Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 30.03.2018


TT-Interview

Nicht nur Alte fühlen sich einsam

Einsamkeit ist ein Thema, das viele beschäftigt. Auch den deutschen Psychiater Manfred Spitzer, der in seinem Buch erklärt, dass Einsamkeit ansteckt und warum der Wald die beste Medizin ist.

Allein durch die Natur zu gehen, tut der Seele gut und verhindert Einsamkeit.

© Getty ImagesAllein durch die Natur zu gehen, tut der Seele gut und verhindert Einsamkeit.



In Ihrem Buch sprechen Sie von drei „Megatrends" in unserer Gesellschaft. Was hat es mit diesen Trends auf sich?

Manfred Spitzer: Es geht um die drei Trends zur Singularisierung, Urbanisierung und Mediatisierung. Diese sind objektiv nachweisbar: In Deutschland gibt es heute 3,5 Millionen mehr Single-Haushalte als vor 15 Jahren. Der Trend zur Urbanisierung ist seit über 100 Jahren nachweisbar: Lebten im Jahr 1900 nur 13 % der Weltbevölkerung in Städten, so sind es heute über 50 %; im Jahr 2050 werden es 70 % sein. Der Trend zur Mediatisierung ist ebenfalls global — unser Leben wird zunehmend medial bestimmt, d. h. wir erleben immer weniger unmittelbar und mehr „vermittelt".

Und was bedeutet dies für unsere Einsamkeit?

Autor und Psychiater Manfred Spitzer beschäftigt sich mit der Einsamkeit.
Autor und Psychiater Manfred Spitzer beschäftigt sich mit der Einsamkeit.
- Spitzer

Spitzer: Zunächst einmal ist es wichtig, zwischen dem subjektiven Erleben der Einsamkeit und der objektiven Tatsache der sozialen Isolation zu unterscheiden. Viele Menschen sind gelegentlich gerne allein, und manche sind sozial sehr isoliert, erleben sich jedoch nicht als einsam. Umgekehrt gibt es nicht wenige Menschen, die sich mitten im Getümmel einsam fühlen.

Das Erleben von Einsamkeit und die Tatsache der sozialen Isolation sind also nicht dasselbe. Wer oft allein ist, wird viel wahrscheinlicher Einsamkeit erleben. Wer in der Stadt wohnt, auch, denn er begegnet zwar vielen Menschen, kennt aber die meisten nicht. Und der Mangel an Unmittelbarkeit macht uns gerade im sozialen Bereich auf Dauer unzufrieden und depressiv.

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Haben wir verlernt, miteinander zu reden?

Spitzer: Wir reden weniger miteinander. Medien verdrängen Gespräche, denn die Stunden, die wir täglich mit Medien verbringen, fehlen uns für unmittelbares Miteinander. Wer in jungen Jahren dieses Miteinander nicht mehr lernt, dessen soziales Leben wird ärmer ablaufen. Studien zeigen: Je mehr Mediennutzung Jugendliche haben, desto weniger Mitgefühl haben sie mit Eltern und Freunden. Es geht also weniger darum, dass wir etwas verlernen. Ich mache mir vielmehr Sorgen darüber, dass junge Menschen vieles gar nicht mehr lernen!

Was macht Einsamkeit mit der Gesundheit?

Spitzer: Seit wenigen Jahren erst wurde dies genauer untersucht. Und was man herausfand, hat sogar die Fachwelt stark beeindruckt: Einsamkeit ist in der westlichen Welt der größte Risikofaktor für einen verfrühten Tod. Noch vor Bluthochdruck, Übergewicht, schlechter Luft, Bewegungsmangel, Rauchen und Trinken ist Einsamkeit die Todesursache Nummer eins.

Inwiefern ist Einsamkeit ansteckend?

Spitzer: Hier ist zunächst wieder die Unterscheidung von Einsamkeit und sozialer Isolation wichtig: Wer tatsächlich isoliert lebt, kann auch niemanden anstecken. Aber Einsamkeit erlebt man auch unter Leuten. Und wer sich oft einsam fühlt und viel unter Leuten ist, der kann andere „herunterziehen", wie man sagt. Das ist wichtig zu wissen, weil manchen Menschen für diese Effekte „empfänglicher" sind als andere. Mit Krankheiten ist dies ja auch so: Wer ein schwaches Immunsystem hat, wird eher angesteckt.

Wenn man an Einsamkeit denkt, fallen einem zunächst ältere Menschen ein. Gibt es auch einsame Kinder und Jugendliche?

Spitzer: Wieder muss man hier zwischen sozialer Isolation und Einsamkeit unterscheiden. Tatsächlich bringt das Alter oft soziale Isolation — der Partner oder Freunde sterben, die Kinder sind aus dem Haus etc. Aber keineswegs sind ältere Menschen besonders einsam.

Ganz im Gegenteil: Von 100 jungen Menschen ist ein höherer Prozentsatz einsam als von 100 älteren Menschen. Insbesondere jugendliche Mädchen und junge Frauen fühlen sich oft einsam. Sie sind „sozialer" als junge Männer, daher aber auch auf das Funktionieren der Gruppe stärker angewiesen. Mobbing, „Zickenkrieg" etc. sind die Namen für solche sehr stark belastende und mit starken Gefühlen der Einsamkeit einhergehende Erlebnisse.

Warum ist es besser, in der Natur die Einsamkeit zu suchen statt zuhause oder in einer Stadt?

Spitzer: Zunächst einmal mag es paradox klingen, wenn man Einsamkeit aufsucht, um sie zu bekämpfen. Wenn man jedoch allein in die Natur geht, dann erlebt man sich einerseits als klein (gegenüber hohen Bäumen, Bergen oder dem riesigen Sternenhimmel) und andererseits jedoch zugleich als Teil dieses Großen und Ganzen. So kann man verstehen, was immer wieder gezeigt werden konnte: Wer sich in die Natur begibt, tut sich etwas Gutes. Und nicht nur das: Er wird auch nachweislich freundlicher, aufmerksamer und hilfsbereiter und vermindert damit sein Risiko, Einsamkeit zu erleben. Einsamkeit ist wichtig. Wir sollten uns mehr darum kümmern und wer betroffen ist, kann etwas dagegen tun.

Das Interview führte Evelin Stark

Infos

Zur Person: Manfred Spitzer studierte in Freiburg Medizin, Psychologie und Philosophie. Nach seiner Habilitation für Psychiatrie war er Oberarzt der Universitätsklinik Heidelberg. Seit 1997 leitet er die Psychiatrische Universitätsklinik Ulm.

Buch-Tipp: Manfred Spitzers Buch beschreibt, wie Einsamkeit heute aussieht und wie sie sich auf Körper und Seele auswirkt. „Einsamkeit. Die unerkannte Krankheit“ (Droemer 2018; 20,60 Euro)