Letztes Update am Do, 02.11.2017 12:28

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Gesundheit

Wenn der Riechsinn plötzlich ausfällt

Der Duft von Tee und Zimtkeksen zählt zu den kleinen Freuden im Herbst, bis eine Verkühlung dazwischenkommt. Doch was tun, wenn eine Riechstörung hartnäckig wird? Ein Experte gibt Auskunft.

© iStock(Symbolfoto)



Von Sabine Strobl

Menschen können Tausende verschiedene Gerüche unterscheiden. Manche nutzen diese Fähigkeit, lassen sich zum Sommelier ausbilden oder kreieren ein Parfum. Aber auch für uns Normalmenschen leistet das olfaktorische Netzwerk wichtige Dienste, es versetzt uns beim Duft unseres Lieblingsessens in Verzückung, warnt aber auch vor Verdorbenem. „Drei Prozent unserer genetischen Ausstattung beschäftigen sich nur mit dem Riechen. Der Geruchssinn ist der ältes­te und ursprünglichste Sinn“, sagt Herbert Riechelmann, Direktor der Hals-, Nasen- und Ohrenklinik in Innsbruck. Auch wenn wir Menschen die Nase heute hoch tragen, meldet der Geruchssinn Gefahr durch Feuer, lässt den richtigen Partner fürs Leben erschnuppern und hilft dem Säugling, die Mutterbrust zu finden. Der Geruchssinn ist mit den ältesten Teilen des Hirns, mit dem vegetativen Nervensystem, verknüpft. Das heißt, so manch ein Riecheindruck kann Schwindel oder Übelkeit auslösen. „Der Riechsinn geht in tiefe Areale des menschlichen Seins“, stellt Riechelmann fest.

Die Himbeere herausriechen

Wenn Menschen bei sich eine spürbare Einschränkung des Riechsinns beobachten, können sie ihren Riechsinn austesten lassen. Wie Riechelmann beobachtet, ist dann oft auch von einem verloren gegangenen Geschmackssinn die Rede. Doch zwischen Geruchs- und Geschmacksstörung wird sehr genau unterschieden. Die Rezeptoren für die fünf Geschmacksqualitäten Süß, Sauer, Salzig, Bitter und Umami sind im Mund angesiedelt. Wobei der fünfte Geschmack, Umami, der für fleischig und würzig steht, von der Lebensmittelindustrie mittels Geschmacksverstärkern angesprochen wird. Natürlich spielt die Nase beim Essen eine große Rolle. Oben im Nasendach sitzen in der Riechschleimhaut die Riechsinneszellen. Auch beim Schlucken werden sie von der nach oben geleiteten Luft mit Duftstoffen konfrontiert. „Hier geht es um Aroma“, erläutert der HNO-Arzt, „Himbeereis und Erdbeereis können wir anhand des Aromas bestimmen. Erleiden wir einen Riechverlust, schmeckt das Eis einfach nur süß.“ Deshalb ist der häufiger auftretende Riechverlust nicht mit Geschmacksverlust zu verwechseln.

Eine der häufigsten Ursachen einer Geruchsstörung liegt darin, dass Luft nicht mehr an die Sinneszellen im Nasendach gelangt. (respiratorische Riechstörung). Dahinter können Schwellungen der Nasenschleimhaut, Polypen, chronische Nebenhöhlenentzündungen, Allergien, aber auch ein ganz banaler Schnupfen stehen. Für die Duftmoleküle ist der Weg versperrt. Man riecht nichts mehr, das Essen schmeckt nicht mehr.

Sind die hochspezialisierten Riechsinneszellen beschädigt worden, spricht man von einer sensorischen Riechstörung. Eine häufige Ursache ist hier die Schadstoffexposition. Auch schwere virale Erkrankungen können zur Schädigung der Sinneszellen führen. Zudem kann das Alter dem Riechsinn wie anderen Sinnen auch zusetzen.

Der vernachlässigte Sinn

Noch eine Etage höher liegen neurale Riechstörungen. Unfälle hinterlassen viele Spuren. So können bei einem schweren Aufprall des Kopfes Riechnervenfasern abreißen und zu Riechverlust führen (posttraumatische Ansomie). Wie Riechelmann weiter erklärt: „Wichtig ist, dass die Degeneration von Sinneszellen und Nervenfasern häufig in Verbindung mit anderen Erkrankungen wie Schizophrenie, Alzheimer und Parkinson auftritt.“ Riechstörungen können ein Vorbote dieser neurologischen Erkrankungen sein.

Der Riechsinn ist der vernachlässigte Sinn. Auch wenn beim Geruchssinn nicht so viel Aufsehen gemacht wird wie beim Auge und beim Ohr, wird eine Beeinträchtigung meist als Verlust von Lebensqualität empfunden. Ein Riechtest verschafft Klarheit über die Hintergründe. Dabei werden Riechschwelle, die Fähigkeit unterschiedliche Gerüche wahrzunehmen und das Geruchsgedächtnis etwa an Kaffee, Nelke oder Zimt überprüft. Respiratorische Störungen von Polypen bis zur Nebenhöhlenentzündung lassen sich mit Medikamenten und im Bedarfsfall mit einer kleinen Operation behandeln.

Sind die Sinneszellen betroffen, gestaltet sich die Behandlung schwieriger. Der Trost: Riechsinneszellen sind die einzigen Nervenzellen des Körpers, die nachwachsen können. Es gibt mittlerweile etwa gute Daten zu Riechtrainings. Ein Riechset hilft hier, die Sinneszellen zu „fordern und zu fördern“.

Noch ein Tipp: Kein Laborgerät ist so empfindlich wie die menschliche Nase. Bewusst genießen ist zwischendurch angesagt.




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