Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 27.01.2018


Exklusiv

Ärztin ohne Grenzen: Einsatz mit schweren Geburten

Michaela Duggan-Peer wollte immer schon zu „Ärzte ohne Grenzen“. Im krisenreichen Norden Pakistans hat die Frauenärztin um die 5600 Geburten in sechs Monaten begleitet – und stieß manchmal an ihre Grenzen.

© Michaela Duggan-PeerDie Geburt von Vierlingen war eine der ersten Herausforderungen zu Beginn ihres Einsatzes.



Von Theresa Mair

Innsbruck – Im großzügigen Vorraum zum Kreißsaal scherzen gut gelaunte Krankenschwestern und Pfleger miteinander. Eine Schwangere lässt sich auf einem der Sessel nieder. Ihr Mann tritt nervös von einem Bein aufs andere. Die kleine Tochter busselt die Mama unentwegt ab. Michaela Duggan-Peer geht zu der Frau hin, schüttelt ihr die Hand und wünscht der Familie: „Alles Gute für die Geburt.“ An die ruhige Atmosphäre, in der Männer und Frauen ungezwungen miteinander umgehen können, musste sich die Gynäkologin wieder gewöhnen. Duggan-Peer ist erst seit wenigen Tagen zurück an der Innsbrucker Klinik.

Zurück im weißen Kittel: Michaela Duggan-Peer ist erst vor Kurzem an die Innsbrucker Frauenklinik zurückgekehrt. Zuvor bestand ihre Arbeitsuniform auch aus einem Kopftuch.
- Foto Rudy De Moor / Tiroler Tage

„Es war schon vor dem Studium mein Traum, für ,Ärzte ohne Grenzen‘ einen Einsatz zu machen. Es ist alles so gekommen, wie ich es mir gewünscht habe“, erzählt die 36-Jährige. Vor gut eineinhalb Jahren bewarb sich die gebürtige Bad Ischlerin (Oberösterreich) bei der Nothilfe-Organisation. Einen Tag, nachdem sie die Unterlagen abgeschickt hatte, bekam sie das Angebot, in den Norden Pakistans zu gehen, um dort ein halbes Jahr lang die Leitung der Geburtenstation zu übernehmen.

Gynäkologen werden immer gebraucht, überall auf der Welt kommen Babys gleich auf die Welt. Nur die Umstände sind andere. In der rund 50.000-Einwohner-Stadt Timergara sind diese dramatisch: Regelmäßig wird die Grenzregion zu Afghanistan von Krisen erschüttert. Die Klinik in Timergara ist Anlaufstelle für eine Million Menschen in der Region. „Ärzte ohne Grenzen“ ist dort nach Fluten, Epidemien und gewalttätigen Konflikten seit Jahren quasi im Dauer-Noteinsatz. In diesem beklemmenden Klima haben die Freiwilligen auch unzähligen Babys auf die Welt geholfen.

„An der Innsbrucker Klinik werden jährlich rund 2600 Kinder geboren. In dem pakistanischen Krankenhaus kommen jedes Jahr mehr als 10.000 Babys auf die Welt – im Schnitt 30 pro Tag, auf drei Liegen im Kreißsaal“, vergleicht Duggan-Peer. Und es würden immer mehr. „70 Prozent sind noch Hausgeburten, aber es spricht sich herum, dass die Versorgung gut ist“, sagt die engagierte Medizinerin. Sie setzte sich deshalb für eine Aufstockung des Personals ein.

Ein Glücksmoment: Gleich zu Beginn des Einsatzes wurden Vierlinge geboren.
- Michaela Duggan-Peer

„Das Schöne bei ,Ärzte ohne Grenzen‘ ist, dass die Organisation noch immer so spontan ist. Jeder Einzelne kann etwas bewegen.“ So half Duggan-Peer beim Aufbau einer Family Planning Clinic, über die Frauen Zugang zu Verhütungsmitteln bekommen. Anfangs seien nur drei Frauen in dem Programm gewesen, am Ende ihres Einsatzes bereits 15. Die kleinen Erfolge zählen.

Arbeitsuniform mit Kopftuch: In Pakistan leitete Michaela Duggan-Peer eine Geburtsklinik im nördlichen Konfliktgebiet.
- Michaela Duggan-Peer

Denn Aufklärung ist in Pakistan schwer unter die Leute zu bringen. Vorsorgeuntersuchungen gibt es nicht. Die Schwangeren gehen oft erst für die Geburt in die Klinik. Häufig müssen die Ärzte um das Leben von Mutter und Kind kämpfen. Viele Babys haben Behinderungen, die man in Österreich kaum noch sieht, wie Wasserköpfe oder einen offenen Schädel.

„Manchmal war es schon frustrierend. Aber da muss man sich distanzieren, sonst kann man nicht mehr klar denken.“ Mit viel Sport und Yoga hat sich die Ärztin abgelenkt. Die Sicherheitsbestimmungen von „Ärzte ohne Grenzen“ sind streng, die Freiwilligen dürfen sich nur im Wohnbereich und an der Klinik frei bewegen.

Ein bisschen scheu sei sie schon geworden in der Zeit, in einem Land, in dem Frauen nur mit Burka das Haus verlassen dürfen und es ihnen verboten ist, neben Männern zu sitzen und sie zu berühren. Auf ihrer Ambulanz waren gar keine Männer erlaubt. Sie mussten in einem vom Haus getrennten Bereich die Geburt abwarten. „Als ich zurückkam, war es für mich anfangs komisch, ein Trägerleiberl anzuziehen.“

In Pakistan, wo es im Winter Minusgrade hat und im Sommer brütende 50 Grad heiß werden kann, hatte sie nur einmal die Gelegenheit, natürlich bekleidet, zu schwimmen. Das war eine willkommene Abwechslung und ein Fest für sie. Gerne erinnert sich die Frauenärztin auch an das Eid-Festival nach dem Fastenbrechen, bei dem sich alles um das Essen drehte. „Die Menschen in Pakistan sind sehr herzlich und sie teilen alles. Wenn wir einen Kuchen hatten, wurde der in winzige Stücke zerteilt, damit wirklich jeder etwas bekam.“

Nach drei Monaten machte die reiselustige Ärztin eine Woche Urlaub und besuchte ihren Mann Diarmuid, den sie während eines Ausbildungsjahrs in Irland kennen gelernt hat, in Afrika. „Er wusste, dass er mich nicht vom Einsatz abhalten kann. Er arbeitet selber monateweise in Nigeria“, erzählt sie. Für ihre Eltern sei es aber schwierig gewesen, sie gehen zu lassen. „Sie waren besorgt, haben meine Entscheidung aber akzeptiert und mich unterstützt.“ Das ist gut so.

Der Kreißsaal, in dem täglich 30 Babys auf die Welt kommen, besteht aus drei einfachen Liegen.
- Michaela Duggan-Peer

Denn der Einsatz in Pakistan soll nicht ihr letzter gewesen sein. Sie möchte jetzt Französisch lernen. „Im Kongo sollen die Kultur und die Menschen ganz außergewöhnlich sein.“


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