiteren Störungsbildern. Die Vorträge sind für die Öffentlichkeit zugänglich, Workshops für Fachpublikum. Programm und weitere Infos unter: www.tagung-avm.at