Letztes Update am So, 05.11.2017 07:12

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Trenddiäten

Sich ein Leben lang auf Diät setzen

Schon die alten Ägypter übten sich im Fasten. Heute ist das Angebot an Diäten unüberschaubar. Doch wo bleibt das Gespür, in Zeiten des Überflusses für sich sorgen zu können? Mit einem Faktencheck von Trenddiäten.

© iStockSchlank, gesund und schön. Viele Menschen jagen einem unerreichbaren Ideal hinterher. Doch statt Erfolg stellt sich Frust ein.



Von Sabine Strobl

Viele Frauen wie Männer kämpfen ein Leben lang mit ihrem Gewicht. Immer wieder verordnen sie sich Diäten. Das kos­tet Kraft und Geld. Doch das Idealbild von schlanker Schönheit, Gesundheit und innerer Ausgeglichenheit bleibt oft unerreicht. „Je mehr Diäten am Markt sind, desto mehr steigt das Gesamtgewicht der Bevölkerung. Eine Diät funktioniert für kurze Zeit, gefolgt von Heißhungerphasen und dem Rückfall in die alten Essgewohnheiten. Der Umgang mit Lebensmitteln in Zeiten des Überflusses scheint uns herauszufordern“, beobachtet Karin Ratschiller, Diätologin in Innsbruck.

Dabei sind Diäten keine Erfindung der heutigen Gesellschaft. Schon die alten Ägypter übten sich in Enthaltsamkeit, weiß die Ernährungs­expertin. „Diät stammt ursprünglich aus dem altgriechischen „diaieta“ und wird mit gesundem Lebensstil gleichgesetzt, der auf den Säulen Ernährung, Bewegung, Erholung und Psychohygiene stand. Im Grunde genommen ging es in einer Zeit der Enthaltsamkeit darum, sich und seine Mitte zu spüren.“ Dieser Balanceakt ist über Religionen und Jahrhunderte hinweg ein Ziel geblieben.

Kleidergrößen und Diätkonzepte

Um 1900 herum wurden die Kleidergrößen eingeführt und bald darauf die ersten Diäten propagiert. Das Konzept beruht meist darauf, eine der großen Nährstoffgruppen Fett, Eiweiß oder Kohlehydrate zu verbannen. „Dadurch wird anfangs die Kalorienzufuhr meist reduziert“, betont Ratschiller. Es herrschte eine lange Phase vor, in der Fette eliminiert wurden. Mittlerweile weiß man um die Notwendigkeit qualitätvoller Fette. Dann wurde das Eiweiß verbannt, dann wieder die Kohlehydrate. Eier- und Kohlsuppendiäten machten die Runde ebenso wie Kaffeesudeinläufe und Bluttests, welche Lebensmittel sich individuell zum Abnehmen eignen. Stilikone Kaiserin Sisi betrieb Hochleistungssport und unterzog sich Hungerkuren. Ihr Gewicht von 46,6, Kilo bei einer Größe von 172 ist verbrieft. Die weltweit gefeierte Sopranistin Maria Callas ließ sich einen Bandwurm einsetzen und magerte ab. Das erste Supermodel Twiggy wurde in den 60er-Jahren für die spindeldürre Figur gefeiert. Modeschöpfer begannen, die ewige Jugend mit flachbrüstigen und schmalen Models zu feiern. Irgendwann schaltete sich Barbie mit Oberweite ein. Und Schauspielerin Pamela Anderson ließ sich für eine schmalere Taille zwei Rippen entnehmen.

Der große Rest der Gesellschaft eiferte mit Abnehmkuren ihren Vorbildern nach. „Unser Körper hält drei, vier Wochen die kuriosesten Diäten aus. Die Gefahr liegt aber darin, dass man bei all den Diäten das Vertrauen in die eigenen Bedürfnisse verliert. Das heißt, auswählen zu können, was mir guttut.“ Ratschiller schätzt, dass 95 Prozent der Diäten nicht nach Wunsch funktionieren.

Dem kann Martina Santer, Diätologin beim Arbeitskreis für Vorsorgemedizin und Gesundheitsförderung in Tirol (Avomed) nur beipflichten. „Diäten zur Gewichtsreduktion gibt es wie Sand am Meer.

Zur dauerhaften Bikinifigur führen die wenigsten. Oft sind die propagierten Konzepte nur als kurzfristige Maßnahme angelegt, einseitig in der Lebensmittelauswahl oder sie widersprechen anerkannten wissenschaftlichen Erkenntnissen.“ Im ungünstigsten Fall sind auch gesundheitliche Schäden zu erwarten, weil die Lebensmittelauswahl zu einseitig oder die Kalorienreduktion zu radikal ist.

Die Frage, warum Diäten meist nur kurzzeitig Wirkung zeigen, lässt sich klären. Werden viele Lebensmittel weggelassen und damit die Auswahl minimiert, so isst man weniger. Santer: „Bei vielen funktioniert das Abnehmen damit auch. Zumindest anfangs. Und dann? Die Abbrecherquote ist hoch, vor allem, wenn viele Lebensmittel, die man gerne isst, verboten werden.“ Fazit der Ernährungsexperten: Eine Ernährungsform ist zum Abnehmen nur sinnvoll, wenn man sie über eine lange Zeit (gesundheitlich) durchhalten kann.

Berüchtigt: Der Jo-Jo-Effekt

Ein weiterer Knackpunkt ist die Kalorienreduktion. Der Tagesbedarf eines aktiven Menschen liegt bei 2000 Kalorien und mehr. Bei vielen Diäten beträgt die Energiezufuhr unter 1000 Kilokalorien pro Tag. „Diese knappe Kost führt zwar dazu, dass man in kürzester Zeit relativ viel Gewicht verliert. Der Gewichtsverlust beruht aber zu einem großen Teil auf Wasserverlusten und dem Abbau von Muskelprotein. Die gewünschte Verringerung des Fettgewebes hält sich in Grenzen.“

Viele Menschen sind kurze Zeit nach einer Diät mit einem höheren Gewicht als zuvor konfrontiert. Der gefürchtete Jo-Jo-Effekt tritt ein. Warum? Bei einer Diät greift der Körper bald auf die Eiweißreserven in den Muskeln zurück, der Grundumsatz von Energie sinkt. Atmung, Herzschlag und auch Temperaturregulation werden auf Sparflamme gebracht. „Eine Diät ist aus Sicht des Körpers nichts anderes als eine ‚Hungersnot‘“, sagt Santer. Danach steht wieder mehr Energie zur Verfügung, die in Fettpölster investiert wird.

Ab durch die Mitte

Die Veranlagung zu Übergewicht ist unbestritten. Hinzu kommen ungünstige Lebens- und Ernährungsformen. Es gibt kein Patentrezept, um das Wunschgewicht zu erreichen, doch Grundregeln. Wie Santer festhält, helfen eine ausgewogene Ernährung und viel körperliche Bewegung, Adipositas und Folgeerkrankungen zu verhindern. „Abnehmen können nur diejenigen, die moderat weniger Kalorien zuführen, als der Körper verbraucht. Um das Körpergewicht zu halten, müssen die Energiezufuhr und der Energieverbrauch ausgeglichen sein.“

Da von Schönheitsidealen die Rede war, vergleicht Ratschiller den Körper mit einem flotten Ferrari, der aber Treibstoff, sprich Kohlehydrate, Eiweiße und Fette, braucht. Sie rät dazu, einen Blick auf die Tischkultur zu werfen und im Tagesverlauf zumindest drei „Energietankstellen“ (Mahlzeiten) in angenehmer Gesellschaft einzubauen. Ein „gesunder Teller“ besteht z. B. zur Hälfte aus Gemüse und Salat, einer Faust Beilagen, einer Faust Eiweiß, einem Esslöffel gesunden Öls. Ja, und einer kleinen, feinen süßen Genuss­portion.

Trenddiäten

Detox-Kuren

Das kommt auf den Teller:

Entschlacken bzw. Detoxing ist schwer im Trend. Hier heißt es, einige Tage auf verarbeitete Lebensmittel, aber auch auf Zucker, Weißmehl, Gluten oder Hefe zu verzichten. Auf eine Darmentleerung folgen Obst- und Gemüsetage (Rohkostsäfte). Tees und Massagen belgeiten die Diät.

Hinter der Idee:

Während Detox-Kuren soll der Körper auch schädliche Substanzen wie Alkohol, Medikamente und Umweltgifte abbauen. Wie Diätologin Martina Santer festhält, gibt es keine wissenschaftlichen Beweise für das Ausscheiden von Giftstoffen.

Low-Carb-Programme

Das kommt auf den Teller:

Das bekannteste Beispiel dieser Reduktionsdiät ist die Atkins-Diät: Kohlehydrate (sie machen meist 50 Prozent aus) werden stark reduziert. Eiweiß und Fett werden ohne Einschränkung verzehrt, Brot und Kartoffeln weggelassen.

Hinter der Idee:

Das Low-Carb-Konzept ist beliebt. Ein hoher Eiweißanteil wirkt sättigend, fette Speisen sind erlaubt. Studien zeigen, dass Low Carb auf kurze Zeit effektiv sein kann, bei längerer Anwendung relativieren sich die Erfolge jedoch. Vor extremen Ansätzen rät die Diätologin aufgrund der Einseitigkeit ab.

Steinzeit-Diät

Das kommt auf den Teller:

Paleo-Diät beinhaltet die Idee, dass sich der menschliche Organismus an das Nahrungsumfeld der Altsteinzeit genetisch angepasst hat. Es werden also viele Wildpflanzen und (Wild-)fleisch sowie Eier, Nüsse und Samen serviert.

Hinter der Idee:

Ernährungsexperten loben den Verzicht auf Süßigkeiten und Alkohol, kritisieren aber den hohen Fleischkonsum. Die Diät vernachlässigt die ausgewogene Nährstoffzufuhr. Auch die Annahme, dass nur Gene das Ernährungsverhalten prägen, ist für die Diätologin zu einseitig.

Intervalldiäten

Das kommt auf den Teller:

Beim alternierenden Fasten geht es um den Einbau von Fastentagen. An einem Tag wird etwa uneingeschränkt gegessen, am folgenden Tag wird nichts gegessen. An den Fastentagen gibt es Tee und Wasser.

Hinter der Idee:

Solche Methoden sind meist nur kurzfristig durchführbar, trotzdem können sie infolge der geringeren Kalorienaufnahme zu Gewichtsverlust führen. Experten halten die Methode für eine langfristige Gewichtsreduktion nicht für sinnvoll. Ein Problem ist die Leistungsfähigkeit an den Fasttagen.

Veganismus

Das kommt auf den Teller:

Veganismus ist absolut im Trend und die extremste Form von Vegetarismus. Veganer verzichten auf jegliche tierische Lebensmittel, auf Fisch, Fleisch, Milch, Eier und Honig.

Hinter der Idee:

Wie Studien zeigen, haben Veganer oft ein geringes Körpergewicht. Bei rein pflanzlicher Ernährung ist die Versorgung mit einigen Nährstoffen (Vitamin B12) jedoch schwierig. Für Schwangere, Stillende, Säuglinge, Kinder und Jugendliche empfiehlt die deutsche Gesellschaft für Ernährung vegane Kost nicht.




Kommentieren


Schlagworte